IBM-Manager: "OOXML ist eine Sackgasse"

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IBMs Experte für offene Standards, Bob Sutor, mit heise open im Gespräch über Microsofts Dokumentenformat Office Open XML (OOXML ), das der ISO zur Standardisierung vorliegt.

Bob Sutor, bei IBM für Standards und Open Source zuständig.

Welche Bedeutung haben Standards im IT-Bereich?

Bob Sutor: Lassen Sie mich das an einem Beispiel erklären: Das World Wide Web ist seit etwa 1995 ein stehender Begriff. Es basiert vollständig auf offenen Standards. Und hat es damit nicht die Welt, die Informationstechnik und die Wirtschaft verändert? Das ist eine wundervolle Erfolgsgeschichte für Standards. Entstanden ist eine Infrastruktur, die keinem einzelnen Hersteller gehört. Aber Firmen, Verwaltungen oder andere Leute können sie als Fundament nutzen, auf dem sie neue Geschäfte oder Kommunikationsformen aufbauen. Es ist wichtig, die Merkmale des Erfolgs des Webs zu verstehen: Allgemein gebräuchliche Formen der Kommunikation mit Anwendungen, weit verbreitete Formate und Arten des zuverlässigen und sicheren Versands von Informationen. In der zweiten Generation, den Webservices, und später der Service orientierten Architektur (SOA) setzte sich das ähnlich fort. Viele Leute lernen inzwischen, wie wichtig es ist, dass man Informationen untereinander austauschen kann, auch wenn wir ganz verschiedene Programme dafür verwenden. Sie verstehen die Bedeutung von Offenheit und Interoperabilität. Das setzt sich fort in speziellen Anwendungsarten wie Dokumentenstandards.

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Warum gibt es gerade so einen heftigen Kampf um Dokumentenstandards?

Sutor: Die Leute wollen in der Regel eine spezielle Bürosoftware nutzen. Gleichzeitig denken sie sich aber, dass es auch gut wäre, wenn sie ein anderes Office-Paket und trotzdem die gleichen Dokumente über einen gemeinsamen Standard verwenden könnten. Wir versuchen ihnen nun zu erklären, dass es einen solchen Standard schon gibt, der für Jahrzehnte Bestand haben wird, aber niemand an einen bestimmten Produzenten binden wird. Trotzdem können die Hersteller mit neuen Ideen Erfolg haben. Das Web hat hier ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Offene Standards wird es damit auf jeden Fall weiter geben.

Jeder spricht von offenen Standards, Microsoft genauso wie IBM und alle anderen IT-Größen. Wie kann man die Spreu vom Weizen trennen?

Sutor: Wenn es fünf Ansätze gibt, um einen offenen Standard zu definieren, dann haben sich die Experten vor drei Jahren vielleicht nur auf zwei davon verständigt, in diesem Jahr schon auf vier. Die meisten Unterschiede beziehen sich darauf, dass zu guter Letzt doch jemand einen Standard auf seine eigenen Belange gesondert zuschneiden will. Manche Unternehmen wollen verhindern, dass sie einen Geschäftsvorteil durch eine "zu große Offenheit" verlieren. Es geht ihnen um die Aufrechterhaltung ihrer bestehenden Geschäftsmodelle rund um proprietäre Produkte oder geistiges Eigentum.

Gibt es auch eine Positiv-Definition offener Standards?

Sutor: Das wichtigste an offenen Standards ist, dass sie individuelle Kontrollpunkte ausradieren. Sie werden von einer Gruppe gemacht, die nicht für einen einzelnen Hersteller arbeitet. Keine Firma kann dabei anderen diktieren, was sie tun müssen. Das bezieht sich auch auf die weitere Entwicklung des Standards. Offene Standards sind zudem frei verfügbar. Je nach der Industrie, für die sie gelten sollen, können sie auch ohne die Zahlung von Gebühren oder Lizenzen implementierbar sein. An diesem Punkt scheiden sich aber die Geister. Auf Punkte wie die Transparenz des Verfahrens oder die Beteiligung vieler Interessenvertreter und die kostenlose Abgabe der Spezifikation können sich die meisten einigen.

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Der Knackpunkt sind mal wieder Immaterialgüterrechte?

Sutor: Die Auseinandersetzungen starten oft, wenn die Patentrechte für den Einsatz eines Standards zur Sprache kommen. IBM ist hier vorgeprescht und hat bereits vor zwei Jahren 500 Patente für Open-Source-Anwendungen zur freien Verfügung gestellt. Auch bei Standards für soziale Bereiche wie Bildung oder Gesundheit können alle IBM-Patente kostenfrei eingesetzt werden. Im vergangenen Jahr haben wir 155 gewerbliche Schutzrechte für Kern-Standards im Websektor freigegeben. Wir setzen uns generell dafür ein, dass offene Standards von jedermann frei implementiert werden können. Andere Firmen fürchten, dass dies die Tür öffnet für die Weggabe von immer mehr geistigem Eigentum. Uns ist es da wichtiger, mit der Industrie zu wachsen und ihre Veränderung zu unterstützen. Wir stellen uns darauf ein, in einer Welt mit offenen Standards in den Wettbewerb mit anderen zu treten.

IBM ist aber nach wie vor Weltmeister beim Patentieren.

Sutor: Wir sind eine große Firma, haben rund 350.000 Mitarbeiter. Viele unserer gewerblichen Schutzrechte beziehen sich auf Hardware wie Mainframes oder Halbleiter. Die Einstellung zum Teilen von Patenten ist bei uns mitunter unterschiedlich ausgeprägt. In jedem Zweig der von uns abgedeckten Industrien unterschiedlich. Wir werden aber ständig offener, selbst im Hardwarebereich haben wir etwa mit Blade.org begonnen, unsere Schnittstellen oder Strategien zu öffnen.

Braucht man für Software überhaupt einen Patentschutz oder ist er da nicht eher schädlich?

Sutor: Das Geschäft mit Software läuft gut, kaputt machen die Patente da zumindest nichts. Es gibt verschiedene Wege, um dieselbe Aufgabe zu lösen. Wenn ein Händler übers Web mit einer Anwendung kommuniziert,­ etwa um den Status einer für die Kontrolle einer Kreditkarte zu prüfen, ­ steht dahinter eine einfache Frage des Vertrauens in den Inhaber der Karte. Im Hintergrund könnten dafür viele Verfahren ablaufen wie das Abfragen von Datenbanken oder Bonitätsberechnungen. Die einen setzen auf ganz simple Routinen, die anderen auf optimierte, ausgefeilte Mechanismen. So lange es grundsätzliche Wege gibt, wie man das anstellen kann, schützen Patente die optimierten Verfahren, für die eine Firma auch viel Geld für Forschung und Entwicklung ausgegeben hat. Beide Ansätze sind möglich.

Kommen wir zurück zur Schlacht um die künftigen Dokumentenstandards ...

Sutor: Microsoft gegen die Welt, genau.

... wie entstand das Open Document Format (ODF), dem die Redmonder Office Open XML (OOXML) entgegenstellen? Ist ODF "besser"?

Sutor: OOXML ist eine schlechte Spezifikation, dahinter steht eine schlechte Technik.

Haben sie die 6000 Seiten gelesen?

Sutor: Nicht ganz, es gibt Wichtigeres im Leben. Die Spezifikation ist einfach verwirrend. Vielleicht erkläre ich doch besser erst, warum ODF gut ist. XML selbst als Sprache dahinter ist etwas über zehn Jahre alt. Es war gedacht als Möglichkeit, das Publizieren im Web und darüber hinaus zu verbessern, eine Art "Super-HTML". Aber die Nutzer verstanden schnell, dass man mehr damit machen kann. In einer Sprache wie der deutschen gibt es ein Alphabet, Satzzeichen, Sprachregeln und ein Vokabular. XML ist ähnlich mit einer Syntax und einem Vokabular ausgerüstet. Das allein garantiert nicht, dass man damit gute technische Entwicklungen erstellt. Wer Deutsch sprechen kann, verfasst mit diesen Fähigkeiten noch lange keinen guten Roman. Mit einer Sprache kann man also Werke unterschiedlicher Qualität fabrizieren. Genauso gibt es ein gutes, modernes und weit akzeptiertes Design für XML, wie es etwa ODF durch das Befolgen klarer Regeln macht. Wann immer möglich, werden bestehende Komponenten wieder benutzt. Darüber hinaus gibt es spezielle und gesonderte Ausweitungen. Der Ansatz ist simpel und mächtig.

Und wie sieht es bei OOXML aus?

Sutor: Microsoft hat seine Wurzeln in der DOS-Welt und immer Sachen wie etwa Powerpoint dazugekauft. Innerhalb der proprietären Formate konnten sie machen, was sie wollten, es gab keine externe Kontrolle. Die Struktur der enthaltenen Informationen ist sehr alt, sie geht weit über Windows 95 zurück. Seitdem gab es zahlreiche Versionen von Windows und Office, und jedesmal änderten sich die Formate. Zugleich beschloss Microsoft, dass man Industriestandards nicht wirklich unterstützen müsse. Es gab zwar etwa gemeinsame Vorgaben für mathematische Aufgaben, aber sie wollten sie nicht befolgen. Genauso war es bei der Grafik. 2003 entwickelte Microsoft dann ein XML-Format, das nicht vollständig war. Zuerst betonten sie dessen Bedeutung, wenig später verwarfen sie es. Aber es existiert nach wie vor. Alles, was einmal funktionierte und auch was nicht funktionierte, schleppt Microsoft als schweren Ballast mit sich herum.

Das ist genauso, wie wenn jemand niemals etwas wegwirft im Leben?

Sutor: Ja, kein Ausmisten des Schranks, nichts. Das ist die Geschichte der Microsoft-Formate. OOXML ist nichts anderes als die gesamte Masse zusammengenommen und in XML verwandelt. Daher erklären sich die 6000 Seiten.

Microsoft hat vorgeschlagen, sozusagen den "Ballast" für die Implementierung der OOXML-Spezifikation in einen separaten, nicht zwingend zu implementierenden Anhang auszugliedern.

Sutor: Sie mussten das machen. Viele nationalen Standardisierungsgremien haben ihnen klargemacht, dass das, was sie da zu standardisieren versuchten, eine schlechte Technologie ist. Und nun kommt Microsoft und erklärt, das alles ändern zu können. Wenn sie OOXML tatsächlich in eine gute, klar strukturierte Technik verwandeln wollten, würde es am Ende wie ODF aussehen. Man könnte auch alles, was für Microsoft-Formate benötigt wird, in Zusätze für ODF packen. Microsoft brauchte selbst Ergänzungen, um OOXML zum Laufen zu bringen. Die Beobachter des ISO-Verfahrens haben realisiert, dass Microsoft alles tut, um dieses Zeugs in einen Standard zu verwandeln. Die Redmonder wollen es komplett ändern, alles damit machen lassen, weil sie ihren Standard brauchen. Aber das wäre nie ein Standard für alle, es wäre immer ihr Standard. ODF entstand dagegen im Gremium OASIS, in dem jahrelang daran gearbeitet wurde. Es werden immer wieder aktuelle Funktionen eingebaut,­ etwa zum Abbau von Barrieren für Menschen mit Behinderungen.

Wird Microsoft siegen und den Segen der ISO bekommen? Deutschland hat sich ja mit Hinweis auf nötige Überarbeitungen für OOXML ausgesprochen.

Sutor: Einige Länder haben die Tradition und die Regeln gebrochen. Normalerweise stimmt man mit "Nein", wenn man Änderungen für nötig hält, und gibt dazu Kommentare ab. Auf einmal hieß es aus verschiedenen Standardisierungsgremien weltweit: Wir sagen "Ja" und geben trotzdem Änderungswünsche ab. Damit wurde gegen alle Regeln zum Kreieren eines internationalen Standards verstoßen. Trotzdem verfehlte OOXML im September bei der Abstimmung in Genf die Zahl der erforderlichen Ja-Stimmen und erhielt zudem eine zu große Menge an Nein-Stimmen. Und viele Länder, die OOXML befürworteten, haben nie die Spezifikation angeschaut. Insgesamt beteiligten sich 87 Länder.

Wie geht es weiter?

Sutor: Ende Februar wird es nun nicht eine erneute Abstimmung geben. Vielmehr können die beteiligten einzelnen Länder bis Ende März ihr abgegebenes Votum ändern. Statistisch gesehen werden wohl einige Länder ihre Stimme in die eine und andere in die andere Richtung korrigieren. Das Ergebnis lässt sich schlecht vorhersagen. Man kann aber bereits jetzt festhalten, dass das ganze Verfahren gut vor Augen führt, was beim Standardisierungsprozess falsch läuft. In vielen Ländern sind die Prozesse der Meinungsbildung nicht klargeworden. In Schweden etwa ereigneten sich sehr seltsame Geschichten –­ das Standardisierungsgremium wurde von Geschäftspartnern von Microsoft überlaufen. Wir selbst durften an der Abstimmung in Portugal nicht teilnehmen, weil es angeblich nicht genügend Stühle im Raum gegeben haben soll. Es ist dringend eine Reform der nationalen und internationalen Standardisierungsprozesse erforderlich. Die Welt kann es sich nicht erlauben, dass sich derartige Sachen noch einmal abspielen. Eine schlechte Technologie, die zwingend auf die Produkte eines einzigen Herstellers zugeschnitten ist, darf nicht einfach als Standard abgesegnet werden.

Interessanterweise behauptet Microsoft andererseits im Fall von Schweden, dass man den Standardisierungsprozess nur habe öffnen und mehr Interessierten Zugang dazu verschaffen wollte.

Sutor: Alle Kommentare, die für OOXML waren, stammten letztlich von Microsoft selbst. ODF wurde in einer Standardisierungsorganisation über Jahre hinweg entwickelt. Die erste Spezifikation stammte von Sun, aber andere waren mit daran beteiligt. Microsoft saß mit im Verwaltungsrat der Organisation, verweigerte aber die Teilnahme. Generell glaube ich, dass der "Krieg" um offene Standards bereits gewonnen ist. Es gibt keinen Anstieg bei proprietären Spezifikationen, sehr wohl dagegen bei offenen. Die Leute öffnen ihre alten Formate, da spielt die Musik in der Industrie. Sicher wird es weitere Schlachten geben. Aber im Großen und Ganzen gewinnt die Offenheit.

Was wären die konkreten Auswirkungen, wenn es zwei konkurrierende Dokumentenstandards der ISO gäbe?

Sutor: Alle, die ihre Dateien derzeit in OOXML speichern, hätten große Probleme. Was heute bei Office 2007 in der Standardeinstellung rauskommt, ist tot. Denn was aus dem ISO-Prozess bei einer Akzeptanz der Microsoft-Spezifikation herauskäme, bei einer Akzeptanz der Microsoft-Spezifikation, wäre ein ganz anderes Format. Es gibt tausende Kommentare und Empfehlungen für Verbesserungen im ISO-Verfahren. Manche Teile dürfen dann wohl nicht mehr verwendet werden. Eventuell gibt es ein künftiges Format, das auch OOXML heißt. Aber es wäre nicht dasselbe wie heute. Allein in Anbetracht des Marktes von Microsoft hat OpenXML die Verbraucher stark verunsichert. Sie haben ein binäres Format, das gegenwärtige OOXML und das überarbeitete. Jetzt könnte man natürlich sagen, dass Microsoft dann ein Konvertierungsmodul zur Verfügung stellen wird. Aber was ist mit anderen Firmen, die auf OOXML setzen? Viele sind es ja nicht, aber das Ganze ist eine Sackgasse.

Was bedeutet das konkret?

Sutor: Die Nutzer werden Übersetzungsprobleme zwischen den Formaten haben. Sie werden lieber einfach mit .doc das alte Binärformat weiterverwenden. Generell müssen die Redmonder die Nutzer aber davon weg zu offenen XML-Formaten treiben. Das ist nötig, damit sie neue Versionen und Upgrades verkaufen können. Aber dagegen sprechen die bislang für Microsoft arbeitenden Netzwerkeffekte, die Millionen alter Word- oder Powerpoint-Dokumentenformate. Die müssen genauso wie das ursprünglich OOXML alle in die neue Version übersetzt werden. ODF ist da konsistenter und wird dagegen weiter an Akzeptanz gewinnen. Letztes Jahr fand es viele Unterstützter bei Regierungen und Verwaltungen, was zur weiteren Annahme in der Wirtschaft führen wird. Dazu kommt das allgemeine Wachstum freier oder kostenloser Bürosoftware von OpenOffice bis hin zu Lotus Symphony. Der Markt für kommerzielle Office-Produkte bricht dagegen total ein. Langfristig wird Microsoft vermutlich selbst ODF unterstützten. Microsoft Office unterstützt eine Vielzahl von Formaten, da kann problemlos noch eines dazukommen.

IBM ist bei OpenOffice.org dabei, was hat sich da getan?

Sutor: Es gibt über 100 Millionen Downloads der Software. Ich selbst nutze die Suite., Millionen andere auch. Vor rund zwei Jahren war ich beim Einkaufen in einem großen Kaufhaus auf dem platten Land im Staat New York, als ich einen Teenager mit seiner Mutter verhandeln hörte. Er erklärte ihr gerade, wie das Prinzip von OpenOffice.org funktioniert. Immer mehr Nutzer setzen das Paket inzwischen zuhause ein, weil sie nichts für Bürosoftware bezahlen wollen. Das Modell von Open Source spricht generell wohl viele Jugendliche an, weil man die Software auch einfach tauschen kann. Geld wird man mit dem Verkauf von Lizenzen hier nicht mehr lange verdienen können. Damit wird sich eine proprietäre, hauseigene Entwicklung nicht mehr lohnen. Dazu kommen Online-Anwendungen etwa von Google, bei denen die entscheidende Punkte die Zusammenarbeit über das Netz und die Verknüpfung mit anderen Online-Applikationen sind.

Es geht um den Aufbau von Gemeinschaften?

Sutor: Genau das ist der Punkt. Das bestimmende Bild wird künftig nicht mehr der einzelne Nutzer an seinem isolierten Desktop-Rechner mit eigenständiger Bürosoftware sein, der allein Dokumente erzeugt. Die ganze Philosophie ändert sich. In zehn Jahren werden viele wohl überhaupt kein Textverarbeitungsprogramm im heutigen Sinn verwenden.

Wie entwickelt sich Open Source generell?

Sutor: Es wird jetzt Zeit, dass auch Nachzügler in vielen Anwendungsbereichen freie Software annehmen. Im Dezember 1998 hat IBM sein erstes Open-Source-Projekt für Java veröffentlicht. Wir bewegen uns bereits zehn Jahre in diesem Sektor. 2007 haben vor allem Regierungen festgestellt, dass auch sie Open Source bereits seit mehreren Jahren etwa in den Rechenzentren nutzen und jetzt weitere Projekte starten wollen. Dabei geht es ihnen darum, Herausforderungen gezielter anzugehen und die Kontrolle über die Software zu behalten. Die ganze Entwicklung sieht sehr gut aus. In Open-Source-Verzeichnissen sind Zehntausende laufender Projekte gelistet. Die sind zwar nicht alle spitzenmäßig. Aber solange einige gut sind und man rasch die Reputation eines Projekts und die dahinter stehende Nutzergemeinde erkennen kann, findet sich fast immer eine passende Software. Noch gibt es wenig Spezialentwicklungen in einzelnen Industriebereichen wie dem Versicherungs- oder Bankenwesen. Dafür ist hier ein Wachstum im öffentlichen Sektor zu verzeichnen, vor allem im Bildungs- und Gesundheitswesen. Das wird sich sicher bald auch auf die Wirtschaft ausdehnen.

Wo stockt es noch?

Sutor: Da fällt mir kein wichtiger Bereich ein. Viele Leute wissen gar nicht, dass sie etwa beim Googeln letztlich Linux nutzen, weil entsprechende Server im Hintergrund mit dem freien Betriebssystem arbeiten. Mit der Hinwendung zum Modell von Web 2.0 und SOA trifft das für immer mehr Anwender zu. Die Kunden verlangen einfach eine gute Servicequalität, und es ist ihnen egal, mit welcher Software im Hintergrund man diese hinbekommt. Wenn Open Source da funktioniert und von Vorteil ist für Firmen wie Google oder IBM, bezahlen die Leute auch dafür.

Führt die Entwicklung zu mehr und offenerer Innovation?

Sutor: Davon gehe ich aus. Mitarbeiter in Entwicklungslabors etwa können einfacher mit Forschern an Universitäten kooperieren mit Forschern an Universitäten oder Code austauschen. Es macht einen Unterschied, ob man Ideen geheimhält oder sie verbreitet. Man braucht auch für ein und dasselbe Problem in unterschiedlichen Firmen nicht immer Code doppelt und dreifach entwickeln. Vieles lässt sich einfach wiederverwenden. Wie beim Web wird auch beim nächsten großen Sprung im IT-Bereich Open Source die Basis bilden.

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