LinuxCon Europe: "Die Lizenz macht Open Source aus, nicht der Code."

Wissen | Hintergrund

Die Vorträge von Phil Odence von Black Duck Software, Ibrahim Haddad von Samsung Electronics und der Rechtswissenschaftlerin Catharina Maracke auf der LinuxCon Europe liefern eine Rundumanalyse des Themas Open-Source-Recht.

Black Ducks Vice President für Business Development Odence zeigte, wie nervig das Nachdenken über die richtige Lizenz für freie Entwickler ist und welche finanziellen Einbußen das Open-Source-Geschäft dadurch hat. Samsungs US-Forschungsleiter für Open Source Haddad machte deutlich, wie aufwändig das Lizenz-Handling in Unternehmen ist, und gab praktische Tipps, wie man damit umgehen kann. Die Jura-Dozentin und IP-Expertin Maracke überlegt derweil, wie ein global einheitliches und bloß nicht zu kompliziertes Contributor Agreement aussehen könnte, um den abstoßenden Effekt von Lizenzvereinbarungen zu neutralisieren.

"Die Lizenz macht Open Source aus, nicht der Code", brachte Phil Odence in seinem Vortrag "Open Source's $59B Opportunity" auf den Punkt. Sein Vortragstitel bezieht sich auf die hypothetische Summe von 59 Millarden US-Dollar, die Open-Source-Software wert sein soll, die wegen unklarer Lizenzbedingungen nicht ohne Weiteres genutzt werden kann. Denn speziell für Unternehmensanwender sei die Lizenzfrage entscheidend, weil sie neuen Code Compliance-gerecht integrieren müssen – oder Investoren vergraulen, wenn sie mit unklarer, sprich: riskanter Lizenzlage arbeiten. Jedoch würden satte drei Viertel der auf Github - eine der größten Codesharing-Plattformen - gehosteten Projekte keine klare Lizenz aufweisen. Auch wenn auf anderen Plattformen der Anteil unklar lizenzierter Projekte sehr viel geringer sei, seien die Lizenzbedingungen von insgesamt 40 Prozent der Open-Source-Projekte nicht eindeutig festgelegt.

choosealicense.com soll Entwicklern die Auswahl der passenden Open-Source-Lizenz erleichtern.

Immerhin, so Odence, hat Github mit der Initiative "Choosing an OSS license doesn’t need to be scary" im Juli 2013 eine Offensive gestartet: Die neue Webseite choosealicense.com soll es mit einer übersichtlichen Informationsaufbereitung vereinfachen, sich für eine Lizenz zu entscheiden (ganz ähnlich wie die Hilfe zur Versionsentscheidung auf den Seiten von Creative Commons). Odence konnte in seinem Vortrag zeigen, dass die Zahl der Lizenzfestlegungen auf Github im Monat nach der Choosealicense-Ankündigung einen Sprung nach oben machte: Die Kurve von Lizenzfestlegungen pro Monat steigt normalerweise relativ gleichmäßig um etwa 1000 pro Monat an, im August 2013 waren es jedoch 3000. Lizenzmarketing scheint sich also zu lohnen, schlussfolgert er.

Der Black-Duck-Vizepräsident übergab die thematische Fackel praktisch direkt an Samsungs US-Forschungsleiter Ibrahim Haddad und seinen Vortrag "The Role of Legal Counsels in Focusing Open Source Compliance on Scaling and Execution". Denn selbst wenn eine quelloffene Software eine klare Lizenz besitzt, geht die Arbeit erst richtig los, wenn ein Unternehmen diese Software verwenden will - vorausgesetzt, das Unternehmen besitzt eine Open-Source-Policy, was Haddad natürlich betont anmahnt. Vor allem in großen Unternehmen wie Google oder eben Samsung bekommen die entsprechenden juristischen Mitarbeiter sehr schnell sehr viel zu tun, so Haddad.

Er gab daher Tipps, mit welchen grundlegenden Informationen sich die Entwickler, Release-Manager und Compliance-Mitarbeiter eines Unternehmens erst einmal selbst helfen können, bevor sie die Rechtsabteilung aufsuchen müssen. Diese Tipps sind als (registrierungspflichtiges) Paper bei der Linux Foundation sowie als Vortragsfolien bei Slideshare einsehbar.

An einer Art Brücke zwischen den Software schreibenden Lizenzgebern und den Software verwendenden Lizenznehmern baut die promovierte Juristin Catharina Maracke. Sie lehrt an der japanischen Keio University, befindet sich aber derzeit für ein Forschungsjahr in Berlin. Zur Eröffnung der LinuxCon am gestrigen Montag hatte der Linux-Foundation-CEO Jim Zemlin noch beherzt gefordert: "Wir brauchen mehr Juristen!" Maracke schmunzelte jetzt in seine Richtung: Ihr Ziel sei stattdessen, die Dinge so einfach zu machen, dass eher weniger Juristen gebraucht würden. Dass das nicht einfach ist, beweist sie allerdings unwillkürlich mit ihrem Vortragstitel, der die steife Juristensprache so unschuldig wie einen herbstlichen Schal mit sich trägt (How to Reduce Friction and Transaction Costs in Intellectual Property Management for FOSS Projects).

"Ich denke, dass Software-Patente schlecht für Innovation sind", beschreibt sie ihre Position vor allem mit Blick auf die Mobilfunk-Patentkriege. "Doch wir müssen uns mit dem Thema beschäftigen, sonst endet das Ganze in einem Desaster." Ihre Ansätze sind zum einen ein standardisiertes Rechtsgerüst, mit dessen Hilfe Nutzungserlaubnisse wie die klassischen Oppen-Source-Freiheiten international und einheitlich zu handhaben sind. Dafür erforscht sie insbesondere in ihrem derzeitigen Forschungsjahr als Fellow der Shuttleworth Foundation, wie Contributor Agreements aussehen könnten, damit sie Entwicklern die Scheu vor der Patentfrage nehmen und gleichzeitig Rechtssicherheit für Anwender bieten.

Zum anderen möchte sie die zugrunde liegende Infrastruktur einer Revision unterziehen. Zum Beispiel, referierte sie, könnte eine Art Agentur als Vermittler zwischen Entwicklern und Nutzern auftreten (ohne allerdings ein Verteilerfunktion wie in der Musikbranche zu übernehmen, denn das, findet Maracke, funktioniere überhaupt nicht). Als mögliche Finanzierungsquelle einer solchen Agentur und ihrer "Stewards" könnte eine weltweit abschließbare Rechtschutzversicherung für Anwaltkosten dienen, die in dem Fall greift, wenn ein Versicherter Rat für den Umgang mit seinem geistigen Eigentum braucht.

"Ich weiß es nicht", bekennt sie, "wir stehen erst ganz am Anfang. Im Moment haben wir nicht mehr als ein Konzeptpapier." Dieses Paper mit dem Titel " Copyright Management for Open Source collaborative projects – inbound licensing models for open innovation" ist seit August 2013 unter CC-Lizenz zum Download verfügbar. Als zweiten Schritt hinein in eine öffentliche Diskussion ist seit Anfang September ein Entwurf für ein Contributor Agreement online, um in Erfahrung zu bringen, was genau ein solches Agreement enthalten muss. Maracke foderte hierfür ausdrücklich zu Kommentaren auf. (Anika Kehrer / odi)

Kommentare

Anzeige
Anzeige