Lernen aus dem Netz

Multimedia und Internet -- Anlaß für eine Bildungsreform

Wissen | Hintergrund

Wir müssen uns grundsätzlich bewußt werden, daß Kommunikation ein wichtiger Teil unserer Kultur ist, der für die Übermittlung und Ausformung von Werten, für die Bildung schlechthin, eine grundlegende Bedeutung hat. Mit den neuen Medien wird sich die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren, entscheidend verändern. Dieser Wandel muß Eingang in das Bildungswesen finden.

Unterthema: Personalien

Multimedia und Internet sind technologische Konzepte, die tiefgreifende Veränderungen in unserer Gesellschaft bewirken. In vielen Berufen ist es bereits erforderlich, vernetzte Computer selbstverständlich, kritisch und produktiv zu nutzen. Diese Entwicklung wird rasant fortschreiten. Viele der tradierten Arbeitsformen und Arbeitsprozesse wandeln sich radikal. Insgesamt wird sich die Art und Weise, wie wir unser Leben organisieren, miteinander kommunizieren und arbeiten, grundlegend verändern.

Der allgemeine Zugang zu Informationen hat grundlegende gesellschaftspolitische Bedeutung. Er ist eine wichtige Voraussetzung für eine demokratische Gesellschaft. Wenn zukünftig der Zugang zu Informationen über vernetzte Computer stattfindet, darf es nicht zu einer Teilung der Gesellschaft kommen in eine Gruppe von Menschen, die fähig sind, sich mit Hilfe der Informations- und Kommunikationstechnologien Informationen zu beschaffen und zu verbreiten, und in solche, die über diese Fähigkeit nicht verfügen.

In Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung ist der schnelle und umfassende Zugriff auf Informationen - der Informationsvorsprung - ein Qualitäts- und Wettbewerbsfaktor. Aus dieser Erkenntnis ergibt sich eine große Herausforderung insbesondere an das Bildungswesen. Sowohl im schulischen Bereich als auch in der beruflichen Aus- und Weiterbildung muß die Bevölkerung auf den Umgang mit den Informations- und Kommunikationstechnologien vorbereitet werden, um drohende gesellschaftspolitische und soziale Verwerfungen zu vermeiden oder wenigstens zu reduzieren.

Um Informationen zu erhalten oder zu verbreiten, müssen Menschen in einer Informationsgesellschaft wichtige Kompetenzen aufweisen: Sie müssen fähig sein, Informationen zu strukturieren, zu bewerten und verfügbar zu machen (also mit den vorhandenen Computerwerkzeugen bearbeiten, aufbereiten und präsentieren können) sowie Suchstrategien und die verbindlichen Regeln der Kommunikation zu beherrschen.

Für Forschung und Entwicklung sind derartige Kompetenzen von großer Bedeutung. Viele wissenschaftliche Erkenntnisse entstehen heute auf der Basis von Denkweisen und Arbeitsmethoden der Informatik, unter Nutzung ihrer Werkzeuge. So lassen sich mit der Bioinformatik hochkomplexe Zell- und Molekularstrukturen darstellen und analysieren. In den Wirtschaftswissenschaften werden neue Erkenntnisse durch den Einsatz vernetzter Computer gewonnen, wie die Arbeiten von Prof. Reinhard Selten von der Universität Bonn gezeigt haben, der dafür den Nobelpreis erhielt.

In der Wirtschaft können neue Formen der Arbeit wie Telekooperation, Telediagnose in Medizin und Technik, Telepublizieren, Telelernen und -lehren nur dann enstehen und sich verbreiten, wenn die Menschen über entsprechende Qualifikationen verfügen. Dezentrale, auf Telearbeit basierende Unternehmen haben nicht nur den Vorteil, kostengünstig `vor Ort´ und damit kundenspezifisch und termingerecht arbeiten zu können. Wie zahlreiche Untersuchungen ausweisen, leistet Telearbeit einen ökologischen Beitrag, indem sie insbesondere im Dienstleistungsbereich den Fahrten- und Reiseaufwand der Mitarbeiter auf das nötige Maß reduziert: Nicht die Menschen, die Informationen bewegen sich.



Der Umgang mit den neuen Medien wird somit zur Schlüsselkompetenz in Wirtschaft und Wissenschaft und stellt eine große Herausforderung an das Bildungswesen dar. Der Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnologie muß zu einem allgemeinen Bildungsgut werden. Konsequenterweise ist eine Medienerziehung in die Lehrpläne aufzunehmen. Diese Zielvorstellung beinhaltet nicht, den Unterricht `technisieren´ zu wollen. Im Gegenteil: Multimedial- und netzorientierter Unterricht ist eine weitere Facette und Bereicherung des Schulalltags und darf sich keinesfalls auf das Pflichtfach Informatik beschränken.

Die neuen Medien müssen vielmehr als `natürliche´ Hilfsmittel in allen Fächern akzeptiert und eingesetzt werden. Dies bezieht den gesamten Fächerkanon des Bildungswesens ein, von den naturwissenschaftlich-technischen Fächern bis hin zu den musischen und bildenden Künste, damit neue Formen des Unterrichts sowie didaktische und inhaltliche Kreativität möglich werden.

Daraus folgt, daß ein netzorientierter Unterricht nicht mit Versenden und Empfangen von EMail gleichzusetzen ist; das kann allenfalls der Einstieg sein. Im Mittelpunkt steht vielmehr das aktuelle Verwertungsinteresse von Informationen, der Erwerb von Sachkompetenz zur praxisorientierten Anwendung multimedialer Techniken, insbesondere die Kommunikation über Netze zur Gestaltung telekooperativer Arbeit. Dabei empfiehlt es sich, die Ausbildung der Lehrer und Ausbilder im schulischen und beruflichen Sektor gezielt auf diese Anforderungen auszurichten.

Durch den Einsatz vernetzter Computer lassen sich moderne Konzepte für handlungsorientierten Unterricht entwickeln, die Schülern mehr Raum für Eigenaktivität geben. So kann man die interdisziplinäre Sichtweise und die Experimentierfreudigkeit der Jugend gezielt fördern. In der Erwachsenenbildung gilt es hingegen, die Skepsis gegenüber der Informations- und Kommunikationstechnologie abzubauen.

Konsequenterweise werden sich die Rollen der Lehrenden und Lernenden entscheidend verändern: Die Lehrenden müssen neue Arbeitsformen entwickeln und multimediale Arbeitsmaterialien sowie Netze als Arbeitshilfe nutzen. Bei multimedialen und telekooperativen Unterrichtsprojekten treten sie in den Hintergrund und übernehmen mehr die Rolle des Moderators und Beraters. Die Lernenden müssen die neuen Möglichkeiten des Wissenserwerbs, die Suche nach Informationen und die Gestaltung der eigenen Lerntätigkeiten akzeptieren, wobei die Freude am selbstentdeckenden Lernen als Motor wirkt. Die Erziehung zu Selbständigkeit und Eigenverantwortung beim Erwerb von Wissen rückt in den Vordergrund.



Gleichzeitig müssen Lehrende wie Lernende Verantwortungsbewußtsein entwickeln für Form und Inhalt von Informationen, die sie über das Netz abrufen oder in das Netz eingeben. In diesem Kontext gilt es kritisch zu prüfen, ob mit der Eigenverantwortung der Lernenden die Lehrenden von einem Teil der Wissensvermittlung entlastet werden können, um sich durch den gewonnenen Freiraum stärker pädagogischen Aufgaben zu widmen. Ferner ist zu erforschen, wie bei immer knapper werdenden Finanzmitteln das Ausbildungsniveau mit multimedialem und netzorientiertem Unterrichtsbetrieb gesichert und weiterentwickelt werden kann. So könnte man beispielsweise das außerschulische Lernen fördern.

Ehe die Schulen die ersten Schritte in Richtung eines multimedialen und netzorientierten Unterrichts gehen können, steht die Forbildung der Lehrer an. Dabei sind Konzeption, Programme und Durchführung sehr professionell zu gestalten, damit sich Fehler und daraus resultierende Frustrationen wie seinerzeit bei der Einführung der Mengenlehre nicht wiederholen. Der geforderte Beitrag der Universitäten und Hochschulen besteht in Curriculum-Forschung und der Entwicklung pädagogisch-didaktischer Konzepte. Konkret ist spezielle Software für den Bildungs- und Ausbildungsbereich gefragt.

Eine Akzeptanz läßt sich nur dann erreichen, wenn ein einfacher Zugang zu den neuen Medien besteht. Hochschulen und auch die Industrie müssen den Aufbau eines Bildungsnetzes unterstützen. Es wird ein bundesweit verteiltes Informationssystems benötigt, das Angebote bereitstellt - von multimedialen Unterrichtseinheiten oder Lernsoftware zur Unterrichtsvorbereitung und -durchführung bis hin zu einer Unterrichtsgestaltung `on demand´. Die Kultusministerien sind gefordert, Konzepte zur Lehrerausbildung für den gesamten Fächerkanon des Bildungswesens zu entwickeln und erste Grobentwürfe für entsprechend erweiterte Lehrpläne zur Diskussion zu stellen.

Damit nicht - wie in Deutschland häufig üblich - der eine auf den anderen wartet, sollten alle drei Ebenen, die Schulen, die Universitäten und die Administration des Bildungswesens, parallel ihren spezifischen Aufgaben nachgehen und durch kurze Evaluationszyklen die Version Null eines Gesamtkonzepts zur Medienerziehung kurzfristig erarbeiten. Allen Verantwortlichen im Bildungsbereich sollte der Handlungsbedarf bewußt sein für eine Bildungsinitiative, die diesen Wandel herbeiführt. Selbstverständlich läßt sich eine Bildungsinitiative dieser Größenordnung nicht in kurzer Zeit flächendeckend und umfassend umsetzen; die gesetzten Ziele können nur sukzessiv realisiert werden.

Damit die Schulträger nicht unvorbereitet in diese neue Situation hineinstolpern, gilt es, strategische Grundsätze zu entwickeln, um eine zielorientierte Lehrerfortbildung sowie eine kontrollierte Versorgung aller Schulen mit entsprechender Hardware, Software und Anschlüssen zu erreichen. Es ist zwar für Politik und Wirtschaft sehr werbewirksam, eine hohe Anzahl an das Internet angeschlossener Schulen verkünden zu können. Dieses Gießkannenprinzip ist der Sache aber nicht dienlich, denn viele Schulen sind auf die Anforderungen nicht vorbereitet. So fehlt es häufig an technischen Detailkenntnissen, um ein Schulnetzwerk einrichten und störungsfrei betreiben zu können. Es ist zu befürchten, daß die hieraus entstehende Frustration zur Ablehnung dieser Technologie führt. Eine flächendeckende Ausweitung der Netzanschlüsse auf alle Schulen muß daher an ausreichende Servicekapazitäten gekoppelt werden, so daß den Schulen Hilfe bei der Einrichtung ihres Netzwerkes und Dienstleistungen für den Netzbetrieb garantiert sind.



Ein weiterer entscheidender Faktor sind die Kosten für den Netzbetrieb. Nur wenn sich diese in für Bildungseinrichtungen wirtschaftlichen Größenordnungen bewegen, ist eine flächendeckende Ausweitung möglich. Festverbindungen zwischen den Bildungseinrichtungen sind als langfristiges Ziel anzustreben. Konsequenterweise muß es oberstes Ziel sein, zunächst diejenigen Schulen massiv zu fördern, die bereit sind, Pionierarbeit zu leisten und an telekooperativen Projekten aktiv teilzunehmen - unabhängig von ihrem Standort in Deutschland. Dies darf sich nicht im Sinne von vereinzelten Modellversuchen abspielen, sondern muß das klare Ziel einer flächendeckenden und umfassenden Einführung in den Schulalltag verfolgen.

Ein zeitlich und inhaltlich abgestuftes Förderkonzept muß sich daher von Schulen, die Entwicklungsarbeiten zu Unterrichtsprojekten leisten, über die, die sich an der Erprobung beteiligen und zur Evaluation beitragen wollen, bis hin zu den Schulen erstrecken, die lediglich als Nutzer vorhandener Materialien multimedialen, netzorientierten Unterricht betreiben wollen. Bei allem Respekt vor der Kulturhoheit der Bundesländer, doch diese Pionierarbeit kann nur bundesweit erfolgen, damit Kreativität und Initiative nicht durch politische Landesgrenzen eingeschränkt werden. Eine derartige Abgrenzung wäre nicht nur im Sinne einer netzorientierten, kooperativen Arbeit sachfremd.

Die 1996 gestartete Bildungsinitiative `Schulen ans Netz´ ist ein erster Meilenstein auf dem Weg hin zu einer auf Informations- und Kommunikationstechnologie basierenden Bildung. Die gewonnenen Ergebnisse sollen Anstoß und Grundlage sein für neue curriculare Ansätze. Wünschenswert sind weitere Initiativen, die in kooperativer Arbeitsteilung gemeinsam den Erfolg suchen.

Neben diesem pädagogischen Auftrag hat eine derartige Bildungsinitiative beziehungsweise das Bildungswesen insgesamt auch eine volkswirtschaftliche Komponente, die für den Wirtschaftsstandort Deutschland von existentieller Bedeutung ist. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Neu sind die Dimensionen, mit denen sich das Bildungswesen auseinanderzusetzen hat, denn auch im Bildungsbereich wird es zu einem globalen Wettbewerb kommen. Wer in diesem Wettbewerb bestehen will, muß marktfähige Produkte für den Bildungsbereich anbieten - marktfähig nicht nur im Sinne einer pädagogisch-didaktischen Funktionalität. Das Preis-/Leistungverhältnis wird entscheiden, welche Bildungssoftware sich am Markt durchsetzen kann. Kleinstaatliche Lösungen, die häufig mit Kulturhoheit begründet sind, werden kaum Chancen haben in einem globalen Wettbewerb. Kooperative Partnerschaften und Aufgabenteilung sind unumgängliche Konsequenzen.

So werden in den USA bereits die ersten Prototypen für multimediales Lernen, insbesondere für Tele-Lernen, eingesetzt und Marketingstrategien für eine weltweite Vermarktung entwickelt. Wer jetzt nicht aktiv an der Entwicklung von Bildungssoftware teilnimmt, wird sich in wenigen Jahren mit Fremdprodukten auseinandersetzen müssen. Die Entwicklung von Bildungsssoftware muß daher internationalen Charakter haben und für einen weltweiten Einsatz eingerichtet sein, einschließlich einer synchronen Sprachübersetzung, die in wenigen Jahren vielleicht der Computer übernehmen kann.



Hier verfügt Europa über ein außergewöhnlich großes Potential, denn es ist mit seiner kulturellen und sprachlichen Vielfalt nahezu prädestiniert für eine derartige Herausforderung. Es ist daher nicht mehr der Zeitpunkt, zu diskutieren, ob eine umfassende Bildungsinitiative für einen multimedial und netzorientierten Unterricht sinnvoll ist oder nicht, sondern nur noch, wie zügig und umfassend sie umgesetzt werden soll.

Die Wettbewerbsfähigkeit des einzelnen und der gesamten Wirtschaft hält nur dann in einem globalen Wettbewerb stand, wenn der vernetzte Computer als `natürliches´ Hilfsmittel am Arbeitsplatz akzeptiert wird und die Menschen die über das Netz bereitgestellten höherwertigen Dienstleistungen nutzen können. Für einen Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort wie Deutschland kann es zu einer entscheidenden Frage werden, welche konkurrenzfähigen Leistungen er im globalen Wettbewerb der Informationsgesellschaft einbringt, um bei einem Import und Export wissenschaftlicher Leistungen und allgemeiner Dienstleistungen über das Netz eine positive Leistungsbilanz zu erzielen.

Das ist eine Herausforderung an die Wirtschaft. Es liegt in ihrem eigenen Interesse, dieser Bildungsinitiative Unterstützung zu leisten, zumal die Aufbauphase ohne Zweifel sehr kostenintensiv sein wird. Aber auch die Eltern sind gefordert. Nur in einem gemeinsamen Handeln von Bund, Ländern, Wirtschaft und Elternschaft kann diese Bildungsinitiative zum Erfolg geführt werden. Dies nicht nur, weil die deutsche Wirtschaft beim Einsatz von Multimedia und bei der Nutzung von Netzen weltweit bereits hinterherhinkt und somit Wettbewerbsnachteile riskiert. Entscheidend ist der große kulturelle und soziale Wandel, der alle Teile unserer Gesellschaft erfaßt. (ad)

Kasten 1


Prof. Dr. Rainer Busch ist Urheber der Bildungsinitiative `Schulen ans Netz´. Mit einer Studie hatte er die Notwendigkeit aufgezeigt, allen deutschen Schulen und Bildungseinrichtungen den Zugang zum Internet zu gewähren. Für diese Idee konnte er Bundesbildungsminister Dr. Rüttgers, einige Bundesländer und zahlreiche Unternehmen der Kommunikationsindustrie gewinnen. Anläßlich der CeBIT ´97 hat er die Initiative `Schulen online´ gestartet. Sie wird von der deutschen Wirtschaft getragen und wird bundes- und europaweit agieren. Die Initiative will den Schulen in allen Schulbereichen einen Orientierungspunkt anbieten für eine auf Informations- und Kommunikationstechnologie basierenden Bildung und langfristig einen kostengünstigen Zugang zum Internet ermöglichen.

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