Liebe auf den zweiten Blick

IP und ATM gehen gemeinsame Wege

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Auf der ersten Konferenz und Ausstellung unter dem Namen ATM Year sagten Experten 1993 ATM einen Siegeszug durchs gesamte Netzwerk voraus. Sie hatten dabei allerdings den Hype um Gigabit Ethernet nicht einkalkuliert, der dafür sorgte, daß ATM bisher nur im WAN Fuß fassen konnte. Doch glaubt man den jüngsten Trends, scheint ATM durch Technologieänderungen in den Telefonnetzen neuen Aufschwung zu erfahren.

Den Ankündigungen der letzten Wochen zufolge sind die Weichen für den Untergang des guten alten Telefonnetzes bereits gestellt - zumindest, was die Technik angeht. Die altgewohnte Leitungsvermittlung bisheriger Telefonsysteme ist angeblich tot. Die Zukunft gehöre dem Paket-Switching und optischem Wavelength-Division-Multiplexing (WDM).

Der Trend in Richtung WDM scheint sowohl die geschäftlichen als auch die technischen Pläne zu bestimmen. So gab beispielsweise Tellabs Inc. bekannt, daß man die auf WDM spezialisierte Firma Ciena Corp. für rund 7,1 Milliarden US-Dollar in Aktien aufkauft. Die amerikanische Telefongesellschaft Sprint verkündete, daß sie ihren derzeitigen Circuit-Switched-Backbone gegen ein Multiservice-, Packet-Switched-Backbone austauscht. Weiterhin plant Sprint, im Verlauf dieses Jahres ein auf ATM-Switches und WDM-Systemen aufbauendes Netzwerk in Betrieb zu nehmen und dann pro Bit anstatt pro Minute abzurechnen.

Das gemeinsame Interesse an WDM brachte auch die IP- und ATM-Lager näher zusammen. So verbreitete beispielsweise Cisco auf der ATM Year 98 den Slogan 'IP loves ATM'. Und plötzlich ist optoelektrischer Transport auf physikalischer Ebene wichtiger als verschiedene Versionen von Transportebenen. Doch welche Funktionen sollte ein WDM-Layer unterstützen? Auf der Konferenz hörte man von seiten der Terabit-Router-Firmen, daß Anwender den ATM- und SONET-Layer (Synchronous Optical Network) zukünftig nicht mehr benötigen und statt dessen IP über WDM laufen lassen. Selbst Hersteller wie Cisco sprachen von IP über SONET, getragen von WDM.

Die Zukunft von ATM erscheint im gewissen Sinne schizophren, wenn man sie von der WDM-Seite betrachtet. So verkauft sich ATM in letzter Zeit sehr erfolgreich im WAN-Markt; es wird aber auch immer einfacher, Netzwerke von ATM-Switching auf IP-Switching, IP-Switching über SONET oder ATM über WDM umzustellen. So spielen dann Signalling und Transport offensichtlich eher eine untergeordnete Rolle.

Unterdessen wird noch debattiert, ob die Hardwareintegration eine bestimmte Richtung bevorzugt. Laut Gordon Stitt, Präsident von Extreme Networks, wird ATM-Switching irrelevant, sobald Hardwarebeschleunigung in superschnelle Router Einzug hält. Diese Router können dann Pakete mit SONET-Geschwindigkeit (OC-1 mit 51,84 MBit/s bis zu OC-48 mit 2,5 GBit/s) verschicken und bräuchten keine Switching-Protokolle auf höherer Ebene mehr. Robert Sansom, Vizepräsident von Fore Systems, glaubt dagegen, daß es Single-Chip-Systeme für ATM-Switching, WDM und superschnelles Routing geben wird.

In einem Punkt waren sich die Experten auf der ATM Year 98 jedenfalls einig: Telefongesellschaften und Internet Provider suchen nicht mehr nach spezifischen Architekturen für ihre Netzwerke, sondern nach besonderen Dienstleistungen, mit deren Hilfe sie sich von der Konkurrenz abheben können. Dies ist ein Pluspunkt für ATM, da hier die Möglichkeiten für die Implementierung von Diensten in virtuellen Kanälen sowie die Bereitstellung von Qualitätsparametern (Quality of Service, QoS) wesentlich ausgereifter ist als im Servicemodell von IP.

IP-Telephonie bringt zusätzlich auch kleinere Telefongesellschaften ins ATM-Lager. Noch vor zwei Jahren wurde ATM hauptsächlich unter dem Aspekt eines datenorientierten Netzwerks vermarktet. Doch seit Firmen wie Qwest Communications International und Level 3 Communications billige Telefonanrufe über einen IP-geswitchten Backbone anpriesen, wuchs das allgemeine Interesse an schnellen Paket-Switches für Sprachkanäle.

Nach Ansicht von Hank Zannini, Vizepräsident für Business Development bei Avici Systems, wird WDM weitreichende Auswirkungen mit sich bringen, egal ob mit reinem IP oder ATM. 'Wir befinden uns in einer ähnlichen Situation wie Intel mit der 4004-Architektur vor 25 Jahren. Mit WDM können wir innerhalb von drei Jahren ein Terabit pro Sekunde über Monomode-Glasfaser erreichen.'

Neben vergleichsweise hohen Kosten gegenüber Ethernet war die Inkompatibilität von ATM-Produkten verschiedener Hersteller einer der größten Stolpersteine auf dem Weg zum Erfolg. Zu dieser Einsicht sind nun auch endlich Firmen wie Sentient Networks, Larscom und 3Com gelangt, die unter anderem zu den Gründungsmitgliedern der IMA Interoperabilitäts Initiative (I3) gehören.

Seitdem das ATM-Forum den IMA-Standard vervollständigte, wollen mehr und mehr Endkunden Geräte, die diesem entsprechen. So richtete man ein Testlabor bei Sentient ein, in dem Mitglieder der Initiative ihre Produkte mit denen anderer Hersteller vernetzen können. Innerhalb der letzten Wochen traten beispielsweise auch Ascend Communications, Digital Link, Northern Telecom und Sonoma Systems der Initiative bei.

Um ihre neugefundene Liebe für IP zu demonstrieren, stellte Cisco auf der ATM Year 98 auch gleich noch drei neue WAN-Switches vor, die IP und ATM integrieren. Der Switch TGX-8750 beispielsweise bietet OC-48-Support (2,5 GBit/s) für Internetworking. Mit einem Anfangspreis von rund 60 000 US-Dollar soll er Anfang 1999 auf den Markt kommen.

Xylan kündigte neue ATM-Hardware und -Software für ihre OmniSwitch-Campus-Switches an. Die ATM-Funktionen sind ein Teil der Version 3.2 des Xylan Betriebssystems (XOS) und umfassen neue Uplink-Module, Virtual-Path-Tunneling und Soft-PVCs (Permanent Virtual Circuits).

Von ATM bis zum Desktop sprach übrigens auf der Konferenz niemand mehr. Und so heißt die Konferenz im nächsten Jahr nicht mehr ATM Year, sondern Broadband Year. Nomen est Omen? (jk)

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