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IPv4-Adressen als begehrtes Handelsgut

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Über 11 Euro bezahlte Microsoft für jede der 666.624 IPv4-Adressen aus der Konkursmasse des insolventen Netzwerkausrüsters Nortel. Seitdem ist die Zahl der IPv4-Adressverkäufe sprunghaft angestiegen und Adressbroker wittern das große Geschäft.

Der Domino-Effekt hat noch nicht die Surfer erreicht, aber es ist absehbar, dass man bald nicht mehr nach Belieben ins Internet kommt, sondern wegen der Knappheit an IPv4-Adressen warten muss, bis der Nachbar endlich aufgelegt hat. Die Verteilung sämtlicher Internet-Adressen koordiniert zunächst die Internet Assigned Numbers Authority, IANA. Sie teilt Adressblöcke regionalen Internet-Registrys (RIRs) zu, die sie an lokale Registrierungen und diese wiederum an Provider weitergeben. Erst Letztere teilen sie schließlich einzelnen Internet-Anschlüssen zu.

Im Januar gab die IANA nun den letzten IPv4-Adressblock an die asiatische Internet-Registry APNIC aus. Danach gab es für alle regionalen Registries noch einen allerletzten /8er Block (16 777 214 Adressen). Derweil hat die APNIC auch die letzten Reserven aufgebraucht – für Provider in Asien sind gar keine IPv4-Adressen mehr von öffentlicher Seite erhältlich. Und beim RIPE rechnet man damit, dass der Vorrat im dritten Quartal ausgeht. Dann heißt es: IPv4 haben wir nicht mehr, darfs auch IPv6 sein?

Schon lange war klar, dass IPv4-Adressen spätestens ab diesem Zeitpunkt sehr begehrt sein würden – weil der Nachfolger IPv6 während der IPv4-Verknappung noch nicht etabliert ist. Beispielsweise gibt es noch wenige Provider, die DSL-Anschlüsse mit IPv6 anbieten. Sie halten sich zurück, weil IPv6-fähige Netzwerk-Elemente nur langsam reifen.

Fachleute spekulierten schon lange, dass ganze IPv4-Blöcke auf eBay unter den Hammer kommen könnten. Jetzt sind gleich mehrere Adress-Broker am Start, die an den Transaktionen mitverdienen wollen. Den 7,5-Millionen-Deal zwischen Nortel und Microsoft fädelte die in Reston, Virginia, ansässige Firma Addrex ein, die personell mit den Unternehmen Denuo und Depository verbunden ist – alle drei sitzen im selben Bürogebäude in Reston.

Die IANA und auch die APNIC gibt es natürlich weiterhin – aber IPv4-Adressen haben sie keine mehr zu verteilen.

Addrex-Präsident Charles M. Lee, ehemals CTO beim Netzbetreiber Verizon und heute auch Präsident von Denuo, hält Anfragenden zunächst eine Non-Disclosure-Erklärung zur Unterschrift vor, bevor er Informationen fließen lässt. Man will die Adress-Deals nämlich „diskret“ über die Bühne bringen. Derweil wird auf einschlägigen Listen schon spekuliert, Addrex könnte fünf Prozent aus dem 7,5 Millionen Dollar Deal erzielt haben.

Günstiger bietet Martin von Löwis, Dozent am Berliner Hasso-Plattner-Institut seine Dienste über tradeipv4.com an. Seine Kommission: ein Prozent. Das macht bei üblichen Deals mit mehreren Millionen Adressen immer noch nette Summen.

Die RIRs verlangen, dass die Transfers gemäß ihren Regeln ablaufen und dazu gehört, dass mindestens ein /24-Block den Besitzer wechseln muss (255 Adressen) und dass die Einkäufer ihren Bedarf belegen. Zudem möchten die Verwalter gerne „frei laufende“ IPv4-Adressen unter ihr Dach zurückbringen. Inhaber dieser vor dem Entstehen der regionalen Registrierungen ausgegeben Adressen sind bislang nicht Vertragspartner der RIRs und daher ihrem Zugriff entzogen. Von Löwis verweist und verlinkt auf die RIR-Regeln, schreibt allerdings auch, dass es für die Transfers von Legacy Adressen durchaus eine Grauzone gebe.

Für die Nortel-Microsoft-Transaktion, bei der es auch um Legacy Adressen ging, bedurfte es einer Intervention durch ARIN-Chef John Curran, um Käufer und Verkäufer auf die „rechte Bahn“ zu bringen. Microsoft unterzeichnete am Ende einen speziellen Legacy-Adressvertrag. Während man bei ARIN den Deal nun als regelgerecht begrüßt, höhnte RIR-Kritiker Milton Mueller von der Syracuse University, ARIN habe nur gute Miene zum bösen Spiel gemacht und über Details der eigenen Transferregeln hinweggesehen – der Deal habe so untermauert, dass IP-Adressen Eigentum sein könnten. Aus Sicht der RIRs geht es aber mehr um ein Nutzungsrecht und Insider orakeln, sollte es irgendwann zum Streit wegen Eigentumsrechten kommen, könnte am Ende das US-Verteidigungsministerium beanspruchen, Eigentümer aller IPv4-Adressen zu sein.

Beim RIPE-Treffen in Amsterdam Anfang Mai waren die Transferregeln einmal mehr Thema der Debatte. Warum machen nicht die RIRs das Geschäft mit der Vermittlung selbst, statt es mehr oder weniger gierigen Maklern zu überlassen? Doch als echte Broker wollen die RIRs nicht auftreten. Sie verweisen auf ihren Status als Non-Profit-Organisationen. Allerdings gibt es bei ARIN einen Dienst für Anbieter und Suchende von Adressen.

Der Geschäftsführer des RIPE NCC, Axel Pawlik, sagte am Rande des RIPE-Treffens gegenüber c’t, dass man beim RIPE einen solchen Service ebenfalls ins Auge fasse. Wer sich eine Maklergebühr für seinen neuen Block sparen will, kann also in Zukunft selbst auf die Suche gehen. Ein anderes Projekt, das die RIRs längst abgeschlossen haben wollten, ist ein Übereinkommen über eine globale Transferspolitik. Derzeit sind Transfers über die RIR-Grenzen hinweg nämlich nicht gestattet. Darüber dürften sich aber ambitionierte IPv4-Broker nur zu gerne hinwegsetzen wollen, denn immerhin liegen die Preisvorstellungen für globale Transfers laut tradeIPv4.com rund doppelt so hoch wie die innerhalb der RIPE-Region – gefordert sind 200 Dollar pro Adresse, geboten aber 7.

Ein geordneter Handel dürfte sehr im Interesse der RIRs liegen, denn schon beschießt das Denuo-Addrex-Depository-Imperium die Adressverwalter auch an anderer Stelle. Bei der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers hat Depository sich darüber beschwert, dass es keinen Massenzugang zu den IP-Adressdaten von ARIN erhalten hat.

ARINs Hauptbegründung, dass Depository beantragt habe, selbst Adressverwalter zu werden, wies Depository zurück. Depository hatte in der Tat einen Antrag auf Zulassung als IP-Adressverwalter vorgelegt. Aber es gehe dabei nicht um IP-Adressen von der IANA – vielmehr gehe es darum, für all die Adressinhaber als Registry aufzutreten, die keinen Vertrag mit einer anderen Registrierung hätten. Offenbar zielt Depository auf die leichter handelbaren und wohl volatileren, weil im großen Stil von IANA ausgegebenen Legacy-Adressen. Wie die RIR-Gemeinde, aber auch ICANNs Vorstand mit der Infragestellung des klassischen RIR-Systems unter dem Motto „mehr Wettbewerb“ umgehen werden, dürfte für eine Weile spannend werden – bis IPv6 dem ganzen Spuk ein Ende macht. (dz)

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