"Ich nutze nicht einmal ein Smartphone"

Trends & News | Interview

Ein Leben ganz ohne Smartphone? Auf wen könnte das zutreffen? Auf Bundesforschungsministerin Johanna Wanka oder den Sicherheitsexperten Eugene Kaspersky? Lesen Sie die Antwort im Doppelinterview.

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka und der Sicherheitsexperte Eugene Kaspersky eröffnen am Dienstag die "Nationale Konferenz IT-Sicherheitsforschung 2017" in Berlin. c't hat beide vorab zur Cyber-Sicherheit in Deutschland, die Nutzung digitaler Assistenten im Alltag, Informatik als Pflichtfach in der Schule und den Weg in eine Post-Privacy-Gesellschaft befragt.

Frau Dr. Wanka, im Bericht des BSI zur Lage der IT-Sicherheit in Deutschland im Jahr 2016 ist von einer "neuen Qualität der Gefährdung" die Rede, die insbesondere durch Industrie-4.0-Anwendungen sowie unzählige mit Sensorik ausgestattete Alltagsgegenstände hervorgerufen wird. Was tut das Bundesforschungsministerium – das die Erschließung dieser neuen digitalen Geschäftsfelder ja intensiv fördert –, um die Cyber-Sicherheit in Deutschland künftig zu gewährleisten?

Vergrößern Bundesforschungsministerin Johanna Wanka Bild: BMBF/Rickel

Wanka: In der Tat stehen wir vor ganz neuen Herausforderungen in der IT-Sicherheit. Die Dynamik der Vernetzung nimmt weiter zu, ganze Industrieanlagen, autonome Fahrzeuge und Medizingeräte verbinden sich mit dem Internet. Die Systeme werden immer komplexer, gleichzeitig ruft schon ein Fehler Risiken hervor, die ganze Unternehmen und sogar Menschenleben betreffen können. Zudem sehen wir, dass Cyberattacken immer häufiger und professioneller ausgeführt werden.

Deshalb hat mein Haus drei Kompetenzzentren für IT-Sicherheit in Darmstadt, Karlsruhe und Saarbrücken ins Leben gerufen. Die drei Standorte bilden zusammen das größte Cluster für IT-Sicherheitsforschung in Europa. Dort arbeiten Forscherinnen und Forscher heute an den Lösungen für die Fragen von morgen – damit wir in der IT-Sicherheit endlich "vor die Lage" kommen. Das ist Forschung auf internationalem Spitzenniveau, aber die Zentren sorgen auch ganz praktisch für IT-Sicherheit.

CISPA in Saarbrücken gelang es zum Beispiel in Zusammenarbeit mit EUROPOL, das bekannte Botnetzwerk "Zeus" abzuschalten – durch eine abgestimmte, konzertierte Aktion zwischen Cybersicherheits-Forschern und Kriminalbeamten. Und das Kompetenzzentrum in Darmstadt CRISP war Mitinitiator des von meinem Haus geförderten nationalen IT-Sicherheitsprojekts zu Industrie 4.0, das unter Fachleuten unter dem Kürzel IUNO gut bekannt ist.

Nachholbedarf hat Deutschland bei der Umsetzung seiner Forschungsergebnisse in Produkte, die den Endverbraucher erreichen. Hier sind Länder wie die USA oder Israel Deutschland noch voraus. Deshalb werde ich speziell für den Bereich der IT-Sicherheit eine Initiative zur Aktivierung der Gründerszene starten.

Herr Kaspersky, eines der Hauptziele in Deutschland ist der Transfer sozialer und wirtschaftlicher Strukturen in das digitale Zeitalter. Was sind nach Ihrer Einschätzung die größten Herausforderungen im Sicherheitsbereich, damit dieser Übergang gelingt? Insbesondere wenn es um den Aufbau hochintegrierter Industriezweige, die Installation cyber-physischer Systeme und die Ausweitung des Internet der Dinge geht.

Vergrößern Eugene Kaspersky

Kaspersky: Nun, Sie haben ein paar sehr ernsthafte Cybersicherheits-Herausforderungen genannt. Das Hauptproblem ist, dass Sicherheit innerhalb existierender Standards im Bereich Software-Entwicklung nicht immer die höchste Priorität genießt. Alle weit verbreiteten Betriebssysteme haben Schwachstellen und können gehackt werden. So sieht die Realität aus. Diese Schwachstellen können sich allerdings in einer cyber-physischen Welt auch im wahrsten Sinne des Wortes als physikalische Sicherheitsrisiken entpuppen.

Aber man muss auch sagen, dass der technische Fortschritt die Produktivität deutlich verbessert hat. Menschen sind heute in der Lage, physikalische und chemische Prozesse zu beherrschen, die bei höheren Geschwindigkeiten, immer höheren Temperaturen und auch in höheren Druckumgebungen stattfinden. Digitale industrielle Steuerungssysteme sind heute sicherer als je zuvor. Allerdings sind auch die potenziellen Schäden, falls etwas schief geht, entsprechend größer. Wir bewegen uns in einer Welt, in der ein Cyber-Angriff tödlich sein kann. Das ist die größte Sicherheitsaufgabe unserer vernetzten Welt.

Ende des vergangenen Jahres hat Ihre Firma KasperskyOS vorgestellt, eine neue Software-Plattform für industrielle Umgebungen mit hohen Sicherheitsstandards. Können Sie uns mehr zu diesem Projekt sagen?

Kaspersky: Unser Betriebssystem wurde speziell dafür entwickelt, Infrastrukturen immun gegen digitale Attacken zu machen. Wir verfolgen den Ansatz, ein System von Grund auf zu entwickeln – nicht auf Basis von Linux oder einem anderen System. KasperskyOS fußt auf einem Mikrokernel und kann nach den Anforderungen eines Kunden maßgeschneidert eingesetzt werden.

Es gibt ein eingebautes Sicherheitssystem, das das Verhalten von Anwendungen und Modulen im Betriebssystem kontrolliert. Im Wesentlichen ist es nicht zu hacken. Ich denke, dieses Höchstmaß an Sicherheit sollte auch eine Voraussetzung für kritische Infrastrukturen sein.

Für uns war es allerdings ein langer Weg, bis wir unser Betriebssystem für den Einsatz von Kundenanwendungen fertig gestellt haben, denn das System muss für den Einsatz in der Praxis bei jedem einzelnen Projekt angepasst werden. Und das hat seinen Preis. Wir sind allerdings der Meinung, dass es sich für kritische Systeme auszahlen wird.

Mit Siri, Cortana, Alexa & Co. ziehen immer mehr persönliche digitale Assistenten bei den Bürgern ein – und lauschen rund um die Uhr, was in der Umgebung passiert. Können Sie sich vorstellen, selbst einen solchen digitalen Assistenten zu nutzen? Oder gehören Sie eher zu denjenigen, die – wie etwa Facebook-Chef Mark Zuckerberg – die Kameralinse ihres Notebooks abdecken?

Kaspersky: Ich persönlich bin kein großer Fan smarter Technologien im Alltag. Ich nutze nicht einmal ein Smartphone – einfach aus dem Grund, weil ich das mir gebotene "Nutzererlebnis" nicht mag. Ich habe ein altbewährtes Sony-Ericsson-Handy und nutze das ausschließlich für Telefonanrufe und Textnachrichten. Man muss ab und an einfach offline sein. Daher werde ich in nächster Zeit auch keinen digitalen Assistenten benötigen. Außerdem kann ich auf menschliche Assistenz zurückgreifen, was mir lieber ist.

Trotzdem: Ob ich solche Technologien persönlich mag oder nicht – smarte Technologien bestimmen auch mein Leben. Ich fahre ein Auto, das bereits sehr smart ist, weil es schlichtweg keine anderen mehr zu kaufen gibt. Und ich nutze einen smarten Fernseher. Aber ich würde mich nicht als Early-Adopter bezeichnen.

Wie sieht das bei Ihnen aus, Frau Ministerin?

Wanka: Naja, so einfach von selbst ziehen diese neuen Technologien ja nicht in die Wohnungen und Häuser ein. Aber klar, die Vorteile dieser digitalen Hilfsgeräte können natürlich nur dann zur vollen Entfaltung kommen, wenn auch die Privatsphäre geschützt bleibt und damit wären wir wieder bei der IT-Sicherheit. Wer also mit dem Gedanken einer solchen Anschaffung spielt, sollte sehr genau darauf achten, wie sicher die Daten auf den Geräten sind.

In unseren Forschungsprojekten fördern wir schon in der Entwicklung die Sicherheit, das heißt "Privacy by Design". Bei meinen eigenen Anschaffungen schaue ich da ebenfalls genau hin. Auch trage ich nicht alles in die Öffentlichkeit, also wie smart mein Handy oder mein Heim ist. Das fällt für mich auch unter Privatheit und Selbstbestimmung.

Seit Jahren wird propagiert, die konsequente Digitalisierung von Gesellschaft und Wirtschaft zähle zu den "prioritären Zukunftsaufgaben" Deutschlands. Andererseits gibt es aber noch immer sehr wenige Schulen, die überhaupt Notebooks, Tablet-PCs oder gar Smartphones im Unterricht einsetzen. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären?

Wanka: Zunächst einmal: Der bloße Einsatz von Tablets oder Smartphones im Schulunterricht hat für mich noch nichts mit digitaler Bildung zu tun. Natürlich ist das Lernen mit digitalen Medien notwendig, das Ziel besteht aber doch vor allem darin, dass Schülerinnen und Schüler die nötige Beurteilungskompetenz entwickeln. Sie müssen lernen, wie sie sich in der digital geprägten Welt verantwortungsbewusst bewegen.

Die Kinder müssen beispielsweise lernen, wo und wie sie nach Informationen suchen und wie sie das mediale Umfeld zu berücksichtigen haben. Und natürlich brauchen sie auch ein gewisses technisches Grundverständnis, was oft schon mitgebracht wird.

Die Gestaltung des dafür notwendigen Schulunterrichts liegt ja bekanntermaßen in der Verantwortung der Länder. Ich habe allerdings schon den Eindruck, dass die Länder die große Bedeutung digitaler Schulbildung erkannt haben. Die Kultusministerkonferenz hat ja im vergangenen Dezember eine Strategie zur "Bildung in der digitalen Welt" verabschiedet und sie hat sich dort zum Ziel gesetzt, in der Schule digitale Lernumgebungen zu nutzen und digitale Kompetenz zu vermitteln.

Sie haben zuletzt angekündigt, fünf Milliarden Euro aus Bundesmitteln für die Digitalisierung der Schulen bereitstellen zu wollen. Wieso erfolgt dieser Strategiewechsel erst jetzt – kurz vor einer anstehenden Bundestagswahl?

Wanka: Die Strategie der Bundesregierung bei der Digitalisierung hat Bestand. Ich sah auch keinen Grund, erst Wahltermine abzuwarten, sondern wollte bereits im letzten Jahr den Impuls geben. Und da die Länder sich ebenfalls dem Thema verstärkt zuwenden, war die Zeit für den Vorschlag günstig. Ich halte gute digitale Schulbildung für so essentiell für unser Land, dass ich der Meinung bin, der Bund sollte die Länder bei dieser Zukunftsaufgabe unterstützen.

Aber ist es damit getan, durchschnittlich etwa 100.000 Euro pro Schule für den Aufbau technischer Infrastrukturen auszuschütten, während sich Bundesländer weiterhin dagegen sträuben, Informatik als Pflichtfach an allgemeinbildenden Schulen einzuführen?

Wanka: Ich halte es für wichtig, dass wir Schülerinnen und Schüler digitale Kompetenz vermitteln. Dieses moderne Rüstzeug ist für ihre eigene Zukunft relevant, aber auch für die ganze Gesellschaft: Wir müssen jenseits der Fächerdebatte das Lernen mit digitalen Medien viel mehr in den Fachunterricht integrieren. Also zum Beispiel in den Naturwissenschaften digital gestützte Simulationen nutzen, im Deutschunterricht eine Theateraufführung im Stream anschauen und mit dem Regisseur chatten, im Musikunterricht Apps zum Komponieren nutzen und so weiter – ich kann mir vorstellen, dass die Länder da ebensolche Ideen haben.

Genau dieses pädagogisch sinnvolle Lernen mit digitalen Medien wollen wir mit dem DigitalPakt#D erreichen. Ich habe meine Kolleginnen und Kollegen aus den Ländern am 30. Januar getroffen und wir waren uns einig: Wir wollen keine Investitionsruinen, sondern wir wollen aufeinander abgestimmte digitale Infrastruktur, pädagogische Konzepte und digital wie medienpädagogisch kompetente Lehrerinnen und Lehrer – in einem Wort: Wir wollen gute digitale Schulbildung. Jetzt kommt es darauf an, dass wir zügig zu politisch tragfähigen Ergebnissen kommen und eine entsprechende Bund-Länder-Vereinbarung voranbringen.

Über eine frühe IT-Grundausbildung in der Schule könnten Kinder und Jugendliche nicht nur für die vielen Chancen, sondern auch für die zahlreichen Risiken sensibilisiert werden, die mit einer zunehmenden Digitalisierung einhergehen. Was halten Sie in diesem Zusammenhang vom britischen Modell, das "Computer Science"-Unterricht schon ab der Grundschule vorsieht?

Wanka: Das Bewusstsein für die Chancen und Risiken der Nutzung digitaler Medien ist ein Punkt, der mir besonders am Herzen liegt. Die Digitalisierung bringt ja tatsächlich einen tiefgreifenden Wandel in der Mediennutzung mit sich, weil ich mich beispielsweise einer Flut von Informationen gegenüber sehe, deren Vertrauenswürdigkeit ich nicht ohne Weiteres einschätzen kann – denken wir nur an sogenannte "Fake News".

Außerdem muss ich mir erst einmal bewusst machen, dass ich – wenn nicht mit Geld – im Zweifelsfall mit meinen Daten zahle und ob ich das will. Und genau das ist ein Kernelement der digitalen Kompetenz, die wir unseren Kindern mitgeben müssen. Sie müssen Informationen im Netz besser einschätzen und bewerten können. Sie müssen auch verstehen, was Algorithmen sind und wie sie grundsätzlich funktionieren. Und unsere Kinder müssen schon aus eigenem Interesse heraus lernen können, was sie beim Umgang mit ihren Daten beachten müssen.

Post-Privacy-Gesellschaft

Herr Kaspersky, die Datenschutzbestimmungen in Deutschland gehören zu den strengsten weltweit. Allerdings hat die Bundesregierung wiederholt betont, dass das Prinzip der Datenvermeidung und Datensparsamkeit zugunsten einer verstärkten Nutzung von Big Data aufgeweicht werden soll. Sind wir auf dem Weg in eine sogenannte Post-Privacy-Gesellschaft?

Kaspersky: Ich denke, dass wir bereits in einer Post-Privacy-Gesellschaft leben. Wir teilen riesige Mengen an Informationen im Internet, wir nutzen zum Beispiel Kreditkarten und all unsere Transaktionen werden aufgezeichnet. Datenschutz ist wahrscheinlich nur noch in einem entlegenen sibirischen Dorf oder auf einer weit entfernten pazifischen Insel möglich, auf der es keinen Mobilfunk, kein Internet und keine Sicherheitskameras gibt.

Sehen Sie das auch so, Frau Dr. Wanka?

Wanka: Bei personenbezogenen Daten sind Datenvermeidung und Datensparsamkeit für den Staat nach wie vor wichtige Grundsätze. Jeder Einzelne sollte im Alltag allerdings die Möglichkeit haben, über die Speicherung und Verwendung seiner Daten souverän selbst entscheiden können.

Deswegen fördern wir gezielt Technologien, die datenschutzfreundlich konzipiert sind. In den nächsten Tagen schreiben wir beispielsweise neue Forschungsprojekte zur Förderung aus, bei denen es um Lösungen für "Privatheit und informationelle Selbstbestimmung in der digitalen Arbeitswelt" geht.

Datenschutz und Geschäftsmodell, Privatheit und IT-Sicherheit sind alles andere als Gegensätze. Wenn Informationstechnologie – wie immer wieder zu hören ist – alles kann, dann muss sie auch diese Aspekte miteinander vereinbaren können.

Wie schon gesagt, fördern wir den Ansatz "Privacy by Design" schon seit mehreren Jahren. Jetzt wird dieses Paradigma auch von der EU-Datenschutzgrundverordnung unterstützt. Das neue Datenschutzgesetz setzt dies für Deutschland um und schreibt vor, dass Datenschutz und Privatheit bei neuen Anwendungen von Anfang an mitgedacht werden.

Zugleich müssen wir das Potenzial von Big Data fördern. Die Daten sind da und wenn wir sie sinnvoll nutzen können, bringt das Vorteile, beispielsweise in der Medizin. Big-Data-Projekte beinhalten auch ethische, soziologische, politikwissenschaftliche und rechtliche Fragen. Das ist uns bei der Förderung wichtig. Forschung versetzt uns ja erst in die Lage, die Vorteile von Big Data nutzen zu können, ohne dass Datenschutz und Selbstbestimmung der Bürgerinnen und Bürger eingeschränkt werden.

Eine Post-Privacy-Gesellschaft kann daher kein Ziel sein.

Bei den jüngsten Präsidentschaftswahlen in den USA hat sich gezeigt, dass Bürger durch intensive Auswertung von Social-Media-Daten gezielt angesprochen und beeinflusst werden – bis hin zur bewussten Verbreitung von Fake News über Social Bots. Befürchten Sie, dass "Meinungsroboter" auch im anstehenden Bundestagswahlkampf eine Rolle spielen könnten?

Wanka: Falschmeldungen und Propaganda gibt es ja nicht erst seit der Erfindung von Facebook und Twitter. Die digitale Kommunikation birgt aber das Risiko, Stimmungen zu schüren oder Meinungsmanipulationen zu erreichen – und dabei einzelne Zielgruppen sehr differenziert anzusprechen. Dessen müssen wir uns bewusst sein.

Daher hat mein Haus ein Projekt gestartet, in dem Forscherinnen und Forscher gemeinsam mit der Süddeutschen Zeitung und Spiegel Online erforschen, wie verdeckte Propaganda im Internet aufgespürt und nachgewiesen werden kann.

Aber wie gehen wir mit Propaganda und Meinungsmanipulation um, wenn wir sie erkannt haben? Hier sind noch viele Fragen offen, und wir müssen schnell handeln, um nicht von dieser neuen Bedrohung überrollt zu werden. Daher werden wir zeitnah ein weiteres Forschungsprojekt starten, das Lösungsmöglichkeiten für die Erkennung und Bekämpfung von Meinungsmanipulationen aufzeigen soll.

Kaspersky: Ich bin kein Experte für politische Wahlen, aber ich bin mir sehr sicher, dass geschicktes Mikro-Targeting eine immer wichtigere Rolle bei Kampagnen weltweit spielen wird. Es ist ein effizientes Tool, um Wahlen zu gewinnen, daher wird es auch von allen eingesetzt werden.

Immer mehr Staaten erweitern ihre Streitkräfte um hochqualifizierte ITK-Kräfte für die digitale Kriegsführung – auch in Deutschland. Befinden wir uns bereits in einem Cyber-Krieg? Und könnten Angreifer zum Beispiel erneut Daten des Bundestages ausspähen oder in den deutschen Wahlkampf eingreifen?

Kaspersky: Wir leben heute definitiv noch nicht in cyber-kriegerischen Umständen. Bei den meisten Vorfällen, die wir sehen, handelt es sich mehr um Spionage, eine Art des Angriffs, den es seit Jahrtausenden gibt. Ein echter Cyberkrieg würde wahrscheinlich Angriffe auf militärische Infrastruktur und Sabotageakte auf Industrie und Telekommunikation zur Folge haben – mit verheerenden und sogar tödlichen Konsequenzen. Und wir wissen aus den Nachrichten, dass viele Länder in der Tat offensive Cybertools entwickeln, was sehr gefährlich ist.

In Bezug auf die bevorstehenden Wahlen in Deutschland können wir nur über das Ausmaß der Bedrohung spekulieren. Da die Idee möglicher Hacks zur Manipulation politischer Wahlen in der Öffentlichkeit sehr präsent ist und aktiv nach den Präsidentschaftswahlen in den USA diskutiert wird, befürchte ich, dass ein gewisses Risiko besteht, dass jemand versuchen könnte, solche Methoden in Deutschland und an anderen Orten einzusetzen.

Alle Sicherheitsexperten, die Zugang zu den Spuren des Hacking-Angriffs auf den Deutschen Bundestag im Jahr 2015 hatten, deuteten sofort mit dem Finger mehr oder weniger deutlich auf Russland. Für wie wahrscheinlich halten Sie das?

Kaspersky: Wir waren nicht in die Untersuchungen miteinbezogen, daher haben wir kein Beweismaterial aus erster Hand. Wir sind sehr gewissenhaft, wenn es um die Zuschreibung von Cyber-Attacken geht. Wenn wir ein gefährliches Eindringen untersuchen, ist das einzige, was wir haben, das Malware-Sample und einige wenige Spuren, die von den Hackern auf dem Gerät des Opfers zurückbleiben.

Normalerweise enthält die Malware einzelne Worte, die Rückschlüsse auf die Sprache des Code-Schreibers zulassen. Zudem sehen wir die Kompilierungszeit der Malware-Samples. Diese Beweise können allerdings recht einfach gefälscht werden. Daher nehmen wir keine Zuschreibungen vor. Wir denken, dass das die Arbeit der Vollzugsbehörden ist.

Wenn die Medienberichte, die ich gelesen habe, allerdings wahr sind, war die Hackergruppe Sofacy, die auch als Fancy Bear, Sednit, STRONTIUM oder APT28 bekannt ist, in einen Angriff auf den Deutschen Bundestag verwickelt. Wir haben diese Gruppe über mehrere Jahre hinweg untersucht und einige Berichte hierzu veröffentlicht.

Sie sind hochentwickelt und nutzten bereits mehrere Zero-Day-Lücken aus – was es wahrscheinlich macht, dass sie im Hintergrund von einem Staat unterstützt werden. Es gibt zudem Hinweise, dass russischsprachige Hacker in diese Gruppe involviert sind.

Frau Dr. Wanka, sehen Sie Deutschland bereits in einem Cyber-Krieg?

Wanka: Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik meldet in seinem aktuellen Lagebericht, dass die deutschen Regierungsnetze im Durchschnitt 400 Angriffen pro Tag ausgesetzt sind. Das zeigt: Die Lage ist ernst.

Internationale Konflikte werden natürlich auch in den digitalen Netzen ausgetragen. Das ist eine Herausforderung, der sich auch die Forschung stellt. Ich begrüße es daher sehr, dass die Universität der Bundeswehr in München ihre Kapazitäten im Bereich der IT-Sicherheit gerade mit elf Professuren verstärkt. Dort entsteht ein neues Kompetenzzentrum für IT-Sicherheit, das die vorhandenen BMBF-Zentren sinnvoll ergänzen wird.

Herr Kaspersky, Sie haben bereits häufiger geäußert, dass Sie mit den Sicherheitsbehörden verschiedener Länder kooperieren. Können Sie kurz erläutern, wie eine solche Zusammenarbeit aussieht?

Kaspersky: Es gibt verschiedene Arten der Zusammenarbeit mit Sicherheitsbehörden. Die einfachste ist, dass wir die lokalen CERTs und relevanten Behörden – etwa Cyberpolizei-Einheiten – informieren, wenn wir eine ernstzunehmende Hacking-Aktivität auf ihrem Territorium verzeichnen. Wir melden ein Verbrechen, wenn wir es sehen.

Unsere Experten nehmen auch an den Untersuchungen von Cyber-Verbrechen teil. Wir unterstützen Vollzugsbehörden bei der digitalen Forensik und im Bereich Malware Reverse Engineering. Wir bieten technische Expertise, die die Polizei benötigt, um laufende kriminelle Machenschaften wie kriminelle Botnetze zu zerschlagen.

Außerdem stehen wir in intensivem Kontakt mit Europol und wir helfen dabei, Finanzverbrechen in Europa aufzuspüren. Zusammen mit Europol, der niederländischen Polizei und Intel Security haben wir beispielsweise die Initiative NoMoreRansom.org gestartet, deren Ziel es ist, Opfern von Ransomware-Attacken zu helfen. Wir haben bereits mehr als 40 Partner in dieser Allianz, viele davon sind Polizeibehörden.

Wir bieten zudem Schulungen für Cyber-Einheiten der Polizei und betreiben einen Threat-Intelligence-Service mit Malware Reports und Datenfeeds, der von zahlreichen Kunden aus dem staatlichen Bereich genutzt wird. All das und in unterschiedlicher Kombination tun wir in vielen Ländern weltweit.

Unabhängige Experten haben die Sicherheit von Anti-Virus-Software untersucht und behaupten, diese sei oft schlechter als das, was zum Beispiel in Browsern integriert ist. Was sagen Sie dazu?

Kaspersky: Ich kann nicht für jede Anti-Virus- und Sicherheitssoftware weltweit sprechen, aber für unsere Produkte ist dies nicht korrekt. Wir haben sehr robuste interne Testprozeduren, haben unser eigenes Bug-Bounty-Programm und arbeiten mit externen Experten zusammen.

Software ist immer ein fortlaufender Prozess, sie wird ständig weiterentwickelt und Bugs und Schwachstellen sind vorprogrammiert. Wir – und externe Experten – finden von Zeit zu Zeit Probleme, aber wir bemühen uns stets, diese schnellstmöglich zu beseitigen. (pmz)

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