Heißes Eisen

Vobis Highscreen Alpha 5000

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Zur CeBIT will Vobis ein heißes Eisen auspacken: ein System mit Alpha-Prozessor, 500 Mhz Taktfrequenz und 64 MByte RAM für unter 7000 DM. Wir haben uns schon jetzt ein Vorseriengerät anschauen können.

Daß Vobis seit langer Zeit schon mit dem Wintel-Kartell als Haus- und Hoflieferant unzufrieden ist, stellt kein Geheimnis dar. Daß die Würselener sich am heißen Eisen Alpha bereits die Finger verbrannt haben, mag manchem noch im Gedächtnis haften geblieben sein. Um so mutiger scheint der Schritt, zur CeBIT 97 erneut mit einem Alpha-basierten System vorstellig zu werden.

Doch während der erste Versuch von Vobis, den Alpha salonfähig zu machen, eher unmotiviert ausfiel und allein aus einer umetikettierten DEC-Maschine bestand, steckt hinter dem jetzigen Anlauf mehr: In den kommenden Monaten will Vobis eine ganze Systemfamilie daraus machen. Der Highscreen Alpha 5000 spielt in diesem Plan die Rolle des Einstiegsmodells.

In dem Midi-Desktop-Gehäuse verbirgt sich ein von Digital Equipment gefertigtes AlphaPC-164-Motherboard. Als CPU kommt der 21164-Prozessor zum Einsatz. Neben einem jeweils 8 KByte großen Daten und Instruktionscache werkelt darin ein 96 KByte großer 2nd-Level-Cache. Auf dem Motherboard findet sich zusätzlich ein 1 MByte großer `Backup´-Cache, der mit SRAM-Chips bestückt ist.

Von insgesamt vier PCI-Slots und zwei ISA-Slots sind in der Grundausstattung bereits einer vom Grafikadapter und einer von der ISA-Netzwerkkarte belegt. Das Motherboard enhält zwei serielle sowie eine parallele Schnittstelle, PS/2-Maus- und Tastaturport sowie einen Zweikanal-IDE-Controller. Zum Lieferumfang des endgültigen Produkts soll eine zwei bis drei GByte große IDE-Platte nebst ATAPI-CD-ROM-Laufwerk gehören. Als Grafikkarte kommt ein S3-Virge-988-basiertes Modell mit vier MByte Bildspeicher zum Einsatz.

Als Besonderheit sind zwei der vier PCI-Slots 64bittig ausgelegt. Sie nehmen aber weiterhin auch `alte´ 32-Bit-PCI-Karten auf. Der Onboard-Backup-Cache läßt sich auf 2 MByte SRAM ausbauen. Der Speicherbus kann je nach Bestückung in 128- oder 256-Bit-Weite betrieben werden; 128 Bit sind Standard bei 64 MByte RAM. Die Firmware des System liegt in einem Flash-Chip.

Ganz kann sich Vobis mit dem Alpha-System nicht vom Wintel-Kartell lösen, ein Partner bleibt im Boot: Microsoft liefert mit Windows NT das Betriebssystem. Es gehört zum Lieferumfang. Linux gäbe es als (frei erhältliche) Alternative - allerdings nicht von Vobis. An Digitals Unix oder OpenVMS ist momentan auch nicht gedacht. Vobis meint, mit NT 4.0 gut für Highend-Grafikanwendungen, Intra- sowie Internet gerüstet zu sein und sehnt bereits NT 5.0 herbei.

Anders als beim ersten Anlauf, Alpha-PCs ins Programm zu hieven, macht Vobis nun seinen Einfluß bei Lieferanten geltend. Laut Mike Decker, Projektleiter in Sachen Alpha bei Vobis, arbeitet man mit einigen Zulieferern und einer Gruppe von Digital daran, bessere Highend-Add-ons für PCs an den Alpha anzupassen. Gedacht ist hier an Grafik- und Soundkarten, aber auch externe Peripherie wie Scanner. Schließlich deckt der Lieferumfang NTs bei weitem nicht alles ab.

Das Hauptmanko eines Alpha-Systems, nämlich fehlende für diese Plattform entwickelte Software, soll Digitals FX!32 ausbügeln: Dahinter steckt ein Zusatz für Windows NT, der es ermöglicht, auf einem Alpha-Prozessor für Intel-CPUs geschriebene 32-Bit-Windows-Anwendungen auszuführen. Der Klarheit halber: Es handelt sich dabei nicht um die ohnehin vorhandene Fähigkeit von NT 4.0, auf Alpha (und anderen RISC-Plattformen) alte DOS- und (16-Bit-)Windows-Programme laufen zu lassen.

Hinter FX!32 steckt mehr als nur einfache Emulationstechnologie, sondern ein komplexes Stück Software. Beim ersten Aufruf eines 32-Bit-Windows-Programms interpretiert FX!32 den Intel-Code. Systemaufrufe setzt es dabei natürlich schon so um, daß Alpha-Code ausgeführt wird. Während FX!32 ein Intel-Binary abarbeitet, sammelt es Informationen über das Programm. Bei Programmende nimmt es sich dieses Profils an und optimiert und übersetzt den Code in Alpha-Code.

Bei späterer Benutzung einer optimierten Applikation wird der soweit erzeugte Alpha-Code ausgeführt. FX!32 lernt sozusagen dazu. Klar, daß eine derartige Emulation ihre Probleme hat, wenn sie auf selbstmodifizierenden Code trifft. Im FX!32-Manager lassen sich einzelne Programme explizit von der Optimierung ausschließen. Problematisch ist auch die Installation von Intel-Binaries: Zu diesem Zweck bringt FX!32 eine spezielle Installationsfunktion mit.

Digital geht mit FX!32 sehr offen um und dokumentiert Unverträglichkeiten mit bestehender Intel-Software. Hauptziel liegt darin, eine perfekte Emulation für die verbreitetsten Programme zu liefern. Probleme mit Office 97, speziell den Assistenten, soll die nächste Version (1.2) ausräumen. Offiziell steht zwar nur 32-Bit-Intel-Software für NT auf dem Speisezettel von FX!32, aber solange die 32-Bit-Kost nicht von speziellen Windows-95-Fähigkeiten Gebrauch macht, schluckt und verdaut FX!32 diese.

Ärger ist dann vorprogrammiert, wenn über den Datenaustausch via OLE hinaus interdisziplinäres Arbeiten zwischen Alpha- und Intel-Code gefragt ist. So rät Digital vom Einsatz der Intel-Version von Word 7.0 als EMail-Editor in dem mit NT für den Alpha gelieferten EMail-Frontend Exchange ab. Probleme treten auf, wenn gleichzeitig eine Intel- und eine Alpha-Hilfe offen stehen, oder bei Intel-Plug-ins in Alpha-Anwendungen. Die Release-Notes klären in diesen und weiteren Fragen auf.

Für den alltäglichen Gebrauch aber erfüllt FX!32 mehr als nur seinen Zweck. In Einzelfällen hört man gar von sensationellen Erfolgen, etwa Excel-Mappen, deren Berechnung beim zweiten Lauf unter FX!32-Regie deutlich schneller läuft als auf einem Intel-PentiumPro 200. Auch wenn das vielleicht falsche Hoffnungen weckt, gehört es ebenso dazu, wie die Aussage, daß eine Emulation nun mal keine Wunder vollbringen kann ...

Bliebe die native Software für den Alpha unter NT. Hier sieht es besonders abseits etwaiger Speziallösungen für Grafik, CAD und Datenbanken düster aus: Microsoft hat zum Beispiel Office 95 nie an den Alpha angepaßt; einzig Excel 5.0 und Word 6.0 waren seinerzeit in einer Version für den Alpha erhältlich. Genauso inaktiv zeigen sich andere Softwarehersteller. FX!32 kann diese Lücke zwar schließen und überrascht dabei mit brillanten Resulaten, aber das kann native Software nicht ersetzen.

Dennoch ist das Vobis-Angebot interessant: Preislich konkurriert das System durchaus mit aktuellen Intel-Systemen in vergleichbarer Ausstattung. Digital und andere Anbieter von Alpha-Technologie setzt Vobis damit mächtig unter Druck. Bleibt zu wünschen, daß Vobis das Rauschen der immerhin drei Lüfter des Systems noch senkt - das uns zur Verfügung gestellte Vorserienmodell wäre eine Zumutung am Arbeitsplatz und gehört in einen Serverraum verbannt. (ps)

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Mangels geeigneter Anwendungsbenchmarks für Alpha und Intel benutzten wir einen Teil der bereits in [1] für den Vergleich zwischen Intel und PowerPC verwendeten Programme. Sie attestieren dem Alpha durchweg bessere Performance bei Fließkommaoperationen als dem zum Vergleich herangezogenen IBM-System mit PentiumPro 200 (eine neue Produktlinie namens IntelliStation, mit der IBM im Intel-Workstation-Markt Fuß fassen möchte). Die anderen Programme aus [1] liefern ein ähnliches Bild. Bei dem hier dargestellten HINT-Benchmark hilft dem Alpha der Cache: er hat über 1 MByte, der PentiumPro nur 256 KByte 2nd-Level-Cache. Erstaunliches erbrachte FX!32: Die Intel-Kompilate reichten in der Emulation mitunter fast an den PentiumPro heran.

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