Kein Anschluss unter ...

Europas Vorwahl im Dornröschenschlaf

Wissen | Hintergrund

Für Europa gibt es einen eigenen Bereich von Telefonnummern, den auch Privatpersonen nutzen können. Vorteil: Einfache internationale Portierbarkeit und Transparenz bei Weiterleitung von Anrufen innerhalb Europas. Nachteil: Trotz im Jahr 2000 erfolgter offizieller Einführung sind die Nummern praktisch noch nicht zu erreichen.

Wer aus dem Ausland nach Deutschland telefonieren will, nutzt normalerweise die international bekannte Landesvorwahl. Deutschland hat aber neben dieser Vorwahlnummer +49 noch eine zweite internationale Telefonvorwahl. Gemeinsam mit 23 weiteren europäischen Ländern ist Deutschland Teil des European Telephony Numbering Space (ETNS) [1] mit der Kennzahl +388-3. Er stellt nicht einfach eine eigene Vorwahl für die gewohnten Telefonnummern dar, sondern einen eigenen Bereich für europaweit gültige Telefonnummern.

Der Vorteil dieses für Europa vorgesehenen Nummernraumes ist die internationale Portabilität der Nummern und die Tariftransparenz: Was heute einen Festnetzanschluss in Österreich bezeichnet, kann morgen zu einem bulgarischen Handy geroutet werden. Anrufe aus der EU kosten dabei nie mehr als ein nationales Ferngespräch. Die übrigen Kosten trägt der Anschlussinhaber. Insbesondere für Unternehmen, die international Werbung betreiben, wären die „europäischen Nummern“ eine Alternative zu den kompliziert einzurichtenden +800-Nummern, wenn sie denn nutzbar wären.

Eine Umfrage von c't unter rund 50 Fest- und Mobilnetzbetreibern in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein ergab kein sehr rosiges Bild. Eigentlich ging ETNS bereits 1999 in den Feldtest und erblickte 2000 als offizielle Vorwahl das Licht der Welt. Auch eine EU-Richtlinie (Universaldiensterichtlinie) schreibt die Erreichbarkeit der Nummern vor. Trotzdem haben manche Netzbetreiber offenbar noch nichts vom ETNS gehört. Kein einziger befragter Netzbetreiber im deutschsprachigen Raum gab an, +3883-Nummern anzubieten. Und keiner konnte die Erreichbarkeit aus seinem Netz garantieren, wenn Anschlüsse mit der Vorwahl in anderen Netzen erreicht werden sollen, oder gar einen genauen Tarif nennen.

Dabei scheint ein Henne-und-Ei-Problem vorzuliegen. So gab die T-Com an, zur Dienstleistung bereit zu sein, allerdings sei noch niemand wegen entsprechender Zusammenschaltungsverträge an sie herangetreten. Von Hansenet hingegen war zu erfahren, dass die T-Com die Gespräche nicht annehmen würde, weshalb das Routing nicht funktioniere. Manche Netzbetreiber leiten Anrufversuche auch zu unspezifischen Tonbandansagen weiter, die bisweilen sogar irreführend sein können: „Rufnummer ist zu kurz“ hören etwa Kunden des UMTS-Betreibers 3 in Österreich. Die meisten Befragten hatten gar nichts zum Thema beizutragen: nur ein einziges Unternehmen war so offen, zuzugeben, sich „damit noch nicht beschäftigt“ zu haben.

Der europäische Nummernraum ist eine Untergruppe des von der ITU eingerichteten Bereichs für Ländergruppen. ETNS-Nummern sind weiter nach Diensten unterteilt, etwa 5 für Firmennetze oder 7 für Privatpersonen.

Immerhin: Der österreichische Anbieter Mitacs [2], spezialisiert auf Auslandstelefonate, gab an, auf ausdrücklichen Wunsch von Endkunden das entsprechende Routing zu aktivieren: „ETNS hätte einen Verkaufspreis von circa 5 bis 6 Euro/Minute. Aus diesem Grund ist diese Destination standardmäßig gesperrt.“ Trotzdem seit Jahren hunderttausende Gespräche täglich abgewickelt würden, habe noch nie ein Kunde einen ETNS-Anschluss zu erreichen versucht. Daher sei mangels Testmöglichkeit nicht verifizierbar, ob das Routing auch wirklich klappen würde. Spezielle Testsserien würden mangels Marktinteresse nicht durchgeführt.

Der hohe (theoretische) Tarif liege an den Fantasiepreisen der Großhändler. Sofern tatsächliche Nutzung einsetzte, würde sich der Tarif schnell nach unten bewegen, ist sich Mitacs sicher. Tele2 Österreich berichtete von laufenden Routing-Tests. Tele2 Luxemburg, die britische Opera Telecom und die französische Acropolis Telecom [3] sind die einzigen registrierten Serving Networks. Nur auf der Website des französischen Anbieters ist auch tatsächlich etwas zu dem Thema zu finden. Die Zuteilung einer Nummer kostet bei Acropolis netto einmalig 140 Euro plus 24 Euro pro Jahr. Offensichtlich muss noch einiges von Regulierern und Aufsichtsbehörden getan werden, um den europäischen Telefonnummernraum in der Realität zu aktivieren. (jk)

Der Rufnummernbereich +388 wurde von der International Telecom Union (ITU) für Ländergruppen eingerichtet, wobei die nachfolgende 3 Europa bezeichnet. An fünfter Stelle der „Europäischen Nummern“ steht entweder die 1 für öffentliche Einrichtungen, die 3 für Kundendienste, die 5 für Unternehmensnetzwerke, oder die 7 für Privatnummern. Bis zu neun weitere Stellen komplettieren eine ETNS-Nummer.

Die an der gemeinsamen Kennzahl +3883 beteiligten Länder sind neben den 15 EU-Mitgliedsstaaten vor der Osterweiterung auch Bulgarien, Kroatien, Norwegen, Polen, die Schweiz, die Slowakei, Slowenien, Tschechien und Zypern. Nach Angaben des European Radiocommunications Office (ERO) [4], das die Verwaltung des Nummernraums an Neustar delegiert hat, waren bis Weihnachten 482 ETNS-Nummern Endnutzern zugeteilt worden.

Das ERO hat eine Studie in Auftrag gegeben, die eruieren soll, warum der gemeinsame Nummernraum nicht genutzt wird, und wie man ihn beleben könnte. Auch die österreichische Regulierungsbehörde ersucht Netzbetreiber und potenzielle Nutzer um Bekanntgabe ihres Interesses [5]. Die Ergebnisse der ERO-Untersuchung sollen im Mai vorliegen.

[1] ETNS

[2] Mitacs

[3] Acropolis Telecom

[4] European Radiocommunications Office

[6] RTR-Aufforderung

Anzeige
Anzeige