Interview mit Asterisk-Schöpfer Mark Spencer

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Mark Spencer, Entwickler der freien Telefonanlagen-Lösung Asterisk, über seine Pläne für die Software und die Zukunft der Telefonie.

Mark Spencer - der Autor von Asterisk und Gründer von Digium

SW: Wie alt sind Sie und wann haben Sie angefangen mit Linux zu arbeiten?

Spencer: Ich bin 29 Jahre alt. Meine ersten Erfahrungen mit Linux machte ich 1994. Da war ich 17.

SW: Wann, warum und wie haben Sie das Asterisk-Projekt ins Leben gerufen?

Spencer: Asterisk began als interne Telefonanlage für unsere Firma, die damals noch Linux Support Services hieß. Erst 2001 haben wir unseren Namen in Digium geändert und Asterisk in den Mittelpunkt unserer Aktivitäten gerückt.

SW: Ist Digium ein typischer Vertreter der New Economy?

Spencer: Es ist ein kleines Unternehmen mit einer ungezwungenen Atmosphäre und einem passionierten Team. Die Welt zu verändern ist nicht leicht. Ich bin stolz darauf, mit solch engagierten Leuten zusammenzuarbeiten.

SW: Wie viele Leute arbeiten für Digium und was für Menschen sind das?

Spencer: Die Firma beschäftigt im Moment um die 60 Mitarbeiter. Sie arbeiten in Bereichen wie Vertrieb, Entwicklung und Testing.

SW: Wieso ist der Sitz von Digium Huntsville in Alabama?

Spencer: Einer unserer Investoren ist Adtran, ein großer Hersteller von Netzwerk-Hardware aus Huntsville. In der Zeit, als diese Finanzspritze kam, sind wir dorthin gezogen. Huntsville ist ein kleiner Technologie-Standort in Alabama. Ich nenne es das Sillicotton Valley.

SW: Genauso wie einige andere erfolgreiche Open-Source-Firmen stellen Sie ihre Software unter zwei unterschiedliche Lizenzen. Wieso steht Asterisk nicht ausschließlich unter der GPL?

Spencer: Für viel Standard-Software ist Open Source zweifellos ein gutes Modell. Ich möchte Leuten jedoch auch die Möglichkeit bieten, Asterisk mit proprietären Anwendungen zu verbinden. Dafür Geld zu verlangen, finde ich durchaus angebracht, sonst hätte ich auch die GNU Lesser General Public License nehmen können. Die GPL untersagt zudem das Linken zu Open-Source-Produkten, die unter einer anderen freien Lizenz stehen, ein Beispiel wäre hier OpenH323. Auch mit patentierten Techniken wie G.729 darf eine solche Software nicht gelinkt werden. Ich möchte nochmals die Wichtigkeit von Wahlfreitheit unterstreichen, aber es muss auch einen wirtschaftlichen Anreiz für Open Source geben.

SW: Wie sollte ein Entwickler vorgehen, der eine Erweiterung für die GPL-Version von Asterisk geschrieben hat, aber nicht seine Rechte an Digium abtreten möchte?

Spencer: Hier ist ein Missverständnis im Spiel. Wenn jemand Code zu Asterisk beitragen möchte, muss er oder sie uns lediglich die uneingeschränkte Nutzung einräumen. Das Urheberrecht an der Software bleibt beim Autor. Wir übernehmen nicht das Copyright, obwohl wir darüber nachdenken, eine solche Möglichkeit anzubieten, wenn Leute das wünschen. Wer Digium nicht das uneingeschränkte Nutzungsrecht an seinem Beitrag einräumen möchte, kann immer noch ein eigenes abgeleitetes Werk unter die GPL stellen. Solche Änderungen können wir jedoch nicht in das Produkt aufnehmen, das wir als Asterisk verbreiten.

SW: Was halten Sie von den BRI-Erweiterungen für Asterisk von Junghanns aus Berlin? Diese stehen ja komplett und ausschließlich unter der GPL.

Spencer: Ich halte BRI für wichtig. Wir können die Software jedoch nicht in Asterisk integrieren und gleichzeitig zum Beispiel die Unterstützung für G.729 aufrechterhalten. Stattdessen benutzen wir mISDN. Auch wissen wir nicht genau, von wem der BRI-Code stammt, da es kein Code-Tracking gibt. Das macht es schwierig, die Herkunft der Quelltexte zu überprüfen.

SW: Wenden wir uns jetzt wieder dem normalen Asterisk-Benutzer zu: Jeder, der die stabile Version benutzt, hat sich in den letzten Monaten spätestens alle vier bis sechs Wochen zu einem Update gezwungen gesehen. Das empfinden viele als lästig. Wie kommt es, dass es in der stabilen Version einer so wichtigen Software nach wie vor so viele Fehler gibt?

Spencer: Asterisk ist ein sehr komplexes Produkt, das in einer erstaunlichen Vielfalt von Umgebungen eingesetzt wird. Mit Ausnahme einiger weniger Fehler, wie die Denial-of-Service-Sicherheitslücke gegen IAX, betreffen die meisten Bugs eher wenige Anwender, müssen aber trotzdem behoben werden. Wer Wert auf einen konservativeren Release-Zyklus legt, dem ein formalisiertes Testverfahren zugrunde liegt, sollte auf Asterisk BE zurückgreifen.

SW: Was genau ist die Asterisk Business Edition? Worin besteht der Unterschied zur Standardversion?

Spencer: Die BE basiert komplett auf Open Source, mit Ausnahme des Kopierschutzes und einiger Partner-Produkte, die zur Verfügung stehen. Die Hauptunterschiede liegen in dem längeren Test- und Release-Zyklus, dem profesionellen Support und der explizit kommerziellen Lizenz.

SW: Was bringt die für Oktober geplante Version 1.4 dem Anwender? Soll jemand, der jetzt Asterisk 1.2 einsetzt und damit gut fährt, auf 1.4 umsteigen?

Spencer: Wie wir hier in Alabama sagen: "So lange es läuft, lass die Finger weg." Ein Umstieg empfiehlt sich, wenn es einen Bug in 1.2 gibt, oder wenn die neue Version Funktionen bietet, die es in 1.2 noch nicht gab.

SW: Wie lange wollen Sie Bugfixes für Asterisk 1.2 anbieten?

Spencer: So lange, wie die Maintainer des 1.2-Releases diese bereitstellen wollen.

SW: Warum wollen Sie alle sechs Monate ein neues stabiles Release herausbringen? Viele Leute sind der Meinung, dass eine Telefonie-Software einen längeren Release-Zyklus haben sollte.

Spencer: Es gibt ein Gleichgewicht zwischen einem kürzeren Release-Zyklus ("Release early, release often"), der häufig bei Open-Source-Software zu finden ist, und einem längeren Zyklus, wie er bei den meisten kommerziellen Anwendungen anzutreffen ist. Wir glauben, dass es wichtig ist, alle sechs Monate ein neues Release der Open-Source-Version von Asterisk herauszubringen. Die Business Edition ist die Plattform für den längeren Release-Zyklus mit dem formalen Testverfahren. Auf diese Weise können wir den unterschiedlichen Bedürfnissen unserer Zielgruppen entsprechen.

SW: Die meisten Asterisk-Anwender benutzen ein SIP-Telefon. SIP ist nicht unbedingt das sicherste Protokoll. Wie sollte Ihrer Meinung nach eine sichere VoIP-Verbindung zwischen zwei Gesprächspartnern aufgebaut werden?

Spencer: Vermutlich via IAX mit einer Form von Verschlüsselung. So etwas wie die schon erwähnte Denial-of-Service-Lücke darf dann natürlich nicht mehr passieren.

SW: Was halten Sie von der Verschlüsselungssoftware Zfone von Phil Zimmermann?

Spencer: Ich habe sie noch nicht benutzt.

SW: Und von der Linux-Distribution Asterisk@Home?

Spencer: Asterisk@Home ist die ideale Test-Umgebung, in der Leute Asterisk kennenlernen können. Es hat natürlich seine Einschränkungen, aber es macht den Einsteig in Asterisk ziemlich leicht.

SW: Wie sieht die Zukunft von VoIP in den kommenden zwei Jahren aus?

Spencer: Ich denke, Asterisk wird bei VoIP eine immer wichtigere Rolle spielen. Es ist schon auffällig, dass viele der richtig großen Unternehmen sich die Software anschauen. Was VoIP im Allgemeinen betrifft: Hier wird es, glaube ich, immer weniger um das Kostenersparnis gehen, dafür aber viel mehr um neue Dienste wie Kombinationen aus Sprache, Video und Daten und um eine verbesserte Qualität gegenüber dem herkömmlichen Telefonnetz.

SW: Wird VoIP das altbekannte Telefonnetz für den normalen Anwender in naher Zukunft überflüssig machen?

Spencer: Das hängt vom Standort ab. Jemand von Adtran sagte mal "Kupfer mag zwar begraben sein, aber tot ist es nicht" über die enorme Menge an Kupferleitungen im Boden. Diese lassen sich nach wie vor vermarkten. Genauso gibt es noch so viel analoge Technik, dass es noch sehr lange dauern wird, bevor der ganze Telefonverkehr paketvermittelt abläuft. Wenn das schon für Amerika und Europa gilt, dann umso mehr für den Rest der Welt.

SW: Wieso ist SIP so beliebt?

Spencer: SIP ist so etwas wie ein historisches Versehen. Es war weniger komplex als H.323 und offener.

SW: Warum gibt es nicht mehr VoIP-Telefone, die das eigene Asterisk-Protokoll IAX unterstützen?

Spencer: Für IAX gab es bis vor kurzem keine Dokumentation.

SW: Was können Sie uns über die Zusammenarbeit von Digium mit Google erzählen?

Spencer: Asterisk ünterstützt Jingle, Googles Erweiterung des Jabber-Protokolls, was eine Menge Vorteile mit sich bringt.

Stefan Wintermeyer bietet mit seiner Firma Amooma Beratung und Schulungen für Asterisk. Auf seiner Website finden Sie auch die englischsprachige Version dieses Interviews.

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