Haie und kleine Fische

@ctmagazin | Editorial

Haie und kleine Fische

Der Hai hat keine natürlichen Feinde - wo er auftaucht, hat er das Freßmonopol. Um ihn herum schwirren Pilotfische, die sich ganz gut mit dem erfolgreichen Räuber arrangiert haben: Sie leben von dem, was bei den Haimahlzeiten übrig bleibt.

Wer mit dem Hai lebt, muß sich ihm bedingungslos anpassen. Der Hai greift sich, was er will. Wer ihm dabei in die Quere kommt, gerät in Schwierigkeiten - oder wird gar selbst aufgefressen.

Während es im Meer nur um Fressen und Gefressenwerden geht, sollten im Biotop der Wirtschaft Wettbewerbsgesetze die kleineren Fische vor den Haien schützen. Aber Gesetze lassen sich dehnen und bieten viel Spielraum für die Interpretation.

Dabei ist der Fall eigentlich klar, um den es im Verfahren der Federal Trade Commission gegen Intel geht: Der Chip-Gigant hat sich offenbar dreist an fremdem geistigen Eigentum vergriffen. Als sich die Patentinhaber zu wehren versuchten, hat er sie unter Druck gesetzt und ihnen Lizenzverträge zu seinen Bedingungen aufgezwungen.

Das schreit nach Strafe und bleibt doch womöglich ohne Folgen. Denn das angewendete Druckmittel war lediglich Informationsentzug, also nichts Gesetzwidriges. Die Widerborstigen waren nur ausgeschlossen von den vertraulichen Informationen über künftige Technik, die Intel vorab an große Computerhersteller zu verteilen pflegt. Ganz blauäugig pocht Intel nun auf sein Recht, allein und frei zu entscheiden, mit wem man solche Firmengeheimnisse teilt. Das ist ein Argument, das jeder versteht.

Da hat es die FTC schwer, ihre Position begreiflich zu machen. Firmen, die früh informiert werden, können den Informationsvorsprung unmittelbar in Marktvorteile umsetzen - und absahnen, solange die Technik noch neu ist und sich Geld damit verdienen läßt. Der Monopolist Intel hat die Macht, den Wettbewerb im Computermarkt allein durch seine Informationspolitik massiv zu beeinflussen - ohne überhaupt selbst Computer zu verkaufen.

Die PC-Hersteller haben sich selbst von Intel abhängig gemacht. Durch ihr blindes Mitmachen bei der Intel-inside-Kampagne haben sie die Marke des Prozessors zum entscheidenden Qualitätskriterium geadelt; der Herstellername auf dem Gehäuse spielt aus Kundensicht kaum noch eine Rolle. Keiner kann es sich mehr leisten, PCs ohne Intel-Chips anzubieten. Ganz zu schweigen von dem Imageverlust, nicht zu den ersten Anbietern der neuesten Technologie zu gehören - und die kommt nun mal von Intel, nicht von AMD oder Cyrix. Und so leistungsfähig Alpha und PowerPC auch sein mögen: Im PC-Massenmarkt gibt es zu den x86-kompatiblen Prozessoren keine Alternative.

Auch Umsatzelefant Compaq hat deshalb gegen Intel nichts in der Hand, und das späte Bekenntnis zum Alpha wird daran kaum noch etwas ändern. Bislang galt im Computergeschäft: Solange der Hai satt wird, haben die Pilotfische nichts zu befürchten. Aber der Hai wächst und wächst - und sein Appetit wächst mit ...

Oliver Diedrich

Anzeige
Anzeige