Lochfraß in der Kühlschlange

@ctmagazin | Editorial

Lochfraß in der Kühlschlange

Meine Heimatstadt Wolfenbüttel ist bekannt durch die Dauer-Restaurierung ihrer seit 1967 gerüstverhüllten Renaissancekirche, einen herben Kräuterlikör, den man selbst im fernen Südamerika als "Chagermaestro" nach dem Essen einnimmt, und großzügig applizierte Fahrbahnschraffuren, die einen lebhaften Kontrapunkt zum historischen Stadtbild setzen. Weniger bekannt ist es durch die kleine Fachhochschule, die vor zwanzig Jahren das Fundament meines heutigen Wissens zementierte. Schon damals bot man dort die Studiengänge "Energietechnik" (dicke Drähte), "Nachrichtentechnik" (dünne bis überhaupt keine Drähte), "Informatik" (viele Drähte) und "Versorgungstechnik" (Rohre aller Art) unter einem Dach an, ohne zu ahnen, dass die Kombination gerade dieser Fakultäten ein Vierteljahrhundert später aktueller denn je werden würde.

Denn wer neuzeitliche PC-Technik zusammenschraubt, kommt ohne integrative Kenntnis all jener Disziplinen gar nicht mehr aus. Auf modernen Mainboards finden sich Stromstärken, die die Hauptsicherungen jedes Hausverteilerkastens abschmelzen lassen würden, Frequenzen im Zentimeterwellenbereich, die selbst einen gestandenen Radarelektroniker ins Schwitzen bringen (Hochfrequenz ist per se unlogisch) und Energiedichten, die bestenfalls noch ein Siedewasserreaktor zu übertreffen weiß: Umgerechnet muss ein Quadratmeter Pentium 4 der neuesten Generation die Wärmeleistung eines Blockheizkraftwerks loswerden - fast ein Megawatt. Da ist nun auch noch der Versorgungs- und Klimatechniker gefordert, denn im engen PC-Gehäuse lässt sich die beträchtliche Verlustwärme nur noch mit einer Flüssigkeitskühlung halbwegs zuverlässig und lärmarm abtransportieren (siehe Seite 150).

In der Tat bereitet es heute weniger Probleme, noch ein paar Millionen Transistorfunktionen mehr auf dem Prozessor-Die unterzubringen, als deren unvermeidliche Verlustleistung in den Griff zu bekommen. Einige hundert Nanoampere Leckstrom pro Transistor summieren sich in der Masse zu gigantischen Strömen, wenige Femtofarad Parasitärkapazität bei drei Gigahertz zu einem Quasi-Kurzschluss. Ein dauerlaufender Up-to-date-Rechner reicht bereits als Übergangsheizung für die Studentenbude und macht den Kleinverbrauchstarif der Stadtwerke zu einem teuren Luxus, von der ökologischen Fragwürdigkeit einer derartigen Energievergeudung einmal ganz abgesehen.

Als neulich unser wassergekühlter Versuchsrechner leckte, musste ich kurzerhand Kumpel Olli, seines Zeichens gelernter Klempner, zu Hilfe rufen. Der Fall war für ihn klar: Schuld waren die verwendeten Verschraubungen am kupfernen Wärmetauscher, die mit dem Kühlwasser ein elektrolytisches System bildeten. Das, so belehrte er mich, greift das unedlere der beteiligten Metalle an, weshalb man beispielsweise in Brauchwasser-Heizkesseln stets eine so genannte Opfer-Elektrode aus Magnesium montiere. So etwas hatte der Hersteller der PC-Flüssigkühlung natürlich nicht vorgesehen, wodurch der gemeine Lochfraß den Rechner unter Wasser setzte und der überhitzte Pentium mit einer Art Kolbenfresser seinen elektronischen Geist aushauchte.

Olli überlegt nun, ob ihm sein Know-how im Installateurshandwerk nicht bei einer Umschulung zum PC-Techniker dienlich sein könnte. Das Beispiel sollte Schule machen: Wenn Klima- und Versorgungstechnik begleitend zum Informatik-Studium Pflichtfach wird, kann man Wolfenbüttel dank seines überraschend weitsichtigen Bildungswesens bald in einem Atemzug mit Heidelberg und Tübingen nennen - und vielleicht repariert Werbepausenstar Dieter Bürgy in Zukunft nicht mehr nur verkalkte Waschmaschinen, sondern auch nässende PCs.

Carsten Meyer

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