Senden trotz Nachbarsignalen

IEEE-News: 10-GBit-WLAN, Light Communication, Ethernet im Auto

Wissen | Hintergrund

Seite 3: Senden trotz Nachbarsignalen

Der größte Streitpunkt der TGax bleibt das Spatial-Reuse-Verfahren. Damit lernen WLAN-Basen, wann sie trotz schwach sichtbarer Nachbarnetze doch senden könnten. Sinnvoll genutzt könnte das bei dichter "Funkbebauung" den Durchsatz erhöhen. Doch wie genau der genehmigte Störfunk Gewinn abwerfen darf, darüber gehen die Meinungen sehr auseinander, sodass eine Lösung kaum greifbar scheint. Deshalb entschied die WFA kurzerhand, Spatial Reuse nicht in ihr Zertifizierungsprogramm aufzunehmen. Doch Broadcom kündigt an, Spatial-Reuse-Verbesserungen im Alleingang in den eigenen Produkten zu implementieren. Das geht, weil Broadcom eine große Menge an Patenten in den 802.11ax-Entwurf gedrückt hat. Man kann annehmen, dass diese über Broadcoms Hauptkunden Apple einen so großen Sog entfalten werden, dass der übrige Markt später schlicht folgen muss.

Diese Verbesserungen, die es Geräten erlauben, die Übertragungen anderer Geräte zu ignorieren, um häufiger den gleichen Funkkanal simultan zu nutzen, sind bei konservativen Herstellern höchst umstritten. Sie befürchten, dass ältere Geräte in der Nachbarschaft von 802.11ax-Funkern unter die Räder kommen. Deshalb untersagt auch die europäische Frequenzregulierung derlei Umtriebe im 5-GHz-Band. Wenn Clients weniger Rücksicht auf andere Funkteilnehmer nehmen wollen, schreibt die europäische Norm EN 301 893 zwingend eine Senkung der Sendeleistung vor. Andere Spatial-Reuse-Maßnahmen sind sogar ganz untersagt. Deshalb dürfen Broadcoms Funktionen bis auf Weiteres in Europa nicht angewendet werden.

Obschon die anderorts hochgelobte 802.11ax-Norm für viele Kunden voraussichtlich nur marginale Verbesserungen bringen wird, könnte das WFA-Zertifizierungsprogramm aus einem ganz anderen Grund höchst interessant werden. Die für die verbesserte WLAN-Verschlüsselung WPA3 vorgesehene, als RFC 8110 normierte Opportunistic Wireless Encryption (OWE) hat das Potenzial, unverschlüsselte WLANs zu beerdigen. Für den professionellen Einsatz verspricht der Rückgriff auf die Suite B genannten Empfehlungen der NSA, dass die Schlüssellängen von Hash- und Verschlüsselungsalgorithmen zueinander passen. Außerdem verspricht der Einsatz von Schlüsselaustausch gemäß Diffie-Hellman, dass Wörterbuchangriffe ins Leere laufen.

Zum ersten Mal flankiert die eingangs erwähnte Arbeitsgruppe 802.11 TGmd ernsthaft die Maßnahmen der WFA zur Verbesserung der Verschlüsselung. Obwohl die Verschlüsselungsverfahren WEP und WPA1 (TKIP) auch in der Spezifikation 802.11-2016 schon als deprecated (überholt) gekennzeichnet sind, blockierten bislang einzelne 802.11-Teilnehmer Versuche, diese Altlasten ganz aus der Norm zu löschen. Vertretern einiger Firmen war es nicht peinlich, zu argumentieren, dass WEP und TKIP nicht gelöscht werden dürften, weil deren Kunden weiterhin auf diese unsicheren Verfahren setzen. Nur deshalb wurden diese längst geknackten Verfahren jahrelang mitgeschleppt. Aber nun stehen sie endlich auf der Abschussliste der TGmd.

Kommentare

Anzeige