In einem fernen Reich

@ctmagazin | Editorial

In einem fernen Reich lebten einst zwei einflußreiche Kaufleute. Sie gaben vor, es gut mit ihren Kunden zu meinen, in Wirklichkeit gierten sie aber nach Macht und Reichtum. Eines Tages rief einer der Kaufleute seine Vasallen zu sich: "Geht in die Stadt", forderte er, "und backt den Menschen ein Brot, wie sie es zuvor noch nicht gegessen haben!" Die Vasallen taten, wie ihnen geheißen und buken ein Brot, bei dessen Anblick den Bürgern das Wasser im Munde zusammenlief. "So ein Brot", sagten die Vasallen, "könntet ihr alle Tage haben. Doch Eure Bäcker betrügen Euch, jagt sie davon!" Da trieben die Bürger ihre Bäcker mit Schimpf und Schande zum Stadttor hinaus.

Als sie am nächsten Tag jedoch eines der schmackhaften Brote begehrten, baten die Vasallen um Geduld. Die Rezeptur des Brotes sei noch nicht ausgereift, der Teig zäh und unbekömmlich. Aber schon bald wolle man ein noch besseres Brot backen. Da murrte das Volk, fügte sich aber in sein Schicksal.

Nach gut einem Jahr verkündete der Kaufmann, daß die versprochenen Brote nun bereitlägen. Wer eines kaufe, erhalte es jedoch nur zum eigenen Verzehr. Aber die Bürger begannen zu klagen, das Brot sei anders als das versprochene, es reiche nicht für alle, auch sei es zu teuer. Doch der Kaufmann wollte die Beschwerden nicht hören. Da suchten die Bürger Hilfe bei einem, der sich auf die Kunst des Brotvermehrens verstand und der aus einem Brot so viele Laibe herstellte, daß alle satt wurden und noch genug für Bedürftige blieb. Als der Kaufmann erfuhr, daß jemand gutes Brot gegen Gotteslohn verteilte, packte ihn wilder Zorn. Da er des Brotvermehrers nicht habhaft werden konnte, ließ er die Bedürftigen ergreifen und in den Kerker werfen.

Aber die Bürger wollten nicht vom Brotvermehren lassen. Da befahl der Kaufmann seinen Vasallen: "Es ist genug! Zählt die Bürger und gebt jedem eine Nummer. Aber nehmt euch in acht, denn der Sultan darf davon nichts wissen." Da zogen die Vasallen in die Stadt, registrierten die Bürger und ließen sie auf Schritt und Tritt von zwei als Händler getarnten Spitzeln überwachen.

Dem zweiten Kaufmann gefiel, was der erste tat. Da auch er seinen Kunden nicht traute, ließ er sie in aller Stille numerieren und beim Einkauf belauschen.

Eines Tages jedoch machte die Nachricht die Runde, Agenten trieben in der Stadt ihr Unwesen. Die meisten Bürger wollten dem keinen Glauben schenken. Es gab aber einen unter ihnen, dem es gelang, zwei Spitzel im Gespräch zu belauschen. Als die Einwohner erfuhren, wie übel man ihnen mitgespielt hatte, begehrten sie gegen die Kaufleute auf. Da fuhr den beiden ein mächtiger Schreck in die Glieder, und sie sandten Herolde aus, um die Menge mit vielen schönen Worten zu besänftigen.

Der Zorn der Bürger war jedoch so groß, daß sie zum Sultanspalast stürmten. Als der Herrscher vom Treiben der beiden Kaufleute erfuhr, ließ er die Schurken ergreifen. Da sie jedoch jammerten und flehten und der Sultan es allen recht machen wollte, ließ er Gnade walten. Den Kaufleuten wurde die Freiheit geschenkt, und wenn sie nicht gestorben sind und ihnen niemand Einhalt geboten hat, so numerieren sie ihre Kunden wohl noch heute.

Egbert Meyer

Anzeige