Horizon: Zero Dawn – Existenzialismus mit Flitzebogen

Horizon: Zero Dawn - Existenzialismus mit Flitzebogen

Test & Kaufberatung | Spielekritik

Im Rollenspiel Horizon: Zero Dawn stellt sich die Heldin Aloy die klassischen metaphysischen Fragen nach dem Woher, dem Wohin und dem Wozu. Sie verlässt sich dabei auf Gespür, Geschick und einen feschen Hightech-Flitzebogen.

Horizon: Zero Dawn versetzt den Spieler in eine ungewöhnlichen Welt, die bestimmt ist von üppiger Flora und Fauna einerseits und Roboter-förmigen Riesenwesen andererseits. Offenbar fand rund 1000 Jahre vor Beginn der Geschichte um Heldin Aloy ein Ereignis statt, das die Zivilisation zerstörte und die Menschen in den Status von Quasi-Steinzeitbewohnern zwang. Dementsprechend tragen sie Fellkleidung, schwingen Holzspeere und jagen jene Robotertiere, die in Wäldern und auf Auen leben und sich teilweise als ungemein gefährlich erweisen.

Aloys Stamm ist nicht der einzige in der Region, vielmehr treiben sich dort auch Einzelgänger, Banditen und feindlich gesinnte Stämme herum. Aloy muss vornehmlich klettern, springen und schleichen. Das gelingt meist zufriedenstellend, selbst wenn die Steuerung nicht 100-prozentig präzise ist und die Heldin gelegentlich von einer Holzbrücke rutscht.

Meist bewegt sich Aloy durch Ortschaften und in freier Wildbahn: In den Siedlungen der diversen Stämme nimmt sie Aufträge an, die sie dann im Wald, im Sumpf und auf den Weiden erledigt. Stufenaufstiege bringen ihr Punkte ein, mit denen sie neue Fertigkeiten freischalten kann. Dazu zählen größeres Geschick und verbesserte Schleichfähigkeit ebenso wie erhöhte Schlagkraft und Beuteglück.

Die Kämpfe nehmen einen großen Teil der Spielzeit in Anspruch. Aloy setzt zwei Waffen ein: für den Fernkampf einen Bogen, für den Nahkampf einen Speer. Beide Waffen kann sie aufrüsten und modifizieren, und zwar mit technischen Accessoires. Erstens liegt an versteckten Orten Technik-Schrott des 21. Jahrhunderts herum, zweitens enthalten die Robotertiere wertvolle Bauteile, die man nach erfolgreichem Kampf aufklauben darf.

Zu Beginn schleicht sich Aloy am besten im hohen Gras an, denn anders als echte Tiere sind die Roboter nicht in der Lage, die junge Frau zu wittern. Die Kämpfe gegen Pferde- und Stier-ähnliche Robotertiere sind noch recht einfach, doch später kommen Elefanten-große Viecher hinzu, die sich dreimal so schnell bewegen wie Aloy. In diesen Fällen reicht es nicht aus, sie mit den beiden Hauptwaffen zu traktieren. Der Spieler setzt stattdessen Stolperdrähte ein, um die Roboter kurzzeitig zu betäuben; dann richtet er seine Angriffe auf den jeweiligen Schwachpunkt des Gegners.

Horizon Zero Dawn (14 Bilder)

Aloy nutzt ein "Focus" genanntes Hightech-Accessoire, mit dem sie Hologramme und digitale Gitternetze aufrufen kann.

Aloy kann mit einer Fokus-Fähigkeit Hologramme aufrufen, die mehr über ihre Herkunft und die Beschaffenheit der Spielwelt verraten. Finstere Mächte drohen alle Stämme zu vernichten, und mit ihrer Hightech-Ausrüstung und ihrer taffen Konstitution erweist sich Aloy als perfekte Kämpferin für das Gute.

Die packende Story ist kein Zierrat, sondern hält die Actionszenen und Erkundungstrips unterhaltsam zusammen. Aloy lernt im Spielverlauf neue Leute kennen, schließt sich kurzfristig mit einigen von ihnen zusammen und bereist entfernte Orte. Das niederländische Studio Guerilla Games, das in den letzten Jahren die Shooter der Killzone-Serie verantwortete, gewährleistet maximalen Komfort bei der Erkundung der Spielwelt. So gibt es zahlreiche Speicherpunkte, man darf jederzeit die Übersichtskarte aufrufen und zwischen bestimmten Punkten hin und her reisen. Alternativ besteigt Aloy ein Robotertier, das sie zuvor gezähmt hat, und reitet darauf im Trab oder im Galopp zum nächsten Quest-Ziel. Die Zielmarkierungen lassen sich beliebig an- und abschalten, so dass der Spieler immer weiß, welche Aufgabe er als nächste erledigen muss. Die Nebenaufgaben sind mindestens ebenso packend und gehaltvoll wie die etwa 20 Stunden lange Hauptstory. Zudem gewinnt Aloy wertvolle Erfahrungen, um gegen die gigantischen, Sandwurm-förmigen Roboter der zweiten Spielhälfte bestehen zu können.

Das Inventar ist groß genug, um große Mengen Beutegut darin zu verstauen, später kann man es erweitern, damit all die Drähte, Heilpflanzen und Metallornamente Platz finden. Eintauschen kann man den Kram bei Händlern, die überall in der Spielwelt auf Kundschaft warten. Es mag albern erscheinen, dass ein Händler unmittelbar neben einem gefährlichen Waldstück herumsteht, doch solche kleinen logischen Patzer stören nicht den Gesamteindruck, der von der bezaubernden Welt dominiert wird. Aloy reist über grasgewachsene Hügel und durch lauschige Birkenwälder, in denen Häschen und Füchse umher stromern.

Anders als im thematisch ähnlichen Far Cry Primal stolpert Aloy nicht alle naselang über störende Tiere, selbst die Wildscheine nehmen Reißaus vor der Heldin – oder dienen ihr als Zielübung. Meist strahlt die Frühlingssonne vom Himmel, manchmal wirds trüb und nebelig oder es beginnt zu regnen. Die Mimik und Gestik der Spielfiguren hinterlässt einen soliden Eindruck, insbesondere die Hauptcharaktere bewegen sich angemessen lebhaft. Die Nebenfiguren hingegen treten als reine Statisten auf und verfügen über wenige Bewegungs- und Gesprächsroutinen.

Das Prasseln des Regens und andere Geräusche klingen wie in einem Spielfilm, während der Soundtrack eher dezent aus den Lautsprechern tönt. Aloys deutsche Stimme passt gut zur Figur, andere Figuren sprechen mit allzu sanften Stimmen. Meist sind es die Frauen, die harsch und taff klingen, während viele der Männer eher duckmäuserisch auftreten. Das lässt sich damit begründen, dass die Stammesgesellschaften matriarchalisch organisiert sind, der Mutter also eine herausragende Rolle zukommt, was dem Spieler eine angenehme Abwechslung vom Macho-Design der meisten Actionspiele beschert. So trifft Aloy eine harsche Kriegsherrin namens Sona, die mit einer Reibeisenstimme spricht, mit der man Nagelbretter glatt schrubben könnte.

Auf der PS4 Pro lief das Spiel während des Tests ohne Stocken und ohne Abstürze. Die Ladezeiten sind recht kurz. In seltenen Fällen färbte sich der Bildschirm für wenige Sekunden schwarz.

Manche KI-gesteuerte Menschen und Robotertiere verhielten sich in unserem Test stellenweise sonderbar, liefen gegen Wände oder verharrten in Bewegungsschleifen. Die Entwickler haben einige der Dialogzeilen nicht richtig mit den Mundbewegungen der Sprecher synchronisiert. Zuweilen passte das Gesagte auch nicht zum Kontext, etwa wenn Aloy das Leuchten des Schnees lobt, während sie über eine frühlingshaft grüne Wiese läuft. Der Day-1-Patch wird möglicherweise diese kleinen, nie spielhemmenden Mankos ausmerzen.

Das fabelhaft inszenierte Abenteuer bannt den Spieler rund 40 Spielstunden vor den Fernseher, dank abwechslungsreicher Missionen bleibt Horizon: Zero Dawn kurzweilig. Die wunderschöne Spielwelt wirkt mindestens so beeindruckend wie in The Witcher 3. Aloy erweist sich als sympathische und glaubwürdige Heldin, deren Bürde der Spieler liebend gern auf sich nimmt, um am Ende das Mysterium ihrer Herkunft zu ergründen und sich darüber zu freuen, dass nur wenige Monate nach The Last Guardian ein weiteres Abenteuer-Highlight für die PS4 erscheint.

Horizon: Zero Dawn erscheint am 1. März exklusiv für Playstation 4. Das Spiel ist ab 12 Jahren freigegeben, der Preis liegt bei 60 Euro.

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