Hit-Clips

Der audiophile PC

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Wozu eine Stereoanlage? Man hat doch einen Computer. Der spielt nicht nur CDs, sondern kopiert die schönsten Stücke auf neue Scheiben zusammen. Er beschränkt sich nicht knauserig auf Zwei-Spur-Stereo, gönnt dem Anwender vielmehr - wenn es drauf ankommt - auch mal zwölf Spuren. Er berechnet im Vorübergehen aberwitzige Klangeffekte. Spielt die neuesten Hits aus dem Internet. Und sorgt für ein raumfüllendes Klangbad, das sich in Länge und Breite und demnächst auch in alle drei Raumdimensionen erstreckt.

120 Jahre liegen zwischen Edisons Phonograph und dem modernen 20-Bit-Soundchip. Genug Zeit für eine Unzahl klangvoller Erfindungen. Viele davon sind in heutigen Rechnern vereinigt: CD-Spieler, CD-Recorder - und natürlich Soundkarten jeder Façon, samt der dazugehörigen Lautsprecherböxchen [1].

Gängige Soundkarten übernehmen dabei diverse Aufgaben. Sie übersetzen Signale von Mikrofon, Kassettenrecorder oder sonstigen `analogen´ Audio-Geräten ins Digitale. In dieser Form lassen sich Geräusche, ja sogar komplette Musikstücke auf der Festplatte ablegen - und auch auf CD-Recordable überspielen. Umgekehrt wandeln Soundkarten digitalisierte Klänge - ob selbst aufgenommen oder per Multimedia-CD-ROM in den Rechner gebracht - wieder in die analoge Form zurück, zum Beispiel, um sie per Lautsprecher hörbar zu machen. Schätze digitalisierter Musik harren auch im Internet ihrer Entdeckung, etwa Beatles-Evergreens - von William Shatner alias Captain Kirk dargeboten.

Die Wandlung vom Analogen ins Digitale und zurück ist den meisten Soundkarten-Herstellern nicht genug: Selbst Produkte für weniger als 100 Mark dienen zusätzlich als Ein-Mann-Kapelle (siehe S. 148). Die dazu verwendeten Chips sind oft Spar- oder zumindest Spezialversionen der Schaltkreise, die in Keyboards, Synthesizern und Samplern auf den Bühnen und in den Studios dieser Welt für die guten Töne sorgen. Der Rechner legt diesen Chips sozusagen Musiknoten vor: MIDI-Daten (`Musical Instrument Digital Interface´), welche nur die Tonfolgen beschreiben, nicht aber deren exakten Klangfarben - eine Ursache für die gewissen Soundunterschiede zwischen den Karten.

Will man das Chip-Orchester nicht bloß Spiele oder Multimedia-CD-ROMs untermalen lassen, sondern vielmehr selbst in die Tasten greifen, muß ein MIDI-Sequencer-Programm her, quasi eine Textverarbeitungssoftware für Musik [2, 3]. Konsequenterweise findet sich in Sequencern oft auch eine Druckfunktion - nicht für Texte, sondern für Notenblätter.

MIDI tritt allmählich in den Hintergrund, werden doch die anderen Audiofunktionen dank zunehmender Leistung der Klangchips immer interessanter. So besteht nun endlich Aussicht auf `echten´ 3D-Sound - anstelle von vergleichsweise einfachen Surround-Tricks wie im Kino und anstelle von Breitwand-Stereo-Effekten, denen ebenfalls das Etikett `3D´ aufgeklebt wird. Im Gegensatz zu diesen Verfahren soll die nächste Soundkartengeneration dagegen tatsächlich Schallquellen gezielt im virtuellen dreidimensionalen Raum plazieren können.

Die Elektronik nutzt dabei psychoakustische Gesetzmäßigkeiten, die erlauben, Schallereignisse von links, rechts, vorne, hinten, oben und unten mit einem gewöhnlichen Kopfhörer oder zwei schlichten Stereoboxen nachzuahmen. Das verlangt allerdings eine kräftige Rechenleistung - und auch sonst noch einigen technischen Aufwand (siehe S. 160). Von bezahlbaren Soundkarten darf man deshalb nicht zuviel verlangen ...

Etwas handfester als die diffusen Ideen von `3D-Sound´ wirken die jünsten Ankündigungen von Mehrspur-Soundkarten in PCI-Technik. Wo früher großkalibrige Tonbandmaschinen zwischen 5000 und 20 000 DM die Musik auf 8 bis 16 unabhängigen Spuren festgehalten haben, arbeiten demnächst volldigital PC-Karten zu Preisen ab 1000 DM - Offenbarung für ambitionierte Heimmusiker, Wohltat für das Budget kleiner Studios. Bislang kamen Karten dieser Preisklasse allenfalls auf vier Ein- und vier Ausgänge [4], sieht man von Lösungen jenseits von Windows und MacOS ab - zum Beispiel Erweiterungen für den C-Lab/Atari Falcon.

Emagic etwa hat eine PCI-Soundkarte namens Audiowerk8 angekündigt. Zum Preis von knapp 1000 DM soll sie zwei (analoge) Eingänge und acht (analoge) Ausgänge bieten. Man arbeitet an passender Software für Windows wie auch für MacOS. Schon länger im Gespräch ist eine Macintosh-Karte namens 1212I/O von Korg (Vertrieb: Musik Meyer). Sie besitzt zwei analoge sowie zehn digitale Ein- und Ausgänge - summa summarum zwölf unabhängige Kanäle. Weder die Karte von Emagic noch die von Korg standen allerdings bis Redaktionsschluß in testbaren Versionen zur Verfügung.

Auf der Musikmesse ´97 zeigte Creamware (Vertrieb: TSI) die Betaversion eines preisgünstigen Windows-Mehrspursystems mit je 16 Ein- und Ausgängen. Es soll ab Mai verfügbar sein. Auch Event, ein Ableger der in Studiokreisen bekannten Firma Alesis, arbeitet dem Vernehmen nach an einer Achtspur-Karte.

Ensoniq (Vertrieb: Soundware Audio Team) will ein studiotaugliches Mehrspursystem namens Paris auf den Markt bringen. Der Preis einer typischen Konfiguration mit je vier analogen Ein- und Ausgängen inklusive der mischpultähnlichen Fernsteuerung beträgt etwa 6000 DM. Die zentrale PCI-Karte des Systems nimmt bis zu 16 Spuren gleichzeitig auf. Pro Spur steht jeweils eine umfassende Klangregelung zur Verfügung; sechs digitale Signalprozessoren sorgen für Nachhall und andere Effekte in 24-Bit-Qualität.

Die Soundkarte als Musikstudio in Kompaktform - ein gewaltiger Fortschritt. Aber die Entwickler haben noch mehr vor: Kein spezieller Signalprozessor, sondern der Hauptprozessor selbst soll mittels geeignter Rechenverfahren Höhen und Bässe der digitalen Audiodaten regeln, die Klänge mit einem Halleffekt versehen und vieles mehr. Auf diese Weise wird selbst billige Sound-Hardware zum kleinen Musikstudio. Eines der ersten Softwareprodukte dieser Art war Steinbergs Cubase VST für Power Macintosh [5]. Eine Windows-Version ist angekündigt. Auch Emagic will demnächst Echtzeit-Effekte in seine Software integrieren.

Die Rechenpower aktueller Computer ist vor allem zur Bearbeitung von Klängen interessant. Ob man markige Sprüche aus Filmen zurechtschneidet oder Stücke von 78er Schallplatten für die Überspielung auf CD-R vorbereitet: In jedem Fall wollen Datenmengen im Multi-Megabyte-Bereich behandelt sein. Hier ist Software gefragt, die nicht nur geschickt mit RAM und Festplatte umgeht, sondern auch die gewünschten Effekte möglichst schnell errechnet - am besten in `Echtzeit´ beim Abspielen, also ohne die bisher meist üblichen minutenlangen Denkpausen. Eine Bearbeitungssoftware für Audiodateien, die zumindest teilweise so arbeitet, bietet Steinberg mit WaveLab für Windows an.

Die Effektgeräte der wahren Studiowelt sind `modular´ aufgebaut: Hallgerät, Equalizer, Limiter (Pegelbegrenzer) und so weiter - alles sitzt im eigenen kleinen Gehäuse. Vergleichbar damit arbeiten die Plug-ins in der digitalen Welt: Als einzeln käufliche Softwaremodule werden sie in die jeweiligen Programme eingeklinkt.

Leider herrscht über die Datenschnittstellen zwischen Plug-ins und Programmen noch keine Einigkeit. Ob WaveLab unter Windows oder Cubase VST für Macintosh: Die meiste Software verlangt eine jeweils eigene Sorte von Modulen. Den Plug-in-Standard im Bereich professioneller Mac-Anwendungen setzt Digidesign mit dem TDM-System.

Gute Chancen bestehen, daß sich Premiere-Plug-ins und ActiveMovie-Filter auch im Audiobereich als typische Darreichungsform etablieren - obwohl beide Standards eigentlich zunächst zur Videonachbearbeitung gedacht waren. Die erstere Variante wird ein Audioeditor für den Mac unterstützen: Bias Peak (Vertrieb: Focus). Die zweite Variante soll im kommenden WaveLab 1.6 verwirklicht sein.

Die bloße Bearbeitung von Klängen frißt zwar schon eine gehörige Rechenleistung. Doch der Aufwand läßt sich noch steigern: mit dem Berechnen von Klängen. Wo früher ein Bogen über die Saite kratzte oder zumindest ein paar Kondensatoren und Widerstände ein Transistorpärchen zum Schwingen brachten, musizieren nur noch die Rechenwerke des Hauptprozessors.

Dank `Physical Modelling´ - der Nachbildung der Mechanik von schwingenden Saiten und klingenden Hölzern per Rechenvorschrift - läßt sich jeder Klang nachahmen. [6] Wie elektronische Musikinstrumente der Zigtausend-Mark-Klasse beweisen, erzielt dieses Verfahren bei entsprechendem Aufwand überwältigende Ergebnisse. Auch die - vergleichsweise - schwache Rechenleistung gängiger PCs gestattet schon interessante Klänge.

Eines der ersten hörbaren Beispiele liefert Native Instruments mit der Windows-Software Generator, die aber nicht Mechanik nachahmt, sondern die Wirkung von Transistoren und Kondensatoren im `klassischen´ Musiksynthesizer. Generator befindet sich derzeit noch im Entwickungsstadium, so daß wir von einem Test in c't absehen mußten.

Wie der heimische Cassettenrecorder ist auch der audiophile Computer nicht nur für Musiker ein Hilfsmittel. CD-R-Schreiber etwa erlauben auch dem Hobbyisten, alte Vinylplatten in das Silberscheibenformat zu überführen oder alle Hits auf einer einzigen CD zu vereinen.

Erster Schritt dazu: die Audioaufnahmen digitalisieren und auf der Festplatte sammeln. Herkömmliche Soundkarten bewerkstelligen das mit den analogen Signalen aus Verstärker (Line-out) oder Mikrofon. Wer hochwertige Mitschnitte per Digitalrecorder anfertigt, wird diesen Weg aber nicht beschreiten wollen: Ob DAT-, MD- oder DCC-Recorder - intern liegen die Daten bereits digital vor; beim unsinnigen Wandeln von Digital nach Analog und wieder zurück entstehen Verluste. Eine saubere Lösung bringen Soundkarten mit S/P-DIF-Digitalanschluß (siehe S. 170). Auch für NuBus- und PCI-Macintosh sind solche Karten verfügbar, zum Beispiel von Lucid (Vertrieb: Klangkonzepte).

Eine Lösung für Studioprofis liefert Gallery mit seinem DATStudio (Vertrieb: Klangkonzepte). Das mit 6000 Mark nicht gerade billige Paket aus Streamer-Bandlaufwerk sowie Mac-Software liest und schreibt Audio-DAT-Cassetten mit doppelter Geschwindigkeit per SCSI-Bus. Es basiert auf demselben DAT-Streamer, den auch Silicon Graphics zu seinen Workstations verkauft. Seagate, der eigentliche Hersteller, vermarktet dieses mit spezieller Betriebssoftware ausgestattete Laufwerk inzwischen auch selbst (CTD8000H-SSP bzw. CON4326NP/A, Part-Nummer 710002-011). Passende Audio-Treiber sind allerdings erst für Sun-Workstations zu haben.

Sind die digitalen Audiodaten für die CD-R auf der Festplatte versammelt, beginnt erst die richtige Arbeit: das Zusammenschneiden und Säubern mit einem Audio-Editor. Und wo die Klänge schon einmal unter dem Seziermesser liegen, wird man auch gleich Knackser und Rauschen beseitigen (siehe S. 184). Die CD-R zu brennen ist dann nur noch eine Sache weniger Mausklicks - die richtige Brennsoftware vorausgesetzt (siehe [7] und S. 116). Aber wie man hört, zieht die kommende neue Generation von Audio-Editierprogrammen wohl auch hier neue Saiten auf ... (jl)

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Audio-Artikelübersicht
Aktuelle PC-Soundkarten Seite 148
Klang in zwei und drei Dimensionen Seite 160
Digital überspielen mittels S/P-DIF Seite 170
Audiodaten komprimieren Seite 178
Schellack-Schätzchen entknacken Seite 184

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