Lahmender Herkules

Die Modernisierung der Bundeswehr-IT stockt, die Kritik wird lauter

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Die gesamte Informations- und Kommunikationsinfrastruktur der Bundeswehr soll im Rahmen des Projekts "Herkules" modernisiert werden. Nun steht das milliardenschwere Großprojekt wegen Verzögerungen, Kostensteigerungen und unzufriedener Nutzer unter Beschuss.

Mit „Herkules“ geht ein Sprung über mehrere PC- und Software-Generationen einher. Doch mit den neuen Arbeitsplätzen zeigen sich viele Nutzer noch immer nicht zufrieden. (Bild: BWI-IT)

Das milliardenschwere IT-Großprojekt „Herkules“ der Bundeswehr steht unter Beschuss: Die Projektbetreiber melden bei zeitlichen Verzögerungen in wichtigen Teilprojekten einen Mehrbedarf von 640 Millionen Euro an. Ein vertraulicher Zwischenstandsbericht hat unzufriedene Nutzer ermittelt.

Ende 2006 kalkulierte man für das Projekt, mit dem die gesamte Informations- und Telekommunikationsstruktur der Bundeswehr auf den neuesten Stand gebracht werden soll, ein Volumen von 7,1 Milliarden Euro. Es handelt sich dabei laut „Behördenspiegel“ um das europaweit größte Projekt, bei dem die öffentliche Hand und die Industrie zusammenarbeiten. Das Gemeinschaftsunternehmen BWI-IT hat 2007 die Verantwortung für die gesamte Informations- und Kommunikationsinfrastruktur der Bundeswehr übernommen, um sie im Rahmen des Projekts „Herkules“ zu modernisieren. An der Kooperationsgesellschaft sind der Elektrokonzern Siemens mit 50,05 Prozent, der IT-Konzern IBM mit 0,05 Prozent sowie die Bundeswehr zu 49,9 Prozent beteiligt.

Der Zwischenstandsbericht beschäftigt sich mit der „Evaluierung der Zielerreichung und der Wirtschaftlichkeit des Kooperationsprojektes Herkules“. Der Bericht, der c’t vorliegt, soll im Herbst dem Haushalts- und dem Verteidigungsausschuss des Bundestags vorgestellt werden. Dieser soll über die 640 Millionen Euro entscheiden, den die Projektverantwortlichen jetzt angemeldet haben. Laut Jochen Reinhard, dem Sprecher von BWI-IT, werden im Moment die 640 Millionen Euro Mehrleistungen mit dem IT-Amt des Ministeriums verhandelt.

Für Minister Karl-Theodor zu Guttenberg sind solche Kostensprünge im Moment „inakzeptabel“. Er dringt auf eine Kostendeckelung. Die Optionen bestehen darin, dass die Bundeswehr komplett auf die Mehrleistungen verzichtet oder dass die geplanten Leistungen neu strukturiert werden müssen. Unter anderem könnten Umschichtungen im Zuge der Bundeswehrreform sinnvoll sein, die eine Reduzierung der Zahl der Berufssoldaten um bis zu 40 000 anstrebt.

Der Mehrbedarf bezieht sich laut BWI-IT auf die Kosten, die sich beim Ausbau der LANs sowie vom Vertrag nicht abgedeckten Zusatzleistungen ergeben. So müssten mehr Arbeitsplätze ausgestattet und betrieben werden als vertraglich vorgesehen, auch würden zusätzliche und höhere Sicherheitsanforderungen verlangt. Es habe bei der Bestandsaufnahme im Feld einige Überraschungen gegeben: Unter anderem ging die Bundeswehr bei den Vertragsverhandlungen davon aus, über 265 Server zu verfügen, tatsächlich gab es 352 Server im Feld. Laut Vertrag hatte die Bundeswehr 200 Lotus-Notes-Applikationen installiert, vorgefunden wurden aber 2000, die nun auf den neuesten Stand gebracht werden müssen.

Für den Evaluierungsbericht hatte das Ministerium im Herbst 2009 128 000 Anwender und deren Vorgesetzte angeschrieben. Über 30 000 Nutzer nahmen an der Umfrage teil, darunter 7000, die bereits mit modernisierten Systemen arbeiten. Der Bericht wird halbjährlich für den Bundestag vom Bundesverteidigungsministerium erstellt und ist erst der zweite seiner Art.

Die erstmals für die Berichtsreihe durchgeführte Umfrage ergab, dass sich 70 Prozent der Nutzer des teilmodernisierten Systems imstande fühlen, ihre Aufgaben zu erfüllen. Zuvor waren es 60 Prozent gewesen. Während 43 Prozent der Nutzer die Situation nach dem Rollout als besser einschätzten, gab ein Viertel an, dass sie sich verschlechtert habe. Jede vierte Dienststelle beklagte „häufige“ oder „sehr häufige“ Störungen und Ausfälle des gesamten IT-Netzes. Jede dritte Dienststelle zeigte sich mit der Verbindungsgeschwindigkeit des Netzes unzufrieden. Modernisierte Dienststellen beurteilten dies jedoch immerhin als „deutlich besser“ als den vorherigen Zustand.

Laut BWI-IT-Sprecher Jochen Reinhardt liegt der Gesellschaft der Bericht offiziell noch immer nicht vor. Er räumt jedoch ein, dass „Herkules“ in zwei Teilprojekten hinter Plan liegt. Dabei handelt es sich zum einen um den Ausbau des Bundeswehrnetzes: Hier sollen 580 Liegenschaften mit modernen IT-Netzen verkabelt werden. Zum anderen geht es um die Ausstattung der Streitkräfte mit 300 000 neuen Telefonen und 140 000 neuen Computern, die ausgestattet mit standardisierter Software per Fernwartung an das interne Netz angeschlossen werden sollten.

Inzwischen wurden 130 000 Anschlüsse umgestellt und 120 000 Telefone ausgetauscht. Erstmals verfügen 100 000 Nutzer der Analoganschlüsse über Grundfunktionen wie eine Rufnummernanzeige, ein Telefonbuch und eine Anruferliste. Vertragsgemäß soll die Erneuerung in Sachen Telefonie 2012 abgeschlossen sein. Eine zeitliche Verzögerung um etwa ein Jahr gibt es jedoch bei der PC-Ausstattung, weil nur dort neue PCs aufgestellt werden, wo das Netz bereits ausgebaut ist. Bislang wurden erst 50 000 PCs erneuert.

Als Grund für den zeitlichen Rückstand bei der Netzmodernisierung gibt Jochen Reinhardt an, dass die Bundeswehr während der Vertragsverhandlungen nicht in der Lage gewesen sei, den Status quo der Liegenschaftsverkabelung zu benennen. Man habe daher zunächst jede einzelne Liegenschaft untersuchen müssen, um festzustellen, ob die vorhandene Infrastruktur ausreiche, ob eine Verkabelung oder ein Netzanschluss per Richtfunk sinnvoll sei. Die Alternative hätte darin bestanden, alle Kasernen mit einem hochwertigen Standard namens AU 170 auszustatten, der aber für die Erfüllung der Leistungskategorie nicht unbedingt notwendig gewesen sei. Die differenzierte Herangehensweise habe zwar mehr Zeit in Anspruch genommen, aber man habe auf diese Weise 500 Millionen Euro einsparen können.

Papierbeschwerer in Bunkerqualität: BWI-IT-Projektleiter Konrad Vietzke hat einen Bohrkern aus der Stahlbetonwand der Julius-Leber-Kaserne als Andenken aufbewahrt. (Bild: BWI-IT)

„Ein nennenswerter Anteil am Zeitverzug besteht darin, dass die BWI-IT erst einmal die passive Infrastruktur auf einen angemessenen Stand bringen musste“, erklärt BWI-IT-Projektleiter Konrad Vietzke. Harte Arbeit verlangten etwa die dicken Stahlbetonwände vieler Gebäude auf dem Gelände der Julius-Leber-Kaserne in Berlin, die in den 30er Jahren „in Bunkerqualität“ errichtet worden waren und heute als historisch relevante Bausubstanz unter Denkmalschutz stehen. Als Andenken an die Verkabelungsarbeiten bewahrt Vietzke nun einen Bohrkern aus einer der Stahlbetonwände auf. Weil diese sich in der Regel vom Keller bis in den Giebelbereich erstrecken, mussten viele dieser sehr harten Wände durchbrochen werden. Kasernengebäude vergleichbarer Bauart, betont Vietzke, gibt es vielerorts; sie würden heute noch genutzt. Ein anderes Problem habe darin bestanden, dass einige Liegenschaften völlig neu erschlossen werden mussten, weil bestimmte Bandbreiten mit den herkömmlichen Kupferkabeln nicht möglich waren. An der Havel etwa musste eine kleine Liegenschaft über acht Kilometer an die Hauptliegenschaft angeschlossen werden. Zuvor hatte die Verbindung lediglich aus einem 56-kBit-Modem bestanden.

Auffallend ist, dass die Kritik aus den Dienststellen wesentlich harscher ausfällt als die der Nutzer. Bei BWI-IT führt man das selbstkritisch auch auf ein fehlendes Change-Management zurück: Die Betroffenen seien offenbar nicht offensiv genug in die Veränderungsprozesse einbezogen worden. Immer wieder sei der Vorwurf zu hören, die Bundeswehr hätte alles auch selbstständig und billiger machen können. Doch das ist fraglich: Die Beteiligung der Industrie am Gemeinschaftsprojekt beschränkt sich nämlich nicht nur auf fachliche Expertise, sondern erstreckt sich auch auf die Finanzierung. Die Bundeswehr selbst „wäre gar nicht in der Lage gewesen, die Investitionsmittel aus den laufenden Haushalten aufzubringen“, schreibt denn auch der „Behördenspiegel“. Zudem gelten die Beschaffungsvorgänge als zu komplex und unflexibel – ein Grund dafür, dass die Beschaffung handelsüblicher IT ausgelagert wurde, um künftig schneller auf Marktveränderungen reagieren zu können.

Laut Reinhardt kann bislang von einer Verzögerung bis Ende 2011, „höchstens“ Frühjahr 2012 ausgegangen werden. Die anderen Herkules-Teilprojekte wie etwa die Modernisierung der Rechenzentren befänden sich im Plan. Zwei der drei neuen Rechenzentren der Bundeswehr sind laut Reinhardt bereits fertig aufgebaut, das dritte wird Ende des Jahres fertig. Ein zentrales Monitor- und Control-Center, das die Server in den Rechenzentren überwacht, ist bereits seit April 2008 in Betrieb. Bei den Rechenzentren wurden laut BWI-IT Energie-Einspareffekte bis zu 90 Prozent erzielt – damit soll jährlich rund eine Million Euro eingespart werden.

Ein anderes Teilprojekt namens „Auskunft und Vermittlung“ soll die herkömmlichen, aber oftmals nicht rund um die Uhr besetzten Telefonzentralen ersetzen. Dafür gibt es nun zehn untereinander verbundene Vermittlungszentralen, die 24 Stunden am Tag erreichbar sind, und die liegenschaftsbezogenen Telefonvermittlungen ablösen. Im Ergebnis sind 80 Prozent der Verbindungen in den ersten 20 Sekunden erreichbar, inzwischen wurden statt der angenommenen 6,5 Millionen Anrufe bereits 13 Millionen Anrufe vermittelt. Mit der Modernisierungsmaßnahme entsorgte man auch ein Stück Technikgeschichte: In der Max-Immelmann-Kaserne, die zum militärischen Luftfahrtzentrum Manching gehört, wurde 2008 eine 120 Quadratmeter große mechanisch-elektrische Telefonvermittlungsanlage gegen eine moderne HiPath-4000-Vermittlungsanlage von Siemens mit zwei Racks ausgetauscht. Dieses Teilprojekt sei, betont Reinhardt, sechs Monate früher als vereinbart abgeschlossen worden.

Ein weiteres Teilprojekt namens User-Helpdesk, das eine zentrale Hotline für Bestellungen und IT-Probleme der Bundeswehr darstellt, ist nahezu abgeschlossen. Zuvor gab es in der Bundeswehr keine zentralen Ansprechpartner, wenn Schwierigkeiten mit der IT auftauchten. Heute werden 80 Prozent der Anrufe innerhalb von 30 Sekunden angenommen. Und das Weitverkehrsnetz über 6000 Kilometer ist bereits redundant aufgebaut, knapp 900 von 1300 Liegenschaften sind angebunden. Bis Ende 2010 sollen alle am Netz sein. Der Betrieb läuft bereits seit 2008 ausfallsicher. Etliche selbst betriebene Sondernetze wurden abgebaut und in das neue WAN integriert.

Politisch bleibt Herkules umstritten. Wie hoch die von Verteidigungsminister zu Guttenberg verkündigte Kostendeckelung letztlich ausfallen wird, ist noch nicht entschieden. Die Vorgabe des Ministers lautet lediglich zu klären, „welche Einheiten das System wirklich brauchen“.

Im Bundestag zeigen sich die Fraktionen darüber uneins: Der FDP-Abgeordnete Jürgen Koppelin will keinesfalls mehr Geld in das Projekt investieren, dennoch aber den Soldaten „das Beste“ geben, was sie für den Einsatz brauchen. Der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold meinte denn auch an Koppelins Adresse: „Wenn Sie Herkules nicht seriös aufs Gleis setzen, dann gehen Sie zu den Soldaten und sagen ihnen, dass sie kein Telefon, keinen Computer und kein Netzwerk mehr haben.“ Die Mehrkosten hätten „in erster Linie etwas damit zu tun, dass es bei der Bundeswehr eine desolate Infrastruktur gab“ und dass „nicht einmal geklärt werden konnte, welche technische Infrastruktur im EDV-Bereich vorhanden“ war.

Jetzt bleibt die Debatte über den Haushalt 2011 im Herbst abzuwarten. Sie wird darüber entscheiden, ob die 640 Millionen Euro ganz, teils oder auch gar nicht bewilligt werden, und damit, was die Bundeswehr in ihre IT noch investieren darf. (jk)

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