Hochverfügbare Ausfälle

Web-Hosting bei Strato: Jetzt soll alles besser werden

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Von den momentan knapp 2,6 Millionen de-Domains werden über eine Million an einem Ort gehostet: in Karlsruhe. Die für die Bewirtung verantwortliche Berliner Strato AG kommt aus den Negativschlagzeilen nicht heraus. Ihr werden Mängel in Sachen technischer Kompetenz, interner Kommunikation und Umgang mit den Kunden vorgeworfen.

Es war eine mondäne Party. Weil die Teles eTrack AG nun über eine Million deutscher Domains bewirtet, lud sie die Internet-Prominenz in den eTrackDOME direkt an der Spree. Die Firma verwöhnte ihre Gäste in der lauen Frühsommernacht mit Häppchen und Sekt. Während der Vorstand feierte, stürzte die Stimmung seiner überall in Deutschland verstreuten Kundschaft steil dem Nullpunkt entgegen. Wieder einmal waren ihre von der Teles-Tochter Strato gehosteten Web-Präsenzen für Stunden nicht abrufbar, weil gleich zwei Stromausfälle in Karlsruhe die Notstromversorgung des Strato-Technikpartners KPNQwest ins Straucheln gebracht hatten. Was Strato nur eine Fußnote wert war, bedeutet zum Beispiel für kleine Firmen, deren Web-Shops wegen dieser Pannen nicht erreicht werden konnten, einen erheblichen Umsatz- und Imageverlust.

Millionste Domain
Keine Panik auf der Titanic? Strato-CEO Helmut Henkel (links) und Aufsichtsratsmitglied Rochus Wegener feiern auf der eTrack-Party in Berlin die volle Million.

Gleich zweimal innerhalb einer Woche waren sämtliche Strato-Domains nicht mehr zu erreichen; und das, obwohl doch laut Werbeblättchen ‘hochverfügbare Sun-Technologie’ für ständige und schnelle Erreichbarkeit zum Einsatz kommt. Der Totalausfall war nur der vorläufige Gipfel einer fortwährend andauernden Pannenserie. Mal fallen die Mail-Server aus, dann werden wieder die Server-Logfiles, die ein wichtiges Instrument zur Analyse des Web-Präsenz-Erfolgs sind, nicht geliefert. Die Einrichtung eines versprochenen zweiten Shopservers verzögerte sich mehrfach. Kunden, die Strato verlassen wollen, klagten über eine extrem langsame Bearbeitung der dazu notwendigen KK-Anträge durch den Web-Hoster [[#lit1 1]]. Wenn Kunden aktiv werden und Ausfallentschädigungen fordern, zeigt sich Strato neuerdings kulanter. Man entschuldigt sich ‘außerordentlich für die Unannehmlichkeiten der letzten Monate’ und erstattet bereits bezahlte Gebühren teilweise zurück.

Wurde Strato zu den Problemen befragt, verwies die Firma meist auf den Partner KPNQwest Germany, der sich nach c't-Informationen gerade in einer schwierigen Umstrukturierungsphase befindet. Zwar hatte KPNQwest die XLink Internet Service GmbH Karlsruhe schon im April 1999 vollständig gekauft, aber erst im Mai dieses Jahres hat man auch den Namen geändert. XLink ist aus einem Universitätsprojekt hervorgegangen und besteht schon seit 1983. Entsprechend allergisch reagiert die Belegschaft offensichtlich momentan auf das straffere Management der niederländischen KPNQwest-Zentrale. In der Vergangenheit wurde KPNQwest oft dafür gerügt, über ein Drittel aller deutschen Web-Päsenzen - nämlich alle Strato-Kunden - auf einer einzigen Maschine zu verwalten. Nur allmählich scheint sich auch dort die Erkenntnis durchzusetzen, dass dieses Konzept in der Tat höchst fragwürdig ist.

Wie die technische Infrastruktur von Strato bei KPNQwest nun wirklich beschaffen ist, lässt sich nur erahnen. Weil dazu auch von Strato selbst widersprüchliche Angaben kamen, fragte c't direkt bei der deutschen KPNQwest-Geschäftsleitung nach: Laut Vice President Koen Bertoen hostet KPNQwest die Power-Web-Pakete auf zwei Sun-Enterprise-6500-Servern, wobei eine der beiden Maschinen lediglich als Mirror fungiert. Für alle anderen Services, also Web-Visitenkarten, Shops, ftp-Server und Mail-Server sind insgesamt 13 Sun E4500er zuständig. Installierte Inktomi-Traffic-Server sollen das Load Balancing übernehmen. Sie entlasten als Cache-Cluster den eigentlichen Web-Server, indem sie Requests abfangen und aus ihrem eigenen Zwischenspeicher beantworten. Mit dem ursprünglichen Gedanken von Load Balancing, nämlich Requests direkt auf den am wenigsten belasteten Web-Server eines Clusters umzuleiten, hat das freilich wenig zu tun.

Das ‘Alles an einem Ort’-Prinzip soll nach dem Willen von KPNQwest schon bald der Vergangenheit angehören. Derzeit erwägt Teles mehrere Optionen. Ob zumindest der bisherige Kundenbestand bei der ehemaligen XLink in Karlsruhe bleibt oder Strato komplett in das nagelneue Münchner ‘Mega-Cybercenter’ von KPNQwest umziehen wird, ist noch unklar. Die anderen Teles-Töchter CyPOS und Cronon, die für hochpreisiges Hosting mit entsprechend besserem Service zuständig sind, werden wohl auf jeden Fall in München eine Heimat finden. In Karlsruhe läuft zumindest bereits der Testbetrieb für eine neue Strato-Architektur. Mit Lastsimulationen wollen die KPNQwest-Techniker ergründen, wo eventuelle Probleme der künftigen Serverstruktur liegen könnten.

In dem ansonsten noch fast leeren nagelneuen Rechenzentrum liegen bereits die Kabelkanäle zur Anbindung der Server an KPNQwests großes Prestige-Objekt, den German Ring. Dieses Glasfasernetz soll der Karlsruher KPNQwest-Filiale bald eine Internet-Anbindung mit einer Bandbreite von bis zu 96 Terabit pro Sekunde bringen. Firmensprecher Thilo Huys betont, dass auch die ehemalige XLink mit der derzeitigen Lage alles andere als zufrieden ist: ‘Natürlich wirft das kein gutes Licht auf uns. Wir betrachten diese Situation aber als Herausforderung, vor der wir nicht zurückweichen. Wir werden es bald schaffen, den bei weitem größten deutschen Web-Space-Anbieter problemfrei zu hosten.’

Neben den technischen Problemen ist auch die oftmals chaotische interne Kommunikation zwischen Strato und KPNQwest verantwortlich für das schlechte Erscheinungsbild. Offensichtlich sind die Zuständigkeiten nur ungenügend geklärt, dabei sollten die unbefristeten Kooperationsverträge zwischen den beiden Firmen eigentlich für Klarheit sorgen.

Wie sich die Firma nach außen präsentiert, konnte man zuletzt beobachten, als sich in der Nacht zum 26. Juni ein Cracker Zugang zum Strato-Web-Server verschaffte und die Homepage der Firma austauschte. Kunden, die Angst um ihre Web-Präsenz hatten, mussten sich bis zum frühen Nachmittag gedulden, bis Strato diesbezüglich endlich Entwarnung gab. Obwohl KPNQwest längst bestätigt hatte, dass der Zugriff von einem internen Rechner aus erfolgt war, schwieg Strato beharrlich und nahm in Kauf, dass Gerüchte über einen ‘Maulwurf’ die Runde machten. Man wolle nicht in laufende Ermittlungen der Berliner Staatsanwaltschaft sowie des Landeskriminalamts eingreifen, hieß es lediglich. Vier Tage später wurde c't von unbekannter Seite eine Mail des Crackers zugespielt. Wir haben seinen Weg zum Strato-Server nachvollzogen und stellten überrascht fest, dass ein fatales Sicherheitsloch, durch das der Cracker schlüpfte, immer noch nicht gestopft war.

Er machte sich einen Bug auf der BSD-Maschine eines freien Strato-Mitarbeiters zu Nutze, setzte dort eine Backdoor ein und verschaffte sich das Passwort des Mitarbeiters für den Strato-Web-Server, indem er dessen ssh-Sessions belauschte. Eine halbe Stunde, nachdem wir den Mitarbeiter darüber informierten, war die Sicherheitslücke geschlossen. Etwa zur gleichen Zeit stieß auch das Berliner Landeskriminalamt auf den Rechner. Hier stellt sich die Frage, warum die Beamten vier Tage brauchten, obwohl die IP-Adresse des Rechners doch offensichtlich schon am Tag nach dem Crack ermittelt werden konnte. Die Antwort, die wir vom zuständigen LKA-Mitarbeiter bekamen, kannten wir schon zur Genüge: ‘Sagen wir es mal so: Die den Fall betreffende Kommunikation mit der Strato AG lief 'suboptimal'’. (hob)

[1] Axel Kossel, Umzug mit Hindernissen, Strato lässt unzufriedene Kunden nicht weg, c't 8/2000, S. 60

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Sigram Schindler
Ende 1998 wurde Strato durch einen Aktientausch zu 100 Prozent von Teles übernommen. Im April dieses Jahres formierte sich Teles neu. Seitdem firmieren die drei Web-Hosting-Unternehmen Strato, CyPOS und Cronos unter dem Dach der Teles eTrack AG. Im Gespräch mit c't nimmt der Teles-Vorstandsvorsitzende Prof. Sigram Schindler Stellung zu aktuellen Problemen.

c't: Herr Schindler, wenn irgendetwas bei Strato schief läuft, verweisen Sie häufig auf KPNQwest und KPNQwest wieder zurück auf Sie. Das wirkt etwas konzeptlos.

Schindler: Unser Vertrag ist zwar kompliziert, aber das Konzept ist sehr einfach: KPNQwest mach das gesamte Hosting. Die Rechte gehen soweit, dass KPNQwest auch CGI-Skripte rauswerfen kann, wenn sie auf unseren Servern Dinge tun, die das System ungehörig belasten. Bevor KPNQwest einen Server bewegt oder auch nur ein Kabel zieht, werden wir gefragt. Es gibt in der Tat ein Kommunikationsproblem zwischen Strato und KPNQwest. Ein Teil der Lösung wird sein, dass unser Partner seine Aktivitäten künftig nach München und Frankfurt verlagert. Das heißt: Alle Strato-Neukunden werden bald nicht mehr in Karlsruhe, sondern in Frankfurt oder München untergebracht. Einem Umzug von bestehenden Domains stimmen wir nur zu, wenn eine wesentliche Verbesserung der bisherigen Hosting-Situation die Folge ist.

c't: In der Vergangenheit haben Sie XLink in Karlsruhe, das ja mittlerweile in KPNQwest Germany eingegliedert wurde, oft mangelnde Kompetenz vorgeworfen. Hat sich da mittlerweile etwas getan ?

Schindler: Die Professionalität, die man an dieser Stelle braucht, ist eben bei einigen Leuten, die frisch aus dem Hochschulbereich kommen, zunächst mal nicht da. Insgesamt ist das, was bei XLink in Sachen Kundenfreundlichkeit rüberkommt, wirklich erschreckend. Die konfigurieren nach wie vor am hellichten Tag Rechner um, ohne irgendeine Mitteilung dazu rauszugeben. Wir haben grundsätzlich nichts gegen die Karlsruher XLink-Leute, manche von ihnen leisten ja auch ausgezeichnete Arbeit, aber so kann das insgesamt nicht weitergehen.

c't: Ihre Kundschaft verlangt in den Foren, dass Sie erst mal die bestehenden Probleme in den Griff bekommen sollen, anstatt ständig neue Werbeblättchen zu streuen. Noch mehr Kunden würden auch noch mehr Serverlast und damit noch gravierendere Pannen bedeuten.

Schindler: Das ist eine unzulässige Vereinfachung des Problems. Wenn wir den Kundenzustrom reduzieren, können wir doch nicht die anderen Probleme besser lösen. Die Behauptung, unsere Serverlast sei zu hoch, ist völliger Unsinn. Es stehen mittlerweile genügend Kapazitäten in jeder Hinsicht zur Verfügung. Mit 98 Prozent unserer Kunden gibt es deshalb auch nie ein Problem. Ein paar Leute verstehen es aber, einen ziemlichen Wirbel auf den Rechnern zu inszenieren. Es gibt Kunden, die es früher geschafft haben, uns mit CGI-Skripten die gesamte Anlage in die Luft zu jagen. Das dürfte eigentlich nicht passieren. Wir hatten wiederholt Spezialisten von Sun vor Ort, um diese Kunden zu isolieren. Sie können sich vorstellen, dass auch Sun als Partner nicht glücklich mit der Situation ist.

c't: Immer wieder gehen Gerüchte um, nach denen Teles die Strato AG lieber heute als morgen loswerden will.

Schindler: Ich kann Ihnen definitiv sagen, dass wir nicht planen, Strato zu veräußern. Wir wollen vielmehr einen großen Partner mit an Bord nehmen, der den Wert des Unternehmens beim Börsengang steigert. Gerüchte, nach denen wir einzelne Kundenbestände verkaufen wollen, sind völlig absurd. Wir haben ja im vergangenen Jahr die Teilveräußerung wegen der bevorstehenden Änderungen bei der Steuergesetzgebung gestoppt. Das hat uns der Kapitalmarkt zwar verübelt, aber vernünftig war es trotzdem. Im nächsten Jahr werden wir den eTrack-Verbund an die Börse bringen. Strato ist ein Internet-Unternehmen, das sehr rasch expandiert und trotzdem profitabel ist - das ist einmalig. Jüngst haben wir viele neue Aktivitäten im Strato-Umfeld gestartet. Glauben Sie ernsthaft, wir würden das tun, wenn wir vorhätten, Strato komplett zu veräußern?

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