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Internet-Verwaltung: "Die ICANN wurde um die IANA herum gebaut"

Wissen | Hintergrund

heise online sprach mit ICANN-Vizepräsident Jean-Jacques Sahel über die Chancen, die Überleitung der IANA in ein vollständig privates Modell abzuschließen.

Die Internet-Verwaltung soll umgebaut und aus der US-Oberaufsicht entlassen werden. Im Bereich der Domains liegt das Grundmodell für die künftige Aufsicht der Internet Assigned Numbers Authority (IANA), die für die technische Verwaltung der Internet-Adressressourcen zuständig ist, zwar vor, doch viele Details sind offen. Werden die angedachten Review-Gruppen der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) wirklich als externe Gremien angelegt? Wer sitzt jeweils darin? Setzen sich geplante Mechanismen durch, die "Community" als neuen Aufseher und Hüter der "Verfassung" der ICANN zu ermächtigen, wenn die US-Regierung sich zurückzieht? Ist die Bindung aller IANA-Aufgaben für Namen, IP-Adressen und die Protokolldatenbank der Internet Engineering Task Force (IETF) schon ausgemacht?

Am Rande des Internet Governance Forum Deutschland (IGF-D) sprach heise online mit Jean-Jacques Sahel, Vizepräsident der ICANN und Statthalter der privaten Netzselbstverwaltung in Brüssel, über die Chancen, die Überleitung der IANA in ein vollständig privates Modell abzuschließen.

Was bringt es, wenn die US-Regierung die IANA-Aufsicht aufgibt? Ist es ein technisches Detail oder ist es wirklich eine Zeitenwende in der Netzverwaltung?

ICANN
Jean-Jacques Sahel (Bild: ICANN)

Einerseits sind die IANA-Aufgaben sehr technisch. Domainnamen berühren hingegen etwas breitere Fragen, Wörter haben Bedeutungen und damit gibt es auch politische Fragen. Im Grunde geht es bei der IANA aber nur darum, Datenbanken zu führen; für das Internet sehr wichtige Datenbanken, aber eben Datenbanken. Andererseits aber wird in der IANA mehr gesehen als deren notarielle oder buchhalterische Aufgabe. Die Aufgabe der Aufsicht durch die US-Regierung hat eine enorme Symbolik und sie anerkennt auch, dass das Multi-Stakeholdermodell weiterentwickelt wird. Ich will jetzt nicht gerade von einer Revolution sprechen. Aber es ist ein großer Schritt.

Schaffen Sie den Termin 30. September denn noch?

Der September-Termin hat die Community veranlasst, ihre Aufmerksamkeit auf die Übergabe zu konzentrieren. Eine fixe Deadline war er nie. Es war von Anfang an klar ausgesprochen, dass die US-Regierung den jetzt geltenden IANA-Vertrag verlängern kann. Und viele Leute sagen mir, lieber langsam und sauber als schnell um jeden Preis. Es ist immer noch möglich, dass die Community ihren Vorschlag zur Übergabe im Herbst via ICANN Board an die NTIA schickt. Wir bekommen damit nicht so schnell grünes Licht für die Überleitung, aber das ist nicht das Ende der Welt. Genau genommen sind wir schon sehr weit gekommen in einem Jahr, verglichen mit anderen vergleichbaren Reformprozessen.

Sehen Sie noch größere Hindernisse auf dem Weg zu einem Vorschlag, der breite Zustimmung findet?

Eigentlich nicht. Kernelemente für die Rechenschaftslegung und Prüfung durch die Community sind adressiert. Es gibt noch viele Details, an denen gearbeitet wird. Dazu warten wir das Ende der Konsultationen in der Community ab.

Warum muss der abschließende gemeinsame Vorschlag, den die ICG aus den Vorschlägen der verschiedenen Gruppen entwickelt, eigentlich die ICANN passieren? Hat der ICANN-Vorstand das letzte Wort?

Nach meinem Verständnis wird er nur an die NTIA durchgereicht. Die ICANN war einfach beauftragt, die Konsultation zu organisieren.

Es gibt durchaus Stimmen, die sagen, wenn sich der Konsultationsprozess noch lange hinzieht, könnte die Übergabe scheitern. Was passiert, wenn im kommenden Jahr der Präsidentschaftswahlkampf beginnt und wichtige Initiatoren der Übergabe, etwa NTIA-Chef Larry Strickling ihre Ämter verlassen?

Natürlich müssen die Pläne von der US-Regierung abgesegnet werden, in einem Wahljahr erhalten die Wahlkampagnen oberste Priorität. Es kann dann einfach sein, dass wir länger warten müssen. Übrigens war die IANA-Übergabe kein Projekt allein von Larry Strickling. Auch die zuständige Ministerin, Penny Pritzker, und auch das Weiße Haus waren sehr involviert, also nicht nur die NTIA.

Sie glauben nicht, dass eine Verschiebung in eine neu gewählte Regierung das Aus für die IANA-Übergabe bedeutet?

Ich glaube, eine Verzögerung bedeutet erst einmal, dass wir das neue Modell später bekommen. Ich halte es da mit Fadi Chehadé (ICANN-CEO), der gesagt hat, der Zug hat den Bahnhof verlassen. In gewisser Weise steuern wir auf diese Entwicklung seit der Gründung der ICANN 1998 zu. Übrigens, wenn wir die Zustimmung zum Modell für die Übergabe durch die US-Regierung haben, folgt noch eine Phase der Implementierung, bevor die Übergabe endgültig vollzogen werden kann.

Das heißt, Anerkennung der künftigen IANA-Aufsicht durch die US-Regierung, Implementierung und dann erst Beendung des Vertrags?

Ja. Das kann aber sehr schnell gehen. Wir sprechen da wohl eher von einem Jahr als von zwei oder fünf Jahren. Andererseits können wir mit Verbesserungen der Checks and Balances starten, sobald wir die Vorschläge haben, und müssen nicht auf die Anerkennung warten.

Zuletzt gab es Streit zwischen den beiden "technischeren IANA-Kunden" und der ICANN-Rechtsabteilung zur Frage, inwieweit deren künftige Verträge mit der ICANN Kündigungsklauseln enthalten können. Warum ist ICANN dagegen?

Dazu kann ich nichts sagen.

Für die IP-Adressverwalter und die Internet Engineering Task Force sind Kündigungsklauseln in ihren Service Level Agreements nicht verhandelbar, sagen sie. Könnten diese beiden IANA-Kunden am Ende einfach eigener Wege ziehen?

Kündigungsklauseln sind ganz üblich in SLAs und es gibt in den verschiedenen Vorschlägen bereits Review- und Eskalationsmöglichkeiten, und zwar ziemlich mächtige. Es ist noch ein wenig früh, um über Plan B oder C zu sprechen, denke ich. Ich habe im Moment den Eindruck, die Community zieht an einem Strang und verfolgt nach wie vor das Ziel, einen einheitlichen Vorschlag zu entwickeln. Insgesamt geht es den verschiedenen Gruppen darum, das gut hinzubekommen.

Ist denn eine Abtrennung der IANA von der ICANN oder aber die Aufspaltung in die verschiedenen Funktionen, Namen, Nummern und Protokolle gar nicht denkbar?

Nun, das Modell der gemeinsamen Verwaltung durch die ICANN ist gut durchdacht. Die Entwicklung von Regeln, der Policy-Teil, ist wichtig. Aber eigentlich war es die Verwaltung der kritischen Infrastrukturen, für die die ICANN gegründet wurde. Die ICANN ist praktisch um die IANA herum aufgebaut.

Die ICANN hat gleichzeitig noch einiges zu tun mit der laufenden Delegation der verbliebenen neuen generischen Top Level Domains, wo stehen Sie da? Denken Sie wo möglich schon an eine weitere Runde?

Wir stecken in der internen Evaluierung der ersten Runde, die rund ein Jahr dauern wird und im vergangenen Herbst begonnen hat. Ich höre von zwei Seiten, die eine zweite Runde begrüßen würden. Einmal Markeninhaber, die die erste Runde verpaßt haben. Zum anderen besteht wachsendes Interesse in Entwicklungsländern, die auch in der ersten Runde noch nicht dabei waren. Beide haben gute Argumente. Allerdings haben wir noch viel Arbeit vor uns bei der Überprüfung von Runde eins. Sowohl wir als auch die Wirtschaft müssen noch viel darüber lernen, was funktioniert und was nicht.


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