Künstliche Aufregung

@ctmagazin | Editorial

Künstliche Aufregung

Techies sind oberflächlich? Computer-Spezialisten haben ein eingeschränktes Sozialverhalten? Ich gebe zu, ich gehöre zu den Leuten, die ihre Vorurteile pflegen. Zu diesem Zweck besuche ich gerne Internet-Foren, in denen über die technologische Überlegenheit von Betriebssystemen gestritten wird. Sprachwitz und das Feuer der Leidenschaft wehen dort aus Botschaften wie der, das "freie(!) Betriebssystem" sei "absolutely easy to install, much more stable than Window$ and smooth to handle even if you are a brainwashed microslave". Seit kurzem frage ich mich allerdings, ob ich nicht auf einen grandiosen Schwindel reingefallen bin.

In einschlägig informierten Kreisen kursieren nämlich Gerüchte über einen "war scriber" - eine Software-Argumentationsmaschine vom Feinsten, die Linux-Jünger im "heiligen Krieg" gegen das "evil Empire" aus Redmond in Stellung gebracht haben sollen. Das Tool jihad 0.11.9 analysiert angeblich die Argumentation von Microsoft-Fans in Newsgruppen und Foren und entwirft - ähnlich wie ein Schachprogramm - flexible Gegenstrategien. Teile der Dokumentation sind im Internet im Umlauf und die wenigen technischen Details lesen sich viel versprechend: Das Tool ist demnach kommandozeilenorientiert und englischsprachig, aber ein Plug-in soll auch automatisch übersetzten Output für die heise-Foren ("Famous german news site. Great place for jihad but translation currently based on babelfish (only)") generieren. Die Option -t versetzt das Programm in den "troll mode", in dem es einfache, kurze und knackige Postings wie "When I hear the Linux community claiming ’world domination’, I can’t help but laugh" verfasst - die zusätzliche Option -e verwendet "explicit language", und den Grad der Unanständigkeit kann man durch Angabe einer Zahl (von 0,001 bis maximal 666 in Tausendstel-Schritten) steigern. Wenn man den Gerüchten glauben kann, ist ein Teil der Diskussionen also maschinell erzeugt.

Leider soll die Installation wenig trivial sein. Kompilieren ist nicht möglich, da unter der ohnehin nur unter der Hand weitergegebenen Projekt-Adresse ausschließlich Binaries zum Download bereitstehen. Unter Alice 8.2 verlangt das Archiv die Installation der libkgtx27.sos.3.1; die gelingt jedoch erst, wenn ich zuvor ein neues Kontrollzentrum für Gnome eingespielt habe ("Some people have experienced problems with their desktop after installing this package"). Unter Hutmacher 9.2 soll die Installation auch nicht unkomplizierter sein, in einschlägigen Diskussionsgruppen beschweren sich Nutzer, die Software haben ihnen den Bootloader zerschossen. Bisweilen sollen auch erfahrenen Usern nur die ausgefeilten man-pages geholfen haben, aber man bemüht sich gerne - schließlich soll ja keiner behaupten, Nerds hätten keinen Humor.

Dr. Wolfgang Stieler

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