Lieber Ohne

@ctmagazin | Editorial

Lieber ohne

Die Diagnose meines Sauna-Kumpels war niederschmetternd: "Träum weiter, den Beamer an die Decke! Schon mal was von WAF gehört?" Hatte ich nicht. Dabei ist der "Women's Acceptance Factor" - ohne dass ich mir dessen bewusst war - schon lange der ausschlaggebende Faktor bei der Gestaltung unserer heimischen Computer-Fernseh-Wunderwelt.

Mein Kumpel hatte völlig Recht: Nicht auszudenken, wenn sich die Kabelstränge schlangengleich an Wand und Decke bis zum Beamer winden würden. Das würde Sibyll niemals dulden, selbst wenn Robbie Williams sie mit drei Meter Bildschirmdiagonale von der gegenüberliegenden Wand anstrahlt - so viel ist mal klar. All meine Überzeugungsversuche durch "spontane" Überraschungspräsentationen haben sich denn bisher auch als Flop erwiesen.

Dabei ist Sibyll keineswegs technikfeindlich: Sie mag elegant gestaltete Designer-PCs und hätte auch nichts gegen einen lässig von der Decke herabhängenden Plasma-Bildschirm einzuwenden. Doch selbst wenn ich die Kabel direkt durch die Decke schlage - die Beule unter dem Teppich im oberen Stockwerk würde sie nie akzeptieren.

Mit Neid und zunehmendem Ärger schiele ich deshalb Tag für Tag auf die bunte Werbewelt in der Flimmerkiste: Absolut WAF-kompatibel sind die Boten eines neuen Medienzeitalters dort locker in großzügige Wohnlandschaften drapiert. Die notwendigen 200 Meter AV-Verkabelung zum Betrieb der Heimbespaßungsgeräte scheinen die fröhlichen Mittdreißiger vor keinerlei Probleme zu stellen. Man sieht nicht einen Zentimeter Kabel hervorlugen. Was mache ich bloß falsch?

Im Arbeitszimmer herrscht immerhin Frieden. Nachdem die versprochene "kabellose Zeit" auch nach der Jahrtausendwende nicht eingetreten war und das massive Tower-Gehäuse auch den harten Stößen des fest geführten Klopfsaugers wider Erwarten standhielt, bewohnen nun Wollmäuse und Jagdspinnen das Kabelknäuel unter dem Schreibtisch und bilden ein neues Ökosystem - Sibyll lässt sie dankenswerterweise gewähren.

Aber die Weiterentwicklung unseres noch in den Kinderschuhen steckenden Ethernet endete jäh, als ihre Freundin über die gut kaschierte CAT-5-Verkabelung im Türrahmen zur Küche stolperte. Nicht, dass ihr etwas passiert wäre - vielmehr war es mein Notebook, das beim Sturz vom Schreibtisch zu Bruch ging. Dennoch gab der dumpfe Aufprall gleichsam den Startschuss für unser WLAN. Auch wenn die unauffällige Platzierung des Access Point im günstigen Abstrahlwinkel hinter der Yucca-Palme keine Gnade fand. Ebenso wenig konnten die lustig fühlerartig daherkommenden Stab-Antennchen den WAF-Faktor um hinreichend viele Prozentpunkte heben.

Ich wünsche mir fürs neue Jahr, dass die Industrie endlich Sibylls Drohen und mein Flehen erhört und die Wirtschaftsbremse WAF endlich löst. Geräte satt, alle schick und funktionell. Und bitte ohne Kabel.

Sven Hansen

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