Mit Schwung vor die Wand

Dosenpfand: zwischen technischen Problemen und politischen Ränken

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Die Deutsche Pfandsystem GmbH (DPG) hat sich gegen ein unter Federführung der Bundesdruckerei entwickeltes Sicherheitsverfahren entschieden, nachdem es sich im Feldversuch einfach überlisten ließ. Im Mai 2006 soll die allgemeine Rücknahmepflicht für Einweggetränkeverpackungen in Kraft treten. Bis dahin braucht man eine neue Lösung, die Betrugsversuche an Automaten unterbindet, doch die Zeit wird knapp.

Weltweit gibt es derzeit rund dreißig Einwegpfandysteme. Davon setzt nur das dänische Rücknahmesystem auch Sicherheitstechnik ein. Das 2003 installierte System arbeitet mit Infrarotfarbe. Auch in Deutschland setzen Industrie und Handel auf Sicherheit, denn das Betrugspotenzial soll enorm sein: Verglichen mit den meisten der neun Nachbarländer ist das in Deutschland erhobene Pfand von 25 Cent hoch und der Einsatz der Rücknahmeautomaten erfolgt in einem anonymen Umfeld. Der Einzelhandel fürchtet daher, dass im Ausland mit wenig oder ohne Pfand gekaufte Flaschen und Dosen in Deutschland eingelöst werden - also Pfandtourismus.

Der ursprünglich auserkorene Betrugsschutz für pfandpflichtige Einwegverpackungen bestand in einer fluoreszierenden Sicherheitstinte, mit der die Flaschen und Dosen markiert werden sollten. Doch Lidl-Mitarbeiter besorgten sich eine frei verfügbare fluoreszierende Farbe und markierten damit einige Behälter. Diese wurden prompt von den Leergut-Geräten akzeptiert. Über die Gründe für diese Versuche lässt sich nur spekulieren, da Lidl dazu keine Stellungnahme abgibt. Vermutlich will der Discounter die Einführung eines teuren Sicherheitssystems verhindern und präferiert die viel günstigere Barcode-Erkennung ohne Sicherheitsmerkmale.

Ab 1. Mai 2006 muss jeder Laden, der Getränke in Dosen oder Einwegflaschen aus Kunststoff oder Glas verkauft, alle pfandpflichtigen Verpackungen zurücknehmen. Ausgenommen sind Packungen für Milch, Säfte und Wein. Eine hochkomplexe Infrastruktur soll dafür sorgen, dass die Auszahlungen korrekt zugeordnet werden können. Diese Infrastruktur wird nach Schätzung des Einzelhandels bis zu 1,5 Milliarden Euro kosten.

Vergrößern Der Einzelhandel will sich mit einem Sicherheitssystem vor der Rückgabe von Einwegverpackungen schützen, für die - etwa im Ausland - kein Pfand bezahlt wurde. Die bislang getesteten Lösungen mit UV- und infrarotempfindlicher Farbe ließen sich jedoch leicht austricksen. Bild: Roland Berger

Darüber, wie aufwendig und sicher das Rücknahmesystem sein soll, entscheiden Handel und Industrie. Sie gründeten für den Aufbau der Infrastruktur im Juni 2005 die Deutsche Pfandsystem GmbH (DPG). Schon im Juli schloss die DPG einen Vorvertrag mit der Bundesdruckerei als Generalunternehmerin für ein Sicherheitsverfahren ab. Das System der Bundesdruckerei erkennt eine UV-Sicherheitsfarbe, die auf die Verpackungen gedruckt wird. Für die Farbe sprach, dass Kassen, an denen Leergut angenommen wird, in der Regel bereits über UV-Lampen zur Geldscheinprüfung verfügen.

An einem umfangreichen Feldtest mit 50 Millionen gekennzeichneten Verpackungen nahmen die Händler Lekkerland, Lidl, Kaufland, Plus und Spar gemeinsam mit einer Reihe von Automaten- und Etikettenherstellern teil. Aus kartellrechtlichen Gründen musste die Bundesdruckerei die technische Verfahrensbeschreibung der Auslesetechnik gegenüber zwanzig Automatenherstellern offen legen. Die mussten schließlich ihre Automaten für das Verfahren mit frei beziehbaren Standardkomponenten aufrüsten.

Nachdem Lidl die Untauglichkeit der Farbe vorgeführt hatte, räumte die DPG der Bundesdruckerei, dem Tinten-Lieferanten sowie dem Entwickler der Erkennungskamera, Tomra Systems, drei Wochen Zeit zur Nachbesserung ein. Statt des bisher vorgesehenen Ein-Punkt-Messverfahrens wurde nun ein so genanntes Mehr-Punkt-Messverfahren getestet. Wolfgang Ringel, bei Tomra Systems zuständig für Business Development Europe, erklärte gegenüber c't, dass sich die Werte der Lidl-Farbe mit der Sicherheitsfarbe in dem Messfenster überschnitten hatten. Mit einem Mehr-Punkt-Messverfahren sei dies jedoch ausgeschlossen, da rund 300 Messpunkte der Farbkurve ausgelesen würden. Um dann noch gültige Werte zu erhalten, müsste die Farbe mit dem Original identisch sein. Die eingesetzte UV-Farbe mit speziellen Pigmenten würde jedoch exklusiv für die Bundesdruckerei hergestellt.

Allerdings, so ist aus Kreisen der Automatenhersteller zu hören, soll das Mehr-Punkt-Messverfahren erheblich teurer sein als das Ein-Punkt-Messverfahren. Dies betrifft nicht nur die Hersteller der Leergut-Automaten, sondern auch die der für die Zählzentren vorgesehenen Automaten. Hierfür sind Auslesetechniken erforderlich, die den Anforderungen eines Großautomaten entsprechen. Sie müssen einen hohen Durchsatz bewältigen und die Sicherheitsmerkmale in Bewegung mit hohen Lesegeschwindigkeiten erkennen können.

Ob die teure Lösung erfolgreich war, ist nicht zu erfahren. Mitte Dezember beschloss die DPG jedenfalls den Umstieg auf ein anderes System, das mit Infrarotfarbe arbeitet. Die Bundesdruckerei erstellte dafür eine neue Verfahrensbeschreibung, um die Hersteller von Rücknahmeautomaten und elektronischen Erkennungssystemen in die Lage zu versetzen, ihre „Entwicklungen an die neuen Umstände anpassen zu können.“

Das Infrarotverfahren hatte in dem von Industrie und Handel gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen Roland Berger durchgeführten Auswahlverfahren hinter den UV-Verfahren der Bundesdruckerei den zweiten Platz belegt. In Herstellerkreisen gilt das Infrarotverfahren keineswegs als sicherer. Anders als bei der von der Bundesdruckerei eingesetzten UV-Farbe, die exklusiv gefertigt und ausgeliefert wurde, gibt es für die Infrarotfarben mehrere Hersteller. Tests haben gezeigt, dass es nur rund zwei Stunden dauert, einen Inkjet-Drucker so umzurüsten, dass sich damit Flaschenetiketten mit Infrarotaufdruck fälschen lassen.

Eine Alternative zur optischen Erkennung ist der elektromagnetische Mikrofaden. Der haarfeine, nahezu unzerreißbare Mikrofaden enthält eine Legierungsseele aus fünf Metallen. Er ist gegen chemische Einflüsse resistent, da er mit Glas ummantelt ist. Für den Faden spricht, dass sich eine elektromagnetische Kennung nicht hacken lässt. Sie wird nämlich über Legierungszusammensetzungen und einen gesteuerten Abkühlprozess in der Produktion bereits festgelegt. Die Kennung wiederum wird einem Gegenstand zugeordnet. Das Auslesegerät stellt dann fest, ob die Kennung existiert und entwertet sie.

Entwickelt in der Sowjetunion, wurde die Technologie vor allem im militärischen Bereich eingesetzt. Verfügbar ist der Mikrodraht heute auf der Basis spezieller Verträge. Für das Pfandsystem bietet die schweizerische Adaxys eine Mikrofaden-Lösung an, die auch mit einem Balkencode arbeitet. Allerdings stellte sie ihr System erst vor, nachdem die DPG sich bereits für einen Vorvertrag für das System der Bundesdruckerei entschieden hatte. In einer vergleichenden Auswertung nach der von der Harvard Business School entworfenen Critical-Success-Factor-Analyse schneidet der Mikrofaden am besten ab. Untersucht wurden sieben Bereiche wie Label, Hardware, Umfeld, Handling, Logistik, Betrugserkennung und Kommunikation. Verfahren, die sich in der Praxis bewähren sollen, müssen mindestens 70 Prozent erreichen. Der Mikrofaden erreichte 94,5 Prozent - die optische Farberkennung hingegen nur 25 Prozent.

Bemerkenswerterweise entschied sich die DPG von Anfang an für ein Pfandsystem mit Sicherheitstechnik, obgleich weltweit alle bis auf das dänische ohne auskommen. Gleichwohl wählte sie im zweiten Schritt nicht das in Dänemark erprobte Infrarotsystem aus, sondern die nur im Bankenwesen bewährte UV-Erkennung. Der Hack war nur eine Frage der Zeit, da die Teilnehmer des Feldtests mit den technischen Spezifika vertraut waren. Der ungleich sicherere Mikrofaden hingegen hatte nie eine Chance.

In Herstellerkreisen und Verbänden wertet man das Scheitern des UV-Verfahrens als erneuten Anlauf, das einheitliche Pfandsystem generell zu demontieren. Der Einzelhandel begründe mit dem Scheitern seines selbst gewählten Sicherheitsverfahrens, dass das Einwegpfand als solches nicht organisierbar sei. Günther Gunder vom Verband des Getränkefachgroßhandels erklärte: „Dies zeigt, dass die Diskussion in Deutschland politisch geführt wird und nicht sachorientiert ist. Das Scheitern soll der Politik signalisieren, dass man längere Umsetzungsfristen brauche - oder die Sache gar ganz in Frage stellen.“

Roland Demleitner, Geschäftsführer des Bundesverbands mittelständischer Privatbrauereien, dem stärksten Interessensverband der Brauereiwirtschaft, sagte: „Es ist zu bestreiten, ob man das Sicherheitssystem überhaupt braucht. Es gab vier Jahre Zeit, sich auf die Situation einzustellen und vielfältig angebotene technische Möglichkeiten umzusetzen. Wenn man die Zeit verstreichen lässt, ist das ein Zeichen für Unfähigkeit oder Bösartigkeit.“ Die Chancen für eine Pfand-Demontage stehen nicht schlecht: Der neue Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hatte schon als niedersächsischer Ministerpräsident das Einwegpfand abgelehnt. Nun ist er in einer guten Position, um eine Änderung der gesetzlichen Grundlagen anzustoßen. (ad)

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