Grund zur Sorge?

Computerkriminalität erneut gestiegen

Wissen | Hintergrund

Der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) des Bundeskriminalamtes (BKA) zufolge ist die Computerkriminalität eine der Deliktgruppen mit dem größten prozentualen Zuwachs im letzten Jahr. Allerdings erfaßt die PKS nur Straftaten, die auch tatsächlich angezeigt werden.

Die Computerkriminalität ist 1997 erneut um 22,4 Prozent gestiegen, nachdem bereits 1996 ein Anstieg um 15,1 Prozent zu verzeichnen war. Sie macht damit 0,6 Prozent aller Straftaten in der Bundesrepublik aus. Diese Ergebnisse lassen aufhorchen, zumal die Gesamtzahl der Straftaten um ein knappes Prozent gesunken ist.

Insgesamt wurden im letzten Jahr 39 331 Fälle (Vorjahr: 32 128) von Computerkriminalität registriert. Der weitaus größte Teil davon entfällt wiederum auf den Betrug mit Geldausgabekarten und mit Karten für Kassenautomaten: immerhin 30 727 Fälle (26 802). Auf 'Platz Zwei' folgt mit einer hohen Zuwachsrate der Computerbetrug (§ 263 a StGB) mit 6506 Fällen (3588). Im Gegensatz zum 'normalen' Betrug (§ 263 StGB) täuscht der Täter hierbei keinen Menschen, sondern einen Computer, indem er das 'Ergebnis eines Datenverarbeitungsvorgangs ... beeinflußt'.

Die Fälschung beweiserheblicher Daten und die Täuschung im Rechtsverkehr bei der Datenverarbeitung - das elektronische Äquivalent zur Urkundenfälschung - sind 380 mal (198) zur Anzeige gelangt. Datenveränderung und Computersabotage sind mit 187 Fällen vergleichsweise selten und gegenüber dem Vorjahr (228) sogar gesunken. Das Ausspähen von Daten (Datenspionage) hatte im Jahr 1996 einen drastischen Anstieg um 748,2 Prozent erfahren und war auf 933 Fälle angewachsen. Dies lag aber an Ermittlungskomplexen mit zahlreichen Einzelfällen, die zu einer der üblichen statistischen Verzerrungen führten. Mittlerweile hat sich diese Spionageform wieder auf das 'normale' Maß eingependelt und liegt nun bei 213 Fällen; dennoch zeigt sich im Mehrjahreszyklus ein deutlicher absoluter Anstieg.

Die Softwarepiraterie verzeichnet einen erheblichen Zuwachs, im privaten wie im gewerblichen Bereich zusammen immerhin 1318 Fälle (379). Angesichts sinkender Softwarepreise hätte man eigentlich vermuten können, daß der Anreiz, durch eine Raubkopie viel Geld zu sparen, weggefallen sein dürfte. Man sollte auch nicht denken, Softwarepiraterie würde deshalb weniger intensiv verfolgt, im Gegenteil: Die verbesserte Rechtsgrundlage durch die Änderungen im Urheberrechtsgesetz vereinfacht die Durchsetzung des Rechtsschutzes von Software.

Leider bietet die PKS bei aller Objektivität kein verläßliches Bild des tatsächlich vorhandenen Kriminalitätspotentials. Die in dieser Deliktgruppe erfaßten Straftatbestände decken sich nicht mit dem allgemeinen Verständnis von Computerkriminalität: Hierzu zählen immer mehr auch solche Straftaten, die über das Internet verübt werden, etwa der Betrug durch fingierte Angebote im WWW. Diese Straftaten werden aber vom BKA nicht als Computerkriminalität erfaßt, weil die PKS sich stark an der Fassung der Straftatbestände orientiert und die Durchführungsmethode unbeachtet läßt.

Zudem weist die PKS an keiner Stelle aus, wieviel 'normale' Straftaten (etwa Betrug, üble Nachrede oder das Angebot von Waffen oder Pornographie) unter Zuhilfenahme des Computers, speziell des Internets, geschehen. Nur dies würde aber ein genaues Bild des Bedrohungspotentials zeichnen. Hinzu kommt das übliche Problem, das eine Kriminalstatistik über 'erfaßte Straftaten' mit sich bringt: Man weiß nichts über die Zahl der Straftaten, die entweder unentdeckt bleiben oder aus Angst der Unternehmen vor schlechter Publicity zwar erkannt, aber den Polizeidienststellen nicht gemeldet werden (Dunkelfeld). So läßt sich leider weder ein allgemeiner Trend ablesen noch eine verläßliche Aussage über die weitere Entwicklung der Computerkriminalität treffen. Dennoch scheint sicher, daß diese Kriminalitätsform in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen wird. (nl)

[1] Polizeiliche Kriminalstatistik, Arbeitsgruppenbericht (die ausführliche gedruckte Version erscheint in Kürze)

Der Autor ist Jurist und Leiter des Projekts 'Computerkriminalität' an der Universität Trier, wo er als Mitarbeiter am Lehrstuhl für Strafrecht und Kriminologie seit mehreren Jahren über die strafrechtlichen und kriminologischen Aspekte der Computerkriminalität forscht.

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