JBossWorld 2006 - Kunden und Partner warten ab

Wissen | Reportage

Welche Folgen hat die Übernahme von JBoss durch Red Hat? Diese Frage stand auf der diesjährigen JBoss World in Las Vegas bei Kunden und Partnern des Open-Source-Middleware-Anbieters im Mittelpunkt.

"Das Geld ist überwiesen. Jetzt heißt es offiziell: JBoss ist eine Abteilung von Red Hat." Mit diesen Worten und mit rotem Hut auf dem Kopf eröffnete JBoss-Gründer und Chef Marc Fleury, jetzt Senior Vice President und Geschäftsführer der Red-Hat-Abteilung JBoss, die diesjährige Entwickler- und Anwenderkonferenz "JBossworld" in Las Vegas. Tatsächlich blieb die Übernahme des Open-Source-Anbieters von Middleware durch den Linux-Distributor Red Hat das bestimmende Thema für die rund 900 Veranstaltungsbesucher. Spekulationen darüber, ob und wie sich durch die Akquisition das Unternehmen, der Käufer und schließlich das gesamte Open-Source-Umfeld verändern, gaben sich Kunden, Partner und Marktbeobachter gleichermaßen hin. Dabei zeigt sich, dass der Druck von Kunden und Partnern groß ist, die Ansprüche aber in unterschiedliche Richtungen weisen.

"Jetzt sprechen wir einmal über Integration", sagt Fleury; die Kunden und ein Teil der Partner zucken zusammen. Immerhin setzt nur ein geringer Prozentsatz der Kundschaft JBoss-Produkte in Zusammenhang mit der Red-Hat-Distribution ein. Nur etwa 37 Prozent nutzen überhaupt Linux, 40 Prozent hingegen setzen auf Microsoft-Betriebssysteme.

Das JBoss-Red-Hat-Credo "ein Produkt, ein Service, ein Preis" weckt zumindest bei den JBoss-Anwendern Skepsis. So berichtet ein Kunde: "Wir haben Red Hat wieder abgeschafft, als wir gemerkt haben, dass uns das Linux teurer kommt als Windows-Lizenzen mit allem Drum und Dran. Jetzt haben wir wieder Windows im Haus. Die JBoss-Preise brauchen sich nicht an Red Hat zu orientieren. Dann sind wir auch hier weg."

Francis Pouatcha, Software-Enwicklungs-Leiter J2EE bei der Norisbank in Nürnberg, ebenfalls Jboss-Kunde befürchtet, die Integration von JBoss- und Red-Hat-Produkten könne zu Lasten der Innovation gehen: "Ich hoffe, die Innovationsrate wird bleiben. Das werden wir über die kommenden sechs Monate scharf beobachten."

Dabei wurden Fleury und sein Team nicht müde, den Verkauf von JBoss an Red Hat als die "perfekte Heirat" anzupreisen, als "sehr natürliche Vereinigung von zwei Unternehmen, die jeweils als Nummer Eins in ihrem Open-Source-Marktsegment dastehen". Auch aus dem Mund von Tim Yeaton, als Senior Vice President bei Red Hat zuständig für das Marketing, klingt das kaum anders. Die Produktlinien ergänzten sich hervorragend und das wiederum entspreche der Unternehmensstrategie, eine komplette Plattform für Service-orientierte Architekturen (SOAs) anbieten zu wollen: "Wir bauen den Kern einer SOA-Infrastruktur."

Die Terminologie suggeriert womöglich eine engere Integration als sie machbar oder gewünscht ist. Auch Yeaton weiß: "JBoss offeriert Middleware und die muss Multi-Plattform-fähig sein." Organisatorisch jedenfalls bleibt JBoss eine eigenständige Division, allerdings mit Unterstützung durch den Red-Hat-Vertriebs- und Support-Arm. Marc Fleury hofft: "Wir können nun in die viel größeren Fußstapfen treten, die Red Hat bereits überall in der Welt hinterlassen hat, auch in Asien und Süd-Amerika beispielsweise." Diese Regionen waren für das 150-Mitarbeiter-Unternehmen bisher unerreichbar. Red Hat zählt hingegen etwa 2000 Mitarbeiter und ist weltweit mit eigenen Niederlassungen vertreten.

Für beide Firmen bedeutet es ein Spagat, auf der einen Seite die Unabhängigkeit zu betonen, um die bisherigen Kunden und Partner nicht zu verprellen, und auf der anderen Seite die Integration voranzutreiben. "Coopetion", also Kooperation und Wettbewerb, nennt Yeaton diese Turnübung. Raven Zachary, Analyst des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens The 451 Group, tituliert sie als "größte Herausforderung", die vor allem für JBoss darin besteht, die bestehenden Partnerschaften aufrecht zu erhalten.

Wie der für die Firmenpartnerschaften zuständige JBoss-Manager Tom Cooper ausführt, erwarteten die Partner beider Unternehmen nun einfach eine enge Integration der Produkte. "Unsere Produkte sollen quasi zertifiziert sein für Red Hat. Die Partner erwarten zudem Support aus einer Hand, sowie nur einen Preis. Sie erwarten Produkt-Bundles."

So diente die Veranstaltung in Las Vegas auch dazu, einen ersten gemeinsamen Software-Stack anzukündigen. Das Paket wird aus dem Red Hat Enterprise Server, dem JBoss Applikations-Server und dem Persistenz-Framework Hibernate bestehen. Der Preis des über das Red-Hat-Network beziehbaren Komponentenstacks soll sich nach der Anzahl von CPUs richten.

Novell, noch im vergangenen Jahr als Sponsor auf der JBossworld vertreten, zog die Konsequenz aus der Übernahme. Mitarbeiter des Unternehmens, mit der eigenen Distribution Suse Linux der größte Konkurrent von Red Hat im Linux-Geschäftsumfeld, waren lediglich inoffiziell anwesend. Auch IBM verhält sich abwartend und schickte Beobachter, die die Veranstaltung und Stimmung sondieren sollten. Doch Zacharys Überlegungen betreffen auch die durch die Akquisition unbeabsichtigten Seiteneffekte: "Vielleicht rückt nun Geronimo stärker ins Blickfeld?" Der von Sun für J2EE1.4 zertifizierte Server erschien im Juni 2006 in Version 1.1. Geronimo bedient sich der Web-Service-Bibliothek Apache Axis und des Spring-Frameworks. Außerdem unterstützt der Server Java Business Integration (JBI) und bietet eine webbasierte Management-Konsole über Java-Portlets an. Er ist in das Eclipse-Web-Tools-Projekt, in Apache Derby und den Apache Directory Server integriert. Insgesamt ist Geronimo stark modular aufgebaut und soll einfachere Integrations- und Konfigurationsmöglichkeiten bieten als der JBoss-Applikations-Server. Daran mitgearbeitet haben vor allem Mitglieder des Unternehmens Core Developers Network, die ursprünglich zum JBoss-Team gehörten. Nach Bekanntgabe des Apache-Projekts entzog JBoss damals, Sommer 2003, im Gegenzug allen Geronimo-Beteiligten die Commit-Rechte an JBoss-Quellen. Auch Covalent, ein früherer JBoss-Partner hat sich bereits für Geronimo entschieden. "Novell könnte ebenfalls Geronimo übernehmen", so Zachary. "Oder Spring und Interface21 kaufen, die Firma von Rod Johnson, der die Grundlagen zum Spring-Framework geliefert hat. ", meint Steve Anglin, Autor von Java-Büchern. In jedem Fall aber gehen unabhängige Beobachter davon aus, dass die Akquisition eine deutliche Marktverschiebung und die Bildung von Lagern zur Folge haben könnte. Auf der einen Seite stünden dann eventuell Novell und das Spring-Framework, auf der anderen Red Hat mit JBoss, IBM und Oracle. "Oder Oracle kauft gleich Red Hat", spekuliert Anglin.

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