Kommentar: IPv6 und der Datenschutz

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Der Datenschutz ist ein Kind der modernen Kommunikation. Trotz der Gnade der späten Geburt versäumte der Datenschutz die Anpassung an die Revolution des Internets nahezu völlig. Viele Konzepte und Denkschemata des Datenschutzes stammen auf der Prä-Internet-Zeit. Deswegen lohnt es sich, diese Kommunikationstechniken zur rekapitulieren.

Lutz Donnerhacke arbeitet in verschiedenen Internet-Gremien mit.

Sobald ein Mensch in seinem techno-sozialen Umfeld überraschend und ungewollt seine persönlichen Daten an andere weitergibt, ist der Datenschutz verletzt. Kernforderungen erfolgreichen Datenschutzes sind daher ein Bildungsauftrag, denn nur der mündige Mensch kann eigenverantwortlich über den Umgang mit seinen Daten entscheiden, und ein Regulierungsauftrag, die mit persönlichen Daten hantierenden Stellen präventiv zur Datensparsamkeit anzuhalten.

Der Datenschutz ist ein Kind der modernen Kommunikation. Trotz der Gnade der späten Geburt versäumten die Datenschützer die Anpassung an die Revolution des Internets nahezu völlig. Viele Konzepte und Denkschemata des Datenschutzes stammen aus der Prä-Internet-Zeit. Deswegen lohnt es sich, diese Kommunikationstechniken zu rekapitulieren.

Telefonie ist eine leitungsgebundene Kommunikation: Mit der Anwahl einer Zielrufnummer wird ein Leitungsweg vom Wählenden bis zum Angerufenen gesucht und - zumindest für die Dauer des Gesprächs - reserviert. Nur wenn der Leitungsweg komplett verfügbar ist, klingelt das Telefon. Da ist die Arbeit aber schon getan: Es besteht eine exklusive "Röhre" zwischen den Endgeräten. Damit gibt es keine technische Notwendigkeit, dass der Angerufene die Rufnummer oder gar die Identität des Anrufers kennen muss.

Bei der Briefpost liegt eine paketweise Kommunikation vor, ein Datenhappen reist – allein von der Zieladresse getrieben – durch die Poststationen, bis er den Empfänger erreicht. Die Kommunikation hat sich mit der Übertragung des Briefes zumeist erschöpft. Aus technischer Sicht besteht auch hier keine Notwendigkeit, dass der Empfänger die Postanschrift oder gar die Identität des Absenders kennt. Wird eine Rückantwort erwartet, muss der Absender seinerseits eine Zieladresse angeben, diesmal aber innerhalb der auf dem Transportweg nicht einsehbaren Kommunikation - also im Brief selbst.

Aus der Erfahrung mit diesen beiden Kommunikationsformen hat der Datenschutz sinnvolle und richtige Forderungen abgeleitet: Es muss dem Anrufer nach dem Vorbild des Briefeschreibers ebenso möglich sein, die Übermittlung seiner Telefonnummer an den Angerufenen zu untersagen – dies muss sogar die Vorgabe sein. Mit der Einführung von ISDN wurde um die Rufnummerunterdrückung heftig gestritten. Ein weiterer, ebenso wichtiger Kampfplatz war damals die Identifizierung von Telefonnummern – also die Rückwärtssuche im Telefonbuch.

In diese Gemengelage schob sich still und heimlich das Internet. Ganz im Gegensatz zum wohlverstanden BTX-System mit wenigen zentralen "Seitenservern" weniger Anbieter, einer Vielzahl nicht identifizierbarer Konsumenten und einem funktionierenden anonymen Inkasso, stellte das Internet eine Anarchie dar, die glücklicherweise zunächst im universitären Biotop wucherte.

Die grundlegende Architektur des Internets entspricht der Briefpost: Kleine Datenpakete werden allein anhand der Zieladresse schrittweise zugestellt. Unglücklicherweise ist mit der einmaligen Zustellung eines Datenpaketes eine Internetkommunikation nicht beendet. Deswegen muss jedes Datenpaket immer auch die Absenderadresse enthalten.

Die hart erkämpfte datenschutzrechtliche Forderung nach anonymer oder zumindest pseudonymer Kommunikation – wie sie ins IuKDG eingegangen ist – ist im Internet also technische Illusion.

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