KI: Bot-Diener statt Diener-Bots

KI: Bot-Diener statt Diener-Bots

@ctmagazin | Editorial

Wenn mein kreativer Output durch schlaue KI bald nicht mehr gefragt sein wird, werde ich meine Tage ausschließlich damit verbringen, Algorithmen mit Daten zu füttern. Doch wer bezahlt mich dafür?

Zukunftsforscher gehen davon aus, dass schlaue Algorithmen und KI dank Machine Learning all die einfachen, langweiligen und stupiden Jobs überflüssig machen werden. Schraubensortierer, LKW-Fahrer und Hotline-Telefonisten werden dann nicht mehr gebraucht.

Für mich hat sich diese Prognose bisher noch nicht bestätigt. Im Gegenteil: Seit Google, Amazon & Co. in mein Leben getreten sind, haben sie mir ziemlich viel öde Arbeit aufgebrummt. Es fing damit an, dass ich im Netz schlecht eingescannte Texte für den Captcha-Check entziffern sollte. Nun mache ich Ampeln, Autos und "Store Fronts" auf pixeligen Fotos aus, um mich auf mancher Website einzuloggen, und trainiere damit gleichzeitig die Google-KI. Das blinkende Fitness-Armband lasse ich für smarte Health-Analysen auch nachts an, damit es Schlaf und Puls überwacht - die Kalorien muss ich leider händisch hinzufügen. Als ich noch einen Amazon Echo besaß, sollte ich in aller Regelmäßigkeit zur "Service-Verbesserung" überprüfen, ob Alexa mich richtig verstanden hat.

Weil ich Letzteres offensichtlich zu häufig ignoriert habe, haben nun schlecht bezahlte Amazon-Mitarbeiter in Rumänien solche Gesprächsfetzen ausgewertet. Auf den Philippinen kontrollieren Facebook-Angestellte, ob Zuckerbergs KI-Programme auch ja alle Brustwarzenschnappschüsse und Prügelvideos richtig erkannt haben. Und ich bin mir sicher: Auch die automatischen Schlagwörter für Google Fotos überprüft jemand zumindest stichprobenweise (wenigstens einer, der sich meine Urlaubsfotos anguckt). Stupide Arbeit wird mehr.

Was ich mir dagegen gut vorstellen kann: Dass irgendwann Watson zuverlässigere Diagnosen als mein Hausarzt stellt, dass Siri emotionalere Foo-Fighters-Songs als Dave Grohl komponiert und - ja, ich traue es mich gar nicht zu sagen - dass der Heise-Botti spannendere Überschriften zu Technik-News schreibt als ich.

Wenn meine kreative Arbeit dann nicht mehr gefragt ist, sieht mein Arbeitstag wahrscheinlich so aus: Morgens eine Stunde aufs Ergometer für die Dr.-Watson-KI, mittags Drohnen-Bildanalysen überprüfen für den Weltfrieden, abends noch ein bisschen im Stau stehen für die Verkehrsprognose. Und wenn ich dann noch Energie habe, generiere ich zum Schluss ordentlich Trainingsmaterial für den Socken-Sortier-Algorithmus meines Smart-Home-Anbieters.

Die entscheidende Frage ist dann nur: Wer bezahlt mich dafür? (acb)

Achim Barcok

Dieser Artikel stammt aus c't 21/2019.

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