Liebe Firma Microsoft

@ctmagazin | Editorial

Liebe Firma Microsoft,

Softwarepiraterie und der Einsatz illegal erlangter Software beunruhigen Sie. Das ist verständlich. Nicht verständlich jedoch ist die gerade laufende Einschüchterungskampagne der BSA (siehe Seite 14), also der von Ihnen dominierten Business Software Alliance. Wie kann man jene ohrfeigen, die Ihre Software rechtmäßig erworben, lizenziert und registriert haben, also Ihre eigenen Kunden? Und dann stellen Sie auch noch eines der schwarzen Schafe in den 10 000 Mailings quasi öffentlich an den Pranger.

Anstatt das Verärgern von Kunden zu perfektionieren, verspräche ich mir langfristig mehr davon, neue Maßstäbe in der Qualität rund um meine Produkte zu setzen. Das Softwaregeschäft bietet da noch ein enormes Potential.

Zum Beispiel könnte man seine Produkte so fehlerfrei wie möglich ausliefern; denn je fehlerhafter Software ist, desto weniger Wert wird ihr der Anwender beimessen. Es wäre erfrischend innovativ, die Software so weit auszufeilen, daß man mit ihrer Stabilität und Ausgereiftheit sogar werben kann.

Das wiederum schafft Ressourcen für eine spektakuläre Reform des Supports. Stellen Sie sich vor: Der Hersteller betreibt aktiv Service. Von sich aus informiert er die registrierten Anwender seiner Produkte quartalsweise über die wenigen verbliebenen Fehler und bietet Abhilfen. Das ist auch volkswirtschaftlich relevant: überschwengliche Schlagzeilen - 30 Millionen Windows-User sparen 300 Millionen Arbeitsstunden pro Jahr bei der Fehlersuche - wären gewiß.

Geradezu revolutionär wäre es, die Begriffe "zugesicherte Eigenschaft", "Garantie", "Gewährleistung" oder gar "Nachbesserung" ins Softwaregeschäft einzubringen. So könnte der Anwender zum Beispiel in den Lizenzbedingungen nicht nur ausnahmslos Verpflichtungen finden, die er einzugehen hat, sondern auch eine Winzigkeit, für die Sie einzustehen gedenken. Wie wär's mit: "Wenn Sie einen gravierenden Mangel bezüglich einer zugesicherten Eigenschaft nachweisen, den wir nicht in angemessener Frist abstellen können, erstatten wir Ihnen einen Teil des Kaufpreises."

Oder Kulanz wie in den USA: "Das Produkt gefällt Ihnen nicht? Es erfüllt seinen Zweck für Ihre Aufgaben nicht? Das tut uns sehr leid. Bitte senden Sie uns das gesamte Paket zurück und bestätigen Sie uns schriftlich, daß Sie alle Kopien und Installationen gelöscht haben. Sie bekommen selbstverständlich Ihr Geld zurück." Dabei könnte man solche Fälle auf ein Minimum reduzieren, indem man Probier-CDs von allen Produkten zum Selbstkostenpreis mit zeitlich limitierten Vollversionen bereithält.

Ferner ist die Rabattierung beim Bundling mit Hardware nicht gerade hilfreich, um den von Ihnen beklagten "Mangel an Unrechtsbewußtsein bei Raubkopierern" abzubauen. So kostet Winword 97 normalerweise 700 DM, in Verbindung mit einem PC weniger als 300 DM. Im Ernst, Microsoft, bekommt der Käufer einer Vollversion derzeit einen Mehrwert von 400 DM gegenüber einer "OEM-Version mit reduziertem Support"?

Kurzum: Es gilt eine Situation zu schaffen, in der der Raubkopierer aufgrund verwehrter Vorteile als Trottel dasteht, und nicht der registrierte Anwender, der den vollen Kaufpreis entrichtet hat.

Detlef Grell

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