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Kameras und Software in LAN und WWW

Live-Sendung

Praxis & Tipps | Praxis

Zur Videoüberwachung im Heimnetz oder zur Live-Präsentation des Gartenteichs im Internet stehen neben Webcams mittlerweile auch Netzwerkkameras aller Couleur zur Verfügung. Sie bestechen durch einfache Bedienung und geringen Stromverbrauch, während Webcam-Tools flexibleren Einsatz ermöglichen.

Aufmacher

Die erste Webcam zeigte 1993 eine Kaffeemaschine in Cambridge. Studenten kontrollierten an Hand des regelmäßig aktualisierten Bildes den Füllstand der Kanne. Der Kaffee-Voyeurismus wurde Kult und brachte neue, kreative Formen des Privatfernsehens hervor. 1996 dachte eine junge College-Studentin namens Jennifer Ringley, sie sei mindestens so interessant wie eine Kaffeekanne und filmte darauf sich und ihr tägliches Leben in ihrer Studentenbutze - essend und lesend, bekleidet und manchmal auch unbekleidet. Das vermutlich erste Cam-Girl lockte so in seinen Bestzeiten drei bis vier Millionen Besucher täglich an, trat bei David Letterman auf und verdiente sich ein goldenes Näschen.

Mittlerweile hängt der Internet-Kamera ein Schmuddel-Image an, denn leicht oder auch unbekleidete Damen verdingen sich in großer Zahl vor der Kamera zur Freude und Befriedigung eines zahlenden Publikums. Viele Kritiker vergessen darüber die unzähligen familientauglichen Einsatzmöglichkeiten: Im Netz gibt es Schildkröten, Golfplätze, Verkehrsstaus, Polarstationen, botanische Preziosen, den Kölner Dom, Pferderennen, den Robocup und vieles mehr zu bewundern. Eine Auswahl weltweit installierter Kameras bieten www.globocam.com [1] oder www.netcamera.de [2]. Webcam-Bilder auf der eigenen Seite erregen Aufmerksamkeit - der Gaffer-Reflex funktioniert immer.

Lösungen für den Hausgebrauch, die Einzelbilder oder Video-Streams ins Intranet oder auf die eigene Homepage übertragen, sind schnell und kostengünstig realisiert. Der Markt gibt von der einfachsten Webcam bis zur hoch spezialisierten Überwachungskamera ein vielfältiges Angebot möglicher Hardware her. Je nach Präferenz möchte man die Bilder einem breiten Publikum zur Verfügung stellen oder sich das ausschließliche Recht zur Überwachung vorbehalten. Den Ausblick vom Ruderclubhaus kann man getrost auch im Internet publizieren, während die Überwachungskamera im Büro besser vor neugierigen Blicken verborgen bleibt.

Grundsätzlich stehen für beide Anwendungen zwei Möglichkeiten zur Auswahl: Die klassische Lösung vereint eine per USB an den PC angeschlossene Webcam mit dem Tool eines weiteren Anbieters, das die Bilder bereitstellt. Ein breites Spektrum kostenloser und kostenpflichtiger Programme bringt entweder einen FTP-Client zum regelmäßigen Upload einzelner Bilder auf die Homepage oder einen kleinen Webserver mit, der eine HTML-Seite samt Video-Stream hostet. Mit solcher Software lassen sich außer Webcams auch Foto- und digitale wie analoge Videokameras zur Zusammenarbeit mit den Programmen überreden (siehe Artikel auf Seite 147, c't 19/06).

Für die zweite Lösung reicht eine Netzwerk- oder IP-Kamera. Sie enthält bereits einen Webserver und einen SMTP- sowie häufig einen FTP-Client und lässt sich bequem über den Browser konfigurieren. Der Vorteil: Sie lässt sich autark vom PC betreiben, der im anderen Fall durchlaufen muss, Strom verbraucht und Lärm produziert. Viele Netzwerkkameras öffnen aber unter Umständen potenziellen Angreifern Tür und Tor.

Vor der Installation einer Kamera sollte man sich genau überlegen, wo das Gerät stehen beziehungsweise hängen soll und auf wen die Linse blickt. Das allgemeine Persönlichkeitsrecht schützt das Recht auf Achtung und Entfaltung der Persönlichkeit und verbietet das Eindringen in die private Lebensgestaltung des Einzelnen. Das Grundgesetz schützt damit auch das Recht am eigenen Bild. Wer von sich in Anspruch nehmen kann, (zumindest noch) keine Persönlichkeit des öffentlichen Interesses zu sein, hat das Recht auf Schutz seiner Privatsphäre. Das bedeutet, dass niemand ohne Einwilligung Bild- oder Filmmaterial, das andere Menschen zeigt, veröffentlichen darf.

Richtet man eine Kamera auf den eigenen Vorgarten, filmt man unter Umständen vorbeigehende Passanten. Selbst wer Bilder eines verwaisten Parkplatzes aufnimmt, riskiert Ärger, da ein Auto samt Nummernschild immerhin die Anwesenheit einer Person suggeriert. Selbst beim Begehen einer Straftat oder dem Drängeln auf der Autobahn hat der Täter ein Recht auf Schutz. Wer im weitesten Sinne persönliche Daten veröffentlicht, kann Probleme in der Form bekommen, dass der Geschädigte eine einstweilige Verfügung gegen den Hobbyfilmer erwirkt. Im Extremfall muss dieser Schadenersatz leisten.

Webcams übertragen matschige, unscharfe und gering aufgelöste Bilder, diese Einschätzung aus der Anfangszeit der Webcams sitzt vielen noch im Kopf. Mittlerweile jedoch hat sich ein so vielfältiges Angebot entwickelt, dass ein Pauschalurteil vielen Herstellern Unrecht tut. Da die Unterschiede zwischen den Modellkategorien größer sind als zwischen den Herstellern, greifen wir einige Modelle, die zusammen mit geeigneter Software ein Bild auf die Homepage übertragen, exemplarisch heraus.

Für die günstigsten Vertreter wie Logitech Quickcam Express und Creative Webcam Vista Plus gilt das genannte, abschätzige Urteil weiterhin: Sie bringen es gerade einmal auf eine Auflösung von 352 x 288 Pixel (0,1 MPixel). Details bleiben dabei auf der Strecke. Das Bild wirkt außerdem unscharf und verrauscht. Während die Quickcam USB 2.0 unterstützt, bleibt die Creative-Kamera USB 1.1 verhaftet. Bei der geringen Auflösung reicht das jedoch aus.

Creatives Live! Cam Notebook Pro oder Trusts WB-3300p Mini HiRes Webcam bringen es immerhin auf 640 x 480 Pixel. Statt 0,1 kann der Nutzer so mit 0,3 Mega-Pixel aufwarten. Die Kameras zeichnen sich ferner durch ihre geringe Größe aus. Die verglichen mit den ganz billigen Kameras nicht minder matschige Optik der Trust-Kamera sorgt an den Rändern aber für Unschärfe. Selbst mit USB 1.1 kann die Kamerea noch eine Datenrate von 30 Bildern pro Sekunde erreichen. Allerdings lässt sich dann nur eine Kamera betreiben.

Apples über FireWire betriebene iSight-Kamera bietet ebenfalls VGA-Auflösung und zwei unterschiedliche Halterungen. Mit Autofokus und integriertem Mikrofon samt Geräuschfilterung hebt sie sich von anderen Webcams ab, ist aber mit 150 bis 180 Euro recht teuer. Seit dem 1. Juli ist die Kamera in Deutschland nicht mehr im Handel, da sie wegen bleihaltiger Lötverbindungen eine EU-Richtline über die Verwendung gefährlicher Rohstoffe (RoHS) nicht erfüllt. Auf die Frage nach Ersatz antwortete Apple Deutschland, dass die Nachfrage nach der externen Kamera sinke, da die meisten Mac-Modelle inzwischen eine Kamera eingebaut haben. Konkreter wollte sich der Hersteller nicht äußern.

Einige Desktop-Produkte überschreiten mittlerweile die Schwelle der VGA-Auflösung. Logitechs Quickcam Sphere liefert Bilder in ausreichender Schärfe und in einer Auflösung von bis zu 1,3 MPixel (1280 x 960 Pixel). Die Kamera zielt auf den Einsatz im Video-Chat und besitzt daher auch einen 23 Zentimeter hohen Fuß, der die Linse auf dem Schreibtisch in die Nähe des Kopfes bringt. Sie besitzt zwei Servo-Motoren zum Drehen und Schwenken und folgt softwaregesteuert automatisch den Bewegungen vor der Linse. Hat sie das Gesicht des Nutzers einmal erfasst, folgt sie ihm bei ruhigen, fließenden Bewegungen; bei schnellen bleibt sie zuweilen stehen oder sucht in der falschen Richtung weiter.

Sollte man am frühen Morgen - verkatert und unrasiert - nicht vor die Kamera treten wollen, sein Umfeld aber bereits an bewegte Bilder gewöhnt haben, übernimmt ein dreidimensional gerenderter Avatar in Form eines Sauriers, Hais, einer Miezekatze oder eines anderen virtuellen Charakters die Mimik von Mund- und Augenpartie. Die Umsetzung funktioniert leidlich, vermittelt aber immerhin einen Eindruck, ob sich die Person freut oder am Boden zerstört ist.

Creatives Live Cam Voice schießt ebenfalls Bilder in einer Auflösung von 1,3 MPixel und verspricht „intelligente Gesichtsverfolgung“. Sie wartet jedoch nicht mit Servo-Motoren auf, sodass sie vor der Bewegungserkennung in einen Bildausschnitt zoomen muss, um überhaupt Bewegungsspielraum zu haben. Den daraus resultierenden Qualitätsverlust entschädigt die Kamera durch geräuschfilternde Mikrofone und mitgelieferte Software. Diese nimmt in regelmäßigen Abständen oder nach erkannten Bewegungen Fotos auf und lädt diese auf einen FTP-Server oder versendet Alarmmeldungen per E-Mail.

Beide Kameras beherrschen den automatischen Weißabgleich. Bei ockerfarbenem oder bläulichem Hintergrund bekommt das Bild dadurch zuweilen einen Blau- beziehungsweise Rotstich. Bewegt sich der Kamerakopf, kann sich der Farbeindruck plötzlich ändern. Insgesamt überzeugte die Creative-Kamera durch schärfere sowie farbtreuere Bilder, die Quickcam Sphere durch besseres Verhalten bei besonders dunklen oder hellen Lichtverhältnissen. (akr [3])

Soft-Link [4]

[1] i-Hacked, IP-Kameras via Google aufspüren [5]

"Kameras am Netz"
Weitere Artikel zum Thema "Kameras am Netz" finden Sie in der c't 19/2006:
IP- und USB-Kameras, Webcam-Software S. 136
Foto- und Videokameras als Webcams einsetzen S. 147

URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-290658

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.globocam.com
[2] http://www.netcamera.de
[3] mailto:akr@ct.de
[4] https://www.heise.de/ct/06/19/links/136.shtml
[5] http://www.i-hacked.com/content/view/81/42/