Linux 4.20 freigegeben: Performance-Optimierungen und neue Treiber

Linux-Kernel 4.20

Trends & News | Kernel-Log

Zu den vielen Neuerungen von Linux 4.20 gehört eine von Facebook entwickelte Auslastungsanzeige und Support für neue Radeon-Chips von AMD.

In der Nacht auf Heiligabend hat Linus Torvalds den Linux-Kernel 4.20 freigegeben. Er bringt wieder rund vierzehntausend Änderungen; einige davon rüsten neue Features oder Treiber nach, andere verbessern existierende. Die wichtigsten Neuerungen im Kurzüberblick:

  • Das neue PSI (Pressure-stall Information) stellt drei an /proc/loadavg erinnernde Dateien bereit, mit denen man die Ursache von Leistungsabfällen leichter eingrenzen kann. Admins können damit zudem die Effizienz ihrer Server steigern und zugleich durch Überlastung drohende Abstürze vermeiden.
  • Linux 4.20 verbessert den Schutz vor der zweiten Variante der Sicherheitslücke Spectre, die vor knapp einem Jahr bekannt wurde und in vielen modernen Prozessoren klafft. Die Performance soll darunter nicht leiden, sofern man nicht einen Schutz aktiviert, der für sicherheitskritische Systeme und Anwendungen gedacht ist.
  • TCP-Stack und Fair-Queue-Scheduler verwenden jetzt ein verbessertes und von Netzwerkurgestein Van Jacobson inspiriertes Verfahren, um über den Versendezeitpunkt von Netzwerkpaketen zu entscheiden.
  • PCIe-Geräte können Daten jetzt direkt miteinander austauschen. Das soll unter anderem die Performance von Servern verbessern, die Daten per RDMA übers Netzwerk schicken.
  • Der erst jüngst integrierte Support für den umstrittenen Crypto-Algorithmus Speck ist rausgeflogen; Google arbeitet an einem Ersatz, der vermutlich schon in 4.21 einfließt.
  • Linux 4.20 unterstützt die für den chinesischen Markt produzierte Prozessorserie "Dhyana", der eng mit AMDs "Epyc" verwandt ist.
  • Beim Virtualisieren mit Intel-Prozessoren gelingt es mit KVM nun standardmäßig, innerhalb von Virtual Machines (VMs) weitere zu starten ("Nested Virtualization").
  • Mit dem neuen Userspace DMA Buffer Driver (udmabuf) soll der Wirt die Bedienoberflächen von VMs effizienter weiterverarbeiten können, was die Performance verbessert.
  • Der Amgpu-Treiber unterstützt jetzt auch die GPUs der in den nächsten Wochen oder Monaten erwarteten AMD-Prozessoren, die bislang nur unter den Codenamen "Raven 2" und "Picasso" bekannt sind.
  • Unter Dutzenden neuen Treibern sind welche für 2.5-GBit-Ethernet-Chips von Intel. Außerdem bringt Linux nun endlich Treiber für das Magic Trackpad 2 von Apple mit. Das ist einer von einigen tausend Verbesserungen an Treibern zu verdanken, die Support von weiteren Geräten oder Hardware-Funktionen nachrüsten.
  • Neu dabei ist auch Support für das Raspberry Pi Compute Module 3 oder die 32-Bit-Prozessorarchitektur C-Sky.
Linux 4.20 hätte beinahe die Versionsnummer 5.0 bekommen. (Bild: Freigabemail zur ersten Vorabversion von Linux 4.20 auf lore.kernel.org)
  • Viele Beobachter hatten erwartet, dass der Nachfolger des Ende Oktober veröffentlichen Linux 4.19 nicht 4.20, sondern 5.0 als Versionsnummer erhalten würde. Dazu kam es nicht: Linus Torvalds wollte "kein Muster etablieren" und hat daher das beim Sprung von 3.19 auf 4.0 verwendete Schema nicht wiederholt. Er hat den Versionssprung aber für 2019 in Aussicht gestellt.

Die folgenden Abschnitte und Artikelseiten liefern zahlreiche Details zu diesen und zahlreichen weiteren Neuerungen von Linux 4.20.

Alle wesentlichen Neuerungen dieses Kernels sind derweil schon absehbar. Eine davon ist das PSI (Pressure-stall Information) genannte Feature, mit dem Administratoren leichter eingrenzen können, warum ein System plötzlich langsamer als gewohnt arbeitet; die von PSI aufbereiteten Informationen sollen Admins von Rechenzentren ferner helfen, die verfügbaren Systemressourcen besser auszuschöpfen und Ausfallzeiten zu verhindern. Die Technik dazu hat Facebook entwickelt und nach ersten Praxiserfahrungen in seinen Rechenzentren nun zu Linux beigesteuert. Die Entwickler von Android wollen die Technik aber auch aufgreifen, damit ihr Betriebssystem unter Last besser reagiert; dasselbe gilt für die Entwickler des Desktop-Betriebssystems Endless OS.

PSI liefert Hinweise, wie stark Prozessor, Arbeitsspeicher und Datenträger in den letzten 10, 60 und 300 Sekunden ausgelastet waren.

Durch PSI stellt der Kernel das Verzeichnis /proc/pressure/ mit drei Dateien bereit, deren Inhalt an das nicht mehr recht zeitgemäße /proc/loadavg erinnert. Die Dateien liefern die Summe der Zeit, die Prozessor, Arbeitsspeicher und I/O-Subsystem in den letzten 10, 60 und 300 Sekunden überlastet waren. Die Angaben in der "some"-Zeile von /proc/pressure/io zeigen beispielsweise den Zeitraum, den Programme im Beobachtungszeitraum nicht vorankamen, weil sie auf Schreib- oder Leseoperationen gewartet haben. Die "full"-Zeile summiert hingegen Zeiten, in denen es alle aktiven Tasks betraf. Wenn Letzteres über einen längeren Zeitraum häufig vorkommt, arbeitet dieser Ressource am Anschlag; das System verrichtet die ihm zugeteilten Aufgaben dann nur noch ineffizient und fährt sich womöglich bald fest.

Die genannten Dateien liefern eine Auswertung zu allen Programmen des Systems; PSI offeriert zudem drei ähnliche Dateien in den Verzeichnissen von Control Groups (Cgroups), die Informationen zum Verhalten dort zugeordneter Tasks liefern.

Mit diesen Informationen und einigen weiteren Maßnahmen konnte Facebook die Effizienz seiner Server steigern und problematische, sonst Abstützen resultierende Situationen rechtzeitig abfangen. Details hierzu finden sich im LWN.net-Artikel "Resource control at Facebook". Dieser fasst einen Vortrag zusammen, der jüngst in ähnlicher Form auf der "All Systems Go" gehalten wurde und bei YouTube zu sehen ist; ab Zeitstempel 15:05 beginnt ein längerer Abschnitt, der PSI näher erläutert.

Mitte November machten Vorabfassungen von Linux 4.20 und Versionen wie 4.19.2 und 4.14.81, 4.9.137 von sich reden, weil sie schlechtere Performance lieferten als ihre Vorgänger – besonders bei Intel-CPUs mit Hyper-Threading. Das lag an Erweiterungen der Maßnahmen gegen die Sicherheitslücke "Spectre v2", die zu Jahresbeginn bekannt wurde und in Prozessoren verschiedener Hersteller klafft. Einige der Änderungen sollen Prozesse besser voreinander schützen, andere den Schutz speziell bei Hyper-Threading; dazu griffen diese Kernel-Versionen noch stärker auf die Spectre-v2-Schutztechniken IBPB respektive STIBP zurück, die Prozessorhersteller mit neuem Microcode nachrüsten (1, 2).

Eine grundlegende Überarbeitung des verbesserten Spectre-v2-Schutz beseitigt das Performance-Problem, das im November für Aufsehen sorgte. (Bild: git.kernel.org – 4b78317679c4)

Aufgrund der Performance-Regression wurden die Erweiterungen bereits nach wenigen Tagen aus Linux 4.19.4, 4.14.83 und 4.9.140 wieder entfernt. In den Vorabversionen von 4.20 verblieben sie, wurden Ende November mit Linux 4.20-rc5 aber nochmal grundlegend überarbeitet; einige der da vorgenommenen Verbesserungen waren ohnehin schon in Arbeit, noch bevor das Geschwindigkeitsproblem bekannt wurde. Letztlich soll Linux 4.20 durch die Überarbeitung das gewohnte Performance-Niveau erreichen, zugleich aber besser schützen.

Die nach den Umbauten (u.a. 1, 2, 3, 4, 5) standardmäßig genutzten Maßnahmen sollen für typische Einsatzzwecke reichen. Über den neuen Parameter spectre_v2_user= kann man allerdings einen noch umfangreicheren Schutz aktivieren, wie die Kernel-Dokumentation erläutert; Anwendungen können den besseren Schutz auch explizit für sich anfordern. Auch das Verhalten des älteren Parameters spectre_v2= wurde in dem Zug leicht angepasst. Der bessere Schutz ist beispielsweise für sicherheitskritische Systeme und Anwendungen gedacht, bei denen der damit einhergehende Performance-Verlust das kleinere Übel darstellt. Die Änderungen sind auch in die Linux-Versionen 4.19.7 und 4.14.86 eingezogen.

In Linux 4.20 können PCIe-Geräte jetzt Daten direkt austauschen, wenn die Hardware und Treiber das unterstützen. Die P2PDMA (Peer-To-Peer Direct Memory Access) genannte Funktion kann so Prozessor und Hauptspeicher von dieser Aufgabe entlasten, was die System-Performance steigert (u. a. 1, 2, 3, 4). Die Technik ist etwa zur Kopplung von Grafikkarten interessant. Linux beherrscht P2PDMA aber vorerst nur in einigen Treibern. Einer davon ist der NVMe-Treiber, damit NVMe-SSDs von Servern die Daten direkt an den Netzwerkchip übergeben können, die Clients per Remote DMA (RDMA) anfordern. Details hierzu finden sich im LWN.net-Artikel "Device-to-device memory-transfer offload with P2PDMA".

Apropos PCI: Die Kernel-Entwickler haben die Infrastruktur für PCI-Hotplug überarbeitet, um einige altbekannte Probleme beim Zu- und Wegschalten von PCI/PCIe-Geräten im Betrieb zu beseitigen und neue Einsatzmöglichkeiten zu unterstützten (u. a. 1). Details hierzu erläutert der LWN.net-Artikel "The modernization of PCIe hotplug in Linux".

Der von der NSA entwickelte und daher umstrittene Crypto-Algorithmus Speck wurde wieder Rausgeworfen, weil Google ihn doch nicht bei Android nutzen will. (Bild: git.kernel.org – 578bdaabd015 )

Beim Dateisystem Btrfs gab es eine Reihe von Performance-Verbesserungen. Selbiges gilt für den SMB3-Support von CIFS, mit dem der Kernel Dateifreigaben von Samba- oder Windows-Servern einbinden kann. Beim unter anderem von Gluster genutzten Fuse (Filesystem in Userspace) gab es gleich mehrere Änderungen, die die Geschwindigkeit zu steigern versprechen. Der NFS-Server (NFSd) beherrscht jetzt asynchrones Kopieren.

Mit der neueren und mit mehreren Warteschlangen arbeitenden Infrastruktur zum Ansprechen von Datenträgern, Blk-MQ, lassen sich nun auch Stromspartechniken verwenden. Die Entwickler haben zudem einige Vorarbeiten erledigt, um die ältere Block-Layer-Infrastruktur bald rauszuwerfen. Vermutlich passiert das schon beim Nachfolger von Linux 4.20. Daran hat auch das vermeintliche und viel Aufsehen erregende Datenverlustproblem in 4.19 und Vorabversionen von 4.20 nichts geändert, das erst Ext4 zugeschrieben wurde, sich dann aber als Fehler in Blk-MQ entpuppte.

Einige weitere Neuerungen rund um Storage- und Dateisysteme nennen die Merges der Subsysteme 9p, Block (1, 2, 3), Ceph, Device Mapper, Ext4, F2FS, Fsnotify, Libata, Libnvdimm, MD, NFSd, NFS, SCSI und XFS (1, 2).

Das bei Linux 4.18 integrierte "AF_XDP" kann Netzwerkpakete jetzt weiterverarbeiten, ohne die Daten erst im Arbeitsspeicher kopieren zu müssen (u. a. 1, 2, 3, 4, 5). Der Zero-Copy-Support des für High Performance Packet Processing gedachten Frameworks legt dadurch an Geschwindigkeit zu. Laut dem zuständigen Entwickler soll AF_XDP dadurch in einigen Anwendungsszenarien fast das Performance-Niveau erreichen, das das komplett im Userspace arbeitende DPDK (Data Plane Development Kit) erzielt.

Das neue "Early Departure Time Model" soll TCP-Pacing verbessern. (Bild: git.kernel.org – a88e24f270eb )

Der TCP-Stack und der Fair-Queue-Scheduler verwenden jetzt ein neues Verfahren, um über den Versendezeitpunkt von Netzwerkpaketen zu entscheiden. Der "Earliest Departure Time" genannte Ansatz soll Skalierbarkeit, Kalkulation der Round-Trip-Time (RTT) und dadurch auch die Schrittsteuerung (das "Pacing") verbessern. Er ist von einem Vortrag (Präsentationsfolien, Videoaufzeichnung) inspiriert, den Netzwerk-Urgestein Van Jacobson vor einigen Monaten auf einer Konferenz der Netzwerk-Stack-Entwickler von Linux gehalten hatte. Einige weitere Änderungen im Netzwerkbereich nennt der wichtigste Merge dieses Subsystems.

Linux 4.20 unterstützt die für den chinesischen Markt produzierte Prozessorserie "Dhyana". Deren Hersteller Hygon hat diese CPUs nicht von Grund auf neu entwickelt, sondern AMDs Zen-Technik lizenziert. Die unter anderem in chinesischen Supercomputern verwendenden x86-64-Prozessoren sind daher enge Verwandte des AMD Epyc.

Ebenfalls neu ist der Support für die zwei ABI-Varianten der 32-Bit-Prozessor-Architektur C-Sky. Diese ist von einem alten Motorola-Kern abgeleitet und steckt etwa im SoC des 5-Euro-Bastlerboard C-Sky GX6605S. Das hat zwar einen HDMI-Anschluss, allerdings nur 64 MByte DDR2-RAM und 4 MByte Flash-Speicher – letztlich eignet es sich nicht für klassische Desktop-PCs, sondern konkurriert eher mit Hardware der Arduino-Klasse.

Das Unternehmen C-Sky macht auch bei der quelloffenen Architektur RISC-V mit. Der Support für diese ISA (Instruction Set Architecture) wurde bei 4.20 weiter verbessert (u. a. 1, 2). Daher beherrscht ein für diese ISA übersetztes Linux jetzt auch den Fast Userspace Mutex (Futex), der die Performance von Anwendungen verbessern kann.

Unter den Änderungen an KVM war eine, durch die es bei der Virtualisierung mit vielen Intel-Prozessoren nun standardmäßig gelingt, innerhalb einer Virtual Machine (VM) eine weitere zu starten. Durch diese "Nested Virtualization" kann man mit einem Linux-Host und KVM beispielsweise eine Windows-10-VM betreiben, in der sich mit Hyper-V arbeitende Container oder VMs ganz normal verwenden lassen. Eine so letztlich im Level 2 (L2) laufende VM ist allerdings langsamer als eine normale, im Level 1 (L1) laufende VM. Die Funktion ist aber für Cloud-Anbieter interessant, die ihren Kunden typischerweise VMs stellen, in denen man bislang meist nicht virtualisieren kann. Nested Virtualization mit Intels Virtualisierungstechnik VMX ist auch in älteren Linux-Versionen enthalten, dort aber noch nicht so ausgereift. Man muss sie daher explizit aktivieren, indem man beim Laden von kvm_intel den Parameter nested=1 setzt.

Mit dem neuen Userspace DMA Buffer (udmabuf) Driver sollen sich Bedienoberflächen von VMs effizienter auf dem Wirt darstellen lassen. Außerdem kann die Technik die Weiterverarbeitung durch Remote-Desktop-Lösungen wie Spice erleichtern. Beides gelingt mithilfe der DMA-Buffer-Sharing-Technik DMA_Buf, die das bei KVM-Virtualierung genutzte Qemu durch Udmabuf nun einbinden kann. Dadurch kann unter anderem der Grafikkern des Hosts die Bilddaten eines Gasts direkt verwenden, was das zeitraubende Kopieren der Speicherinhalte effizienter macht und im Idealfall sogar komplett vermeidet.

Der Linux-Kernel bringt jetzt einen Netzwerktreiber für den Intel I225-LM/I225-V 2.5GBASE-T Ethernet Controller mit. Diese Netzwerkchips, die Daten mit 2.5 GBit/s über die verbreiteten Cat5E/Cat6-Netzwerkkabel übertragen, will Intel offenbar in den nächsten Monaten einführen.

Neu dabei ist auch Support für das Apple Magic Trackpad 2 und die Vibrationsfunktion des Xbox One S Controller. Außerdem unterstützt Linux jetzt die Soundkarten Creative Sound BlasterX AE-5 und ZxR. Zum Kernel stieß ferner der Cedrus VPU Decoder Driver, der für Support die MPEG2-Decoder der Video-Engine einiger Allwinner-Prozessoren sorgt, die sich auf einer Reihe von Bastelboards finden; Support für die H.264- und H.265-Decoder der Video-Engine ist bereits in Vorbereitung.

Über den neuen "LED pattern driver" kann der Kernel die vom ihm betreuten LEDs in konfigurierbaren Zyklen heller oder dunkler stellen; das lässt sich via Sysfs flexibel festlegen, sodass man für LED-Anzeigen oder Warnleuchten keine weitere Software benötigt. Einige weitere Änderungen an Treibern nennen die Merges von Subsystemen wie HID (Human Interface Devices), Hwmon, Media (1, 2), Platform, Sound und USB.

Der Amgpu-Treiber unterstützt jetzt auch die GPUs, die AMD in neuen Prozessoren einsetzen will, die bislang nur unter den Codenamen "Raven 2" und "Picasso" bekannt sind. Außerdem wurde der Support für die Vega20-GPU verbessert, die offenbar bald auch auf Gamer-Grafikkarten zum Einsatz kommen sollen. Die Entwickler haben zudem einige Probleme beim Support für die Radeon RX 590 beseitigt. Ferner ging AMDs GPU-Computing-Treiber Amfkfd in Amdgpu auf.

Der für GeForce-Karten zuständige Treiber Nouveau bietet jetzt rudimentäre Unterstützung von HDMI 2.0, das unter anderem zur besseren Ansteuerung besonders hochauflösender Bildschirme nötig ist. Weitere Änderungen rund um Grafiktreiber nennen die wichtigsten Merges der Subsysteme DRM und Fbdev.

Linux 4.20 kann die Prozessortemperatur bei einer Reihe neuerer AMD-Prozessoren auslesen. Erstmals dabei ist auch Support für Hardware-Monitoring-Chips wie NCT6797D und NCT6798D, die auf einer Reihe neuerer Mainboards sitzen. Linux 4.20 unterstützt nun auch das Raspberry Pi Compute Module 3, das die modifizierten Kernel der Raspberry-Pi-Foundation schon länger anzusprechen wissen. Der neue Kernel bringt zudem Support für über ein Dutzend verschiedene Einplatinencomputer mit ARM- oder ARM64-Kern. Details hierzu finden sich im Merge von armsoc-dt. Änderungen rund um andere Architektur-nahe Bereiche des Kernels nennen die Kommentare zu Merges in den Subsystemen ARM64, ARM SoC Driver, ARM SoC Plaform, Devicetree und Powerpc.

Die Entwickler haben zudem weitere Umbauten vorgenommen, um das Jahr-2038-Problem von 32-Bit-Linux auszumerzen (u. a. 1). Um die Sicherheit zu verbessern, haben sie zudem Code an verschiedenen Stellen des Kernels verändert, damit er keine Variable Length Arrays (VLAs) mehr nutzt. Dabei handelt es sich um einen in C definierten Datentyp, dessen Größe erst zur Laufzeit festgelegt wird; Details zu den Beweggründen liefert der LWN.net im Artikel "C considered dangerous". Bei LWN.net findet sich auch ein Artikel zur neuen Datenstruktur "Xarray": Sie soll die Performance verbessern und einige Probleme rund um die beim Kernel genutzte Datenstruktur "radix tree" ausräumen. Weitere Neuerungen rund um die Infrastruktur des Kernels nennen die Merges zu Gebieten wie ACPI, Core RCU, Compiler Attributes, Documentation, Locking Core, Perf, Power Management (1, 2), Scheduler, Siginfo, Timers Core, Tracing, x86-mm, x86-paravirt. Bei den hier und in anderen Bereichen des Textes genannten Merges handelt es sich übrigens um welche, die der Autor für verlinkenswert hielt, weil sie für so manchen Leser relevante Informationen enthalten; weit über hundert andere Merges haben diese Hürde nicht geschafft.

Die Entwickler haben die Unterstützung für den Crypto-Algorithmus Speck rausgeworfen, die Google-Entwickler erst vor einem halben Jahr in Linux 4.18 eingebracht hatten. Speck war schon damals umstritten, weil es von der amerikanischen Sicherheitsbehörde NSA stammt. Das ist ein Grund für den Rauswurf, der aber durch etwas anderes in Gang kam: Google hat zwischenzeitlich die Pläne verworfen, Speck bei günstigen Android-Geräten einzusetzen. Die Linux-Entwickler haben den Algorithmus daher schon Mitte November auch aus Linux 4.18.19 und 4.19.2 entfernt, nachdem der Rauswurf zur ersten Vorabversion von 4.20 erfolgt war. Googles Entwickler haben derweil bereits einen neuen Ansatz für das Einsatzgebiet entwickelt, in dem sie Speck nutzen wollten; dieser "Adiantum" genannte Algorithmus soll in den Nachfolger von 4.20 einziehen.

Das GCC-Plugin "Stackleak" kann die Sicherheit verbessern, kostet aber Performance. (Bild: git.kernel.org – afaef01c0015 )

Ein beim Kompilieren verwendbares Plugin kann es Angreifern erschweren, für ihre Zwecke dienliche Informationen im Aufrufstapel (Callstack) des Kernels abzugreifen (u. a. 1, 2, 3). Das für GCC gemachte "Stackleak"-Plugin führt aber bereits in einigen einfachen Benchmarks zu einem Performance-Einbruch von ein bis fünf Prozent. Daher werden womöglich Mainstream-Linux-Distributoren die Technik in ihren Standard-Kerneln meiden. Weitere Details zur ursprünglich beim Grsecurity-Projekt entwickelten Stackleak finden sich in einem Artikel bei LWN.net. Er erläutert auch die Schwierigkeiten, mit denen ein Entwickler bei seinen Bemühungen zu kämpfen hatte, Stackleak in den offiziellen Linux-Kernel zu integrieren.

Nachdem Linus Torvalds sich in der zweiten Hälfte der 4.19er-Entwicklung eine Auszeit genommen hatte, lief die Entwicklung von Linux 4.20 weitgehend wie gewohnt. Die Auszeit hatte Linus Torvalds angesetzt, um sein Verhalten und seine Ausdrucksweisen gegenüber anderen Entwicklern zu überdenken; in dem Zug hat er auch einen Verhaltenskodex ("Code of Conduct") eingeführt. Beides machte sich ein klein wenig bemerkbar: Trotz Bedenken vieler Kritiker hielt Linus Torvalds mit Kritik keineswegs hinterm Berg, äußerte diese aber rücksichtsvoll, wie es moderne Umgangsformen gebieten.

Nachdem auf 3.19 vor einigen Jahren 4.0 folgte, weil Linus Torvalds die zweite Nummer zu groß wurde, hatten der Kernel-Log-Autor und viele andere Beobachter den nächsten Versionssprung beim Nachfolger von 4.19 erwartet. Davon hat Torvalds aber abgesehen – unter anderem, weil er kein Muster etablieren wolle. Er deutete aber an, der Sprung auf 5.0 würde 2019 erfolgen, denn dann "würden ihm endgültig die Finger und Zehen zum Zählen ausgehen". Womöglich passiert das also schon beim Nachfolger von 4.20.

Kernel-
Version
Anzahl
Dateien¹
Zeilen
Quelltext
(Ohne
Doku)²
Entwick-
lungs-
zeitraum
Commits
(Ohne
Merges)³
Diffstat⁴
Linux 4.14 61.290 25.041.284
(23.050.486)
70 Tage 14.659
(13.452)
23.388 files changed,
719.862 insertions(+),
445.585 deletions(-)
Linux 4.15 62.303 25.364.802
(23.329.451)
77 Tage 16.223
(14.866)
13.265 files changed,
643.912 insertions(+),
320.289 deletions(-)
Linux 4.16 62.915 25.558.805
(23.495.643)
63 Tage 14.896
(13.630)
12.239 files changed,
1.133.069 insertions(+),
939.066 deletions(-)
Linux 4.17 61.362 25.379.564
(23.314.368)
63 Tage 14.745
(13.541)
14.504 files changed,
777.301 insertions(+),
956.941 deletions(-)
Linux 4.18 61.003 25.280.872
(23.183.236)
70 Tage 14.432
(13.283)
13.141 files changed,
583.336 insertions(+),
682.028 deletions(-)
Linux 4.19 61.734 25.588.455
(23.449.221)
70 Tage 15.204
(14.043)
11,693 files changed,
552.223 insertions(+),
244.235 deletions(-)
Linux 4.20 62.481 25.955.520
(23.776.585)
63 Tage 14.995
(13.844)
11402 files changed,
685.027 insertions(+),
317.959 deletions(-)
¹ git ls-tree -r --name-only HEAD | wc -l
² find . -type f -not -regex '\./\.git/.*' | xargs cat | wc -l; echo "($(find . -name *.[hcS] -not -regex '\./\.git/.*' | xargs cat | wc -l))"
³ git-log --pretty=oneline vx.(y-1)..vx.(y) | wc -l; echo "($(git-log --pretty=oneline --no-merges vx.(y-1)..vx.(y) | wc -l))"
⁴ git diff --shortstat vx.(y-1)..vx.(y)

Den neuen Linux-Kernel herunterladen und einrichten

Die neue Linux-Version steht wie gewohnt über Kernel.org zum Download bereit. Auf Kernel.org finden Sie auch eine Anleitung, wie Sie die Authentizität und Unversehrtheit prüfen.

Hinweise zur Einrichtung eines eigenen Kernels finden Sie im Artikel "Linux-Kernel maßgeschneidert". Das darin beschriebene Make-Target make localmodconfig erzeugt weitgehend automatisch eine recht gut auf Ihr System zugeschnittene Kernel-Konfiguration, mit der Sie in wenigen Minuten eine neue Linux-Version einrichten können.

Fedora und Rolling-Release-Distributionen wie Arch Linux, Gentoo und OpenSuse Tumbleweed dürften die neue Linux-Version in den nächsten Tagen und Wochen im Rahmen der regulären Systemaktualisierung erhalten. Bei bereits erhältlichen Releases von OpenSuse Leap, Ubuntu und vielen anderen klassisch gewarteten Distributionen macht der Kernel normalerweise keine größeren Versionssprünge; deutlich neuere Kernel erhält man dort meist erst beim Wechsel auf eine neuere Version der Distribution.

Versionshistorie dieses Artikels

  • 2018-12-24, 07:30 – v2.0: Umstrukturierung und kleinere Textanpassungen zur Freigabe von 4.20; dabei Kurzbeschreibung der wichtigsten Neuerungen am Anfang hinzugefügt.
  • 2018-12-12, 06:45 – v1.0: Erste Version.

Der Newsticker von heise online erwähnt alle größeren Texterweiterungen, auf die auch der Twitter-Account @kernellog hinweist.

(thl)

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