Ich streichele meinen Pinguin

@ctmagazin | Editorial

Manchmal kommt es völlig anders als man denkt: Da wartet man zwei Dekaden lang auf den Erfolg von Linux, und dann ist es plötzlich allgegenwärtig.

Ich streichle meinen Pinguin

Manchmal kommt es völlig anders als man denkt: Da wartet man zwei Dekaden lang auf den Erfolg von Linux, und dann ist es plötzlich allgegenwärtig - aber nicht etwa auf Desktop-PCs, sondern in Smartphones mit Android. Ganz ohne Tasten also, die raue Kommandozeile unter einer Streichel-Oberfläche versteckt. Google hat Linux für Mobilgeräte allerdings nicht nur abgespeckt und hübsch eingekleidet, sondern herrscht auch darüber nach Gutsherrenart. Das ist ein scharfer Kontrast zum offenen Prozess, in dem sich das sozusagen "echte" Linux fortentwickelt. Und während Desktop-Linux seinem Nutzer volle Kontrolle überlässt, lauert in jedem Android-Smartphone der Datenkrake - ohne Google-Konto humpelt der Androide. Trotzdem ist das Betriebssystem äußerst beliebt und Tausende Entwickler hämmern neue Apps in ihre Tastaturen. Die immer wieder neuen Aufgüsse von Ubuntu, Fedora, Debian, OpenSuse und Co. lösen hingegen längst keinen Jubel mehr aus.

Woran liegt es denn aber, dass Android durch die Decke schießt, während der größte Teil der PC-Nutzer Linux nicht einmal geschenkt nimmt? Zwar stimmt es, dass Google enormen Einfluss besitzt und mit großen Investitionen auf klare wirtschaftliche Ziele zusteuert. Aber auch ohne solche Mittel ließe sich vieles von dem realisieren, was Android attraktiv macht. Vor allem nämlich bedient Google konsequent den Massengeschmack. Android nimmt seinen Benutzern lästige Aufgaben ab und erleichtert ihnen, was Spaß macht.

Bei mancher Linux-Variante verhält es sich umgekehrt: Vor dem Vergnügen steht die Arbeit. Daran tragen die Linux-Programmierer nicht die alleinige Schuld, sondern etwa auch Hardware-Hersteller, die Treiber nicht im Quellcode herausgeben, oder Patente, die der reibungslosen Wiedergabe von Musik und Videos im Wege stehen. Die Ursachen solcher Probleme interessieren Laien aber nicht. Sie wenden sich schlichtweg ab und zahlen den Obolus für Windows, wo es einfacher klappt. Ein Betriebssystem kann letztlich nur mit seinen unmittelbaren Qualitäten begeistern - ob es von lieben Open-Source-Freiheitskämpfern oder bösen Turbokapitalisten stammt, ist der Mehrheit ganz offensichtlich egal.

Android ist nicht perfekt, doch zeigt der Erfolg, dass nach Ansicht von Millionen Käufern die Vorteile überwiegen. Bei Desktop-Linux muss man hingegen immer noch zu viele Kröten schlucken: rätselhafte Bedienkonzepte, lückenhafte Dokumentation, fehlende Treiber. Selbstverständlich steht es Linux-Entwicklern frei, ihre Arbeitskraft nach eigenem Ermessen einzusetzen. Doch wenn Linux wirklich aus der Nerd-Ecke herauskommen soll, dann muss es die bessere, coolere, schönere Alternative zu Windows werden - und zwar aus Sicht von Laien, nicht nach dem Verständnis von Programmierern. (ciw)

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