Media-Gewäsch

@ctmagazin | Editorial

Media-Gewäsch

"Rich Media" - Reich(haltig)e Medien? Oder etwa Medien, die reich machen? Gerade erst hat sich der Durchschnittseuropäer mit Streaming-Media abgefunden, schwappt die nächste Welle multimedialen Internetglücks aus den USA zu uns herüber. Nach dem Willen der Marketingstrategen diverser Media-Companies soll Rich Media die Internetwelt mit neuen Bandbreiten verschlingenden Inhalten beglücken.

"Reichhaltig" ist es in der Tat, zumindest wenn es darum geht, den Anwender aus allen Medien-Rohren gleichzeitig unter Beschuss zu nehmen: Synchronisiertes Bild, Ton, Streaming Video und zusätzliche (interaktive) Elemente sollen den Verbraucher in ihren Bann ziehen. Wer so etwas braucht? - Keine Ahnung! Wenigstens die Werbeindustrie sieht Potenzial: Statt langweiliger Bannerwerbung sollen bald ständig wechselnde Videoströme - so genannte "Streaming Ads" - die neuesten Produkte anpreisen.

Marketing-Strategen träumen schon längst vom werbetechnischen Schlaraffenland. Dort würden Force-Feedback-Mäuse mit taktischen Ausweichmanövern dem Griff des Users entfliehen, so lange der die Werbebotschaft nicht zu Ende angehört hat, oder ebensolche Tastaturen den Verbraucher mittels wohltuender Reflexzonenmassage strapazierter Fingerkuppen für entscheidende Werbesekunden auf Websites der Kunden fesseln. Olfaktorische Reize aus Microsofts DirectSmell-Erweiterung würden ihr Übriges tun, um den traumatisierten Surfer zum Online-Kauf diverser Artikel anzuregen. Nebenbei trieft unaufhörlich weichgespülte Musik aus dem Netz ... und der Anwender versinkt in den wabernden Fluten der "reichhaltigen" Medienströme.

Apropos weichgespült: Schon jetzt ähneln sich die Werbe-Slogans von Waschmittelherstellern und Multimedia-Branche außerordentlich. Statt echter Innovationen strapazieren beide den Verbraucher mit neuen Wortschöpfungen: Was dem Hersteller schäumender Tenside Mega, Ultra und Supra - inklusive Weichspüler und Frühlingsduft -, ist dem Internet-Schaumschläger Multi, Streaming und Rich ... bei 30, 60 und 95 °C respektive 56, 300 und 450 kBit/s.

Neben zigtausend ungeduldigen (T-)DSL-Aspiranten dürfte also vor allem die Werbeindustrie großes Interesse an breitbandigen Internetverbindungen haben, um diese mit der nächsten Generation Streaming-Perls und Supra-Streams komplett zuzuschäumen ...

Volker Zota

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