Interview mit JBoss-Chef Marc Fleury

Wissen | Reportage

JBoss-Gründer Marc Fleury sprach auf der JBoss World in Berlin mit heise open nicht nur über die eigene Produktpalette, sondern auch über die neuesten Erschütterungen im Linux-Markt.

Marc Fleury

heise open: 2006 war ein ereignisreiches Jahr für JBoss. Ihre Firma wurde von Red Hat aufgekauft, JBoss-Software ist jetzt Bestandteil des Red Hat Application Stack. Und dann gibt es die aktuellen Turbulenzen in der Open-Source-Welt rund um den Deal zwischen Microsoft und Novell, um Oracle mit seinem "Unbreakable Linux" und um Sun, dass Java unter die GPL stellt.

Um mit dem Kauf von JBoss durch Red Hat in diesem Frühjahr anzufangen: Red Hat/JBoss hat jetzt ein erweitertes Produktportfolio mit einem Betriebssystem und jeder Menge Java-Middleware. Wie hat die Akquisition JBoss und die JBoss-Produkte wie JEMS beeinflusst?

Marc Fleury: Wir sind jetzt Teil eines größeren Unternehmens. Die Vertriebs- und Supportorganisation ist größer; aus der Entwicklerperspektive hat sich nicht viel verändert. Um ehrlich zu sein, würde ich gerne mehr Investionen in den neuen Geschäftsbereich sehen, damit wir weiter wachsen können. Wir haben bis auf eine Person keine Entwickler verloren.

heise open: Haben Sie welche dazubekommen?

Marc Fleury: Ein paar, aber nicht genug, also hat sich für die Entwickler nicht viel verändert. Auf der Verkaufsseite hat sich jedoch eine Menge getan, wie ich schon sagte.

heise open: Finanzchef Charlie Peters von Red Hat sagte letzte Woche auf einer Konferenz was von einem neuen Entwicklungsmodell für JBoss: Etwas Vergleichbares zu dem RHEL/Fedora-Modell, bei dem es eine Community-Version mit den letzten Features gibt und für Unternehmen eine Abonnementsversion mit Support.

Marc Fleury: Das war keine offizielle Verlautbarung. Unser CFO hat hier über Dinge gesprochen, von denen er nicht wirklich Ahnung hat. Genauso unpassend wäre es, wenn ich irgendwelche Aussagen zu unserem Finanzstatus machen würde. Wir machen weiter mit dem Entwicklungsmodell, so wie es ist. Was er meinte, war die Entwicklung des Stacks. Wir werden weiterhin die Open-Source-Projekte unterstützen, aber daneben werden wir einen Software-Stack entwickeln, den wir komplett unterstützen werden. Das braucht Zeit und Geld, wir haben noch keine genaue Zeitleiste. Er war also ein bisschen früh mit seiner Aussage.

heise open: Es geht dabei um den Red Hat Application Stack, oder?

Marc Fleury: Ja, um die Weiterentwicklung dieses Stacks, um eine Kombination bestehender JBoss-Produkte. Wenn man sich JEMS, die JBoss Enterprise Middleware Suite, anschaut: JEMS ist ein Marketingbegriff. Es gibt keinen Knopf "JEMS herunterladen". Man lädt die einzelnen Komponenten herunter. Wir wollen ein Produkt aus einem Guss machen, das auch zertifiziert ist. Darin müssen wir investieren. Die Betonung liegt allerdings auf "müssen"; gemacht haben wir es noch nicht.

heise open: JBoss ist bekannt wegen des Application Server und der JEMS-Suite. Im Sommer haben Sie Version 1.0 des Java-EE-5-Framework Seam freigegeben, mit dem Entwickler neuartige Web-2.0-Anwendungen erstellen können sollen. Wie ist Seam angekommen und was sind Ihre weiteren Pläne?

Marc Fleury: Die Java-EE-Spezifikation wurde generalüberholt. Das Zauberwort heißt hier Vereinfachung. Viele einzelne Sachen sind einfacher geworden, das Persistenz-API, die EJB3-APIs. Auf der Basis von Java EE kommen neue Frameworks wie Seam. Aus der Perspektive des Webentwicklers fügt Seam den Gedanken des "Scope of Work" hinzu. Man kann also lange Web-Konversationen haben, sogar mit Ajax, und dann alle Datensätze an die Datenbank schicken, was eine großartige Möglichkeit ist, zu skalieren. Natürlich kann auch jede kleine Ajax-Komponente direkt mit der Datenbank sprechen, aber wenn es um Skalierbarkeit geht, macht das überhaupt keinen Sinn – und das wissen wir seit Jahren.

Mit Seam kombinieren wir die Benutzerfreundlichkeit der Web-2.0-Entwicklungsmodelle mit der Robustheit des Komponenten-Modells von Java. Als PHP-Entwickler, Perl-Hacker oder Ruby-on-Rails-Fan hat man kein klar definiertes Komponenten-Modell unter den Füßen. Bei den Java-Entwicklern ist das Umgekehrte der Fall: äußerst gediegen, wenn es um Datenabstraktion geht, weniger solide beim schnellen Entwickeln von einfachen Web-Interfaces.

Wir halten Seam für ein sehr spannendes Thema. Auch bei der JBoss-Community kommt die Software sehr gut an. Das gerade erschienene Seam 1.1 arbeitet jetzt auch mit WebSphere und BEA zusammen. Diese Unterstützung für andere Applikationsserver dürfte es noch attraktiver machen.

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