Migrationsleitfaden 4.0 in schlanker Neufassung

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Die vierte Auflage des Migrationsleitfadens der Bundesregierung legt ihren Schwerpunkt auf offene Standards. Das Dokument gibt IT-Verantwortlichen konkrete Hilfestellung bei der Planung und Umsetzung von Software-Migrationen.

Bild: cio.bund.de

Seit der letzten Version des Migrationsleitfadens haben sich nicht nur die darin beschriebene Technik, sondern auch die Rahmenbedingungen des Dokuments gewandelt,das jetzt von der Beauftragten der Bundesregierung für Informationstechnik (Bundes-CIO) herausgegeben wird. Der ihr unterstellte IT-Rat hat inzwischen eine Rahmenarchitektur "IT-Steuerung Bund" definiert, SAGA 5 als verbindlichen Rahmen für IT-Spezifikationen verabschiedet und Dienstleistungszentren des Bundes (DLZ-IT) bestimmt.

All das sind Gründe genug für eine Neufassung des Migationsleitfadens, die neben der Aktualisierung eine Verschlankung und bessere Lesbarkeit bringen sollte. Das Bundesinnenministerium beauftragte dazu die 4Soft GmbH im Rahmen des Drei-Partner-Modells. Der Migrationsleitfaden 4.0 wurde nach einem öffentlichen Review zur CEBIT 2012 veröffentlicht.

Das Dokument zielt auf IT-Entscheider und bietet einen guten Einblick in wichtige Aspekte von Software-Migrationen. Der Migrationsleitfaden besteht aus einem Hauptdokument mit fünf Kapiteln und zwei Begleitdokumenten zu den wirtschaftlichen und rechtlichen Aspekten von Software-Migrationen. Das Hauptdokument definiert die wesentlichen Begriffe und Zusammenhänge rund um Software-Migrationen, nennt allgemeine Kriterien für erfolgreiche Migrationen, behandelt technische Migrationsziele und schließt mit einem kurzen Kapitel über Zukunftsthemen der IT.

Die vierte Auflage des Migrationsleitfadens definiert erstmals Kriterien zur Abgrenzung von Aktualisierung, fortführender und ablösender Migration. Dadurch ist es IT-Entscheidern schnell und einfach möglich, ihr Vorhaben und seine Auswirkungen einzuordnen.

Ein Kernthema der vierten Auflage sind offene Standards, deren Förderung sich auch die IT-Beauftragte auf die Fahnen geschrieben hat. Besonders interessant ist der Vergleich verschiedener Ansätze zur Definition des zentralen Begriffs "offener Standard". Der Migrationsleitfaden kommt dabei zu dem Schluss, dass die "Mindestanforderungen an die Offenheit" aus SAGA nicht ausreichen und nimmt daher die Kriterien der FSFE-Definition hinzu. Die Zusammenhänge zwischen Konformität und Interoperabilität werden erklärt und die Vorteile offener Referenzimplementierungen betont.

Die Migrationswege Stichtagsumstellung und schrittweise Migration werden gegenübergestellt. Der Migrationsleitfaden analysiert deren Vor- und Nachteile und gibt Empfehlungen, wann welcher Weg sinnvoll ist. Ein Vergleich der grundlegenden Lizenzierungsvarianten Open-Source-, Open-Core- und proprietäre Software sowie ein Exkurs zur Historie von Open-Source-Software runden das Kapitel "Begriffe" ab.

Im nächsten Abschnitt geht es um die allgemeinen Kriterien von Software-Migrationen. Hier wird das Handwerkszeug eines IT-Verantwortlichen beschrieben. Das Kapitel behandelt die Ziele und Vorgehensweise sowie organisatorische und betriebliche Belange. Der Bezug zu ITIL wird dabei genauso betrachtet wie strategische, qualitative und sicherheitsrelevante Aspekte.

Ebenfalls enthalten sind die Kernaussagen der beiden Begleitdokumente zu rechtlichen und wirtschaftlichen Aspekten. Der Leser erhält mit diesem Kapitel einen roten Faden, der ihn sicher durch die vielen Begleitthemen einer technischen Migration führt. Veranschaulicht wird der Nutzen dieses Handwerkszeugs in einem Erfahrungsbericht des LiMux-Projekts.

Im folgenden technischen Teil werden die Migrationsgebiete beleuchtet. Die Beschreibung einzelner Migrationspfade in den verschiedenen IT-Bereichen von der Netzwerkinfrastruktur bis zu den Office-Suiten wurde aufgegeben. Stattdessen findet der Leser nun eine Methodik zum Vorgehen und zur Bewertung von Produkten. Die Methodik umfasst die Ist-Analyse, die Sollkonzeption und Kriterienlisten für die Produktbewertung. Die in Frage kommenden Produkte werden kurz beschrieben und anhand der Kriterien tabellarisch verglichen. Die einzelnen Abschnitte schließen mit Empfehlungen und einer Migrations-Checkliste. Die untersuchten Produkte wurden nach Marktführerschaft, Behördenverbreitung und OSS-Alternative ausgewählt.

Inhaltlich sind die Migrationsgebiete in die Bereiche "Infrastruktur" und "Desktop und unterstützende Systeme" eingeteilt und decken zentrale IT-Gebiete ab. Dabei geht der Migrationsleitfaden in jedem Gebiet in die technischen Details. Bei den Groupware-Lösungen beispielsweise vergleichen die Autoren MS Exchange Server, Zarafa und Kolab anhand von Kriterien zu Funktionen, Protokollen, Sicherheit und Konnektivität. Dabei liefert der Migrationsleitfaden fundierte Argumente für einen Wechsel weg vom Marktführer und weist nach, dass der Einsatz der betrachteten Exchange-Alternativen angesichts deren vollständiger Ausrichtung auf offene Standards, deutlich günstigerer Gesamtkosten und nachrangiger Komforteinbußen zu empfehlen ist.

Zum Abschluss wagt der Migrationsleitfaden einen Blick in die IT-Zukunft. Er setzt das Thema "Cloud Computing" in einen Zusammenhang mit den Dienstleistungszentren des Bundes und zeigt, in welche Richtungen sich Standards entwickeln könnten. Zudem spekuliert er über den Einsatz von DE-Mail und nPA im Zusammenhang mit Web-Angeboten des Bundes.

Die Ausrichtung des Migrationsleitfadens auf offene Standards wird in seinem Fazit zur Integration deutlich: "Offene, standardisierte Schnittstellen und Protokolle sind ein wichtiges Mittel zur Sicherung von Herstellerunabhängigkeit und Flexibilität. Sie bringen dadurch langfristig mehr Vorteile als ein hoher Integrationsgrad. Ist zudem der Quellcode der eingesetzten Produkte offengelegt, können Interessierte die Produkte weiter entwickeln, Erweiterungen einbringen oder alternative Implementierungen realisieren. Die Investitionssicherheit der Produktnutzer wird dadurch maximiert, alle Beteiligten profitieren gleichermaßen von Weiterentwicklungen.“

Der Migrationsleitfaden hat in seiner neuen Fassung an Aussagekraft gewonnen. Der Leser wird die Konzentration auf wenige zentrale IT-Themen dankend annehmen. Die Vergleichbarkeit der Produkte hilft ihm herauszufinden, welche Lösungen offene Standards wie gut unterstützen. Damit löst der Migrationsleitfaden sein Versprechen ein, zur Durchsetzung offener Standards in zentralen IT-Gebieten beizutragen. Und dies, obwohl der Umfang des Hauptdokuments von 543 auf 195 Seiten reduziert wurde. Die Schlankheitskur hat dem Migrationsleitfaden offensichtlich gut getan. (odi)


Bernd Weber ist Mitautor des Migrationsleitfadens. Er arbeitet bei der 4Soft GmbH.

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