IPv4-Adressen werden knapp

IPv6 noch zu unbeliebt bei Providern

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Vor 10 Jahren dachten die Experten, der Übergang von IPv4 zu IPv6 sei abgeschlossen, bevor die Adressen des alten Internetprotokolls knapp werden. Weit gefehlt, konstatierte Geoff Huston, Chefwissenschaftler der APNIC.

Vor 10 Jahren dachten die Experten, der Übergang von IPv4 zu IPv6 werde abgeschlossen sein, bevor die Adressen des alten Internetprotokolls knapp werden. Weit gefehlt, konstatierte Geoff Huston, Chefwissenschaftler der IP Adressvergabestelle APNIC beim Treffen der europäischen Schwester Réseaux IP Européens (RIPE) in Berlin Anfang Mai. Angesichts der weiter rasant zunehmenden Nachfrage nach IPv4-Adressen muss Huston permanent die Frist bis zur Vergabe der letzten IPv4-Adresse korrigieren. So schnell wie man derzeit das Schwein auf die Klippe zutreibe, könne man schon sehr bald Zeuge werden, ob das Schwein fliegen könne, sagte Huston. Aktuell errechnete Zeit zum Abheben: 24. November 2011, verbliebene Adressen: 662 068 271.

Man muss wegkommen von der Idee, dass IPv6 experimentell und eine Spielwiese sei, sagte Google-Entwickler Lorenzo Colitti ebenfalls beim RIPE-Treffen. Der Suchmaschinenriese hat sich im Frühjahr als erster großer Portalanbieter entscheidend bewegt und die Suchmaschine über ipv6.google.com (nur per IPv6 erreichbar) in eine IPv6-Webseite verwandelt. Den IPv6-Freaks blieb es nicht verborgen, schon kursieren laut Colitti Tips darüber im Netz, wie man auch Googlemail über eine IPv6-Verbindung abfragen kann. Offiziell anbieten will man es noch nicht, denn man fürchtet Beeinträchtigungen der normalen Nutzer.

Colitti berichtete, mit welchen Problemen er und seine Kollegen zu kämpfen hatten: So fielen unmittelbar vor dem Start drei Router in zwei Kontinenten aus. Die Erklärungen der Hardwarehersteller lauteten lapidar: IPv6 benutzt längere Adressen, daher kommt es eher zum Crash. Dedizierte Hardware für den Start sei wohl ein guter Tip.

Besonders kritiserte Colitti das mangelnde Peering. Zahlreiche Tier-1-Backbonebetreiber hätten sich zwar auf IPv6 vorbereitet, aber sie hätten die entsprechenden Verbindungen nicht in ihre Routing-Tabellen aufgenommen. Im Ergebnis musste die Google-Mannschaft nach Routerabstürzen und anderer Unbill in der Nacht vor dem Start feststellen, dass man vom Netz der Internet Engineering Task Force (IETF) aus nicht zu sehen war. Colitti rief daher dazu auf, durch direkte Peerings mit Partnern für die Verfügbarkeit von IPv6-Anwendungen zu sorgen.

Auch beim Regelwerk der Adressvergabe bastelt man beim RIPE und dem operativen Arm, RIPE NCC, noch an letzten Details. Noch unentschieden ist, in welcher Form so genannter Provider-unabhängige Adressressourcen (Provider Independant Adress Space, PI) vergeben werden sollen. Vergeben wurden diese Adressblöcke etwa, um Unternehmen den leichten Umzug ihres Adressraums zu ermöglichen. Beim Providerwechsel wird ansonsten eine komplette Umnummerierung des eigenen Netzes notwendig.

Während manche Routing-Experten vor dem weiteren, rasanten Wachstum der Routing-Tabellen warnen, stört die hauptamtlichen Adressverwalter nicht zuletzt, dass Providerunabhängig vergebene Adressen sehr leicht von ihrem Radar verschwinden. Eine Rückforderung der Adressen wird schwierig und mehr noch, wenn es Probleme mit Datenverkehr aus solchen Adressbereichen gibt, muss aufwendig nach den Verantwortlichen gesucht werden. Dagegen sollen künftig Verträge helfen. Hat der Endkunde keinen Vertrag mit dem ISP, der für ihn die PI Ressourcen beschafft, dann muss er einen Vertrag mit RIPE NCC eingehen. Auch in Anbetracht des von Experten erwarteten Handels mit IPv4-Adressen, möchte man alles tun, um die Datenbanken zu Adressinhabern aktuell zu halten,

Nachdem diese Frage geklärt sei, könne man nun neu beantworten, ob man PI auch bei IPv6 künftig zulassen wolle. In anderen Adressregionen gebe es dies bereits, so Gert Doering, einer der Vorsitzenden der für Adresspolitik zuständigen Arbeitsgruppe beim RIPE. Er wiederholte Bedenken von RIPE-Nutzern, dass Europa (und der ebenfalls bediente Nahe Osten) benachteiligt werden könnte.

Eine Mehrheit sprach sich in Berlin dafür aus, PI auch beim neuen Protokoll vorzusehen. PI-Adressen werden wohl auch in einigen Fällen von Regierungen beansprucht werden, die nicht unbedingt als reguläres LIR auftreten und damit Adressressourcen beanspruchen können.

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