Mobilfunk-Eldorado

Mobile World Congress 2009 in Barcelona

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In Barcelona gibt sich die Mobil-Industrie vom 16. bis 19. Februar ein Stelldichein, diskutiert über die Zukunft von Funknetzen, Software-Plattformen, mobilen Diensten und präsentiert die kommende Handy-Generation.

Der von der Industrievereinigung GSM Association (GSMA) veranstaltete Mobile World Congress in der katalonischen Hauptstadt und die daran angeschlossene Ausstellung gehören zum Pflichtprogramm der Mobilfunk-Unternehmen. Auch 2009 werden hier die Trends des Jahres gesetzt, neue Hard- und Softwaretechniken sowie die kommenden Handys und Smartphones vorgestellt.

Während immer mehr Hersteller der CeBIT in Hannover den Rücken kehren, bleibt die Ausstellerzahl in Barcelona mit über 1300 Ständen auf hohem Niveau. Kein Wunder, bestehen die mehr als 50 000 Besucher, mit denen die GSMA auch in diesem Jahr rechnet, fast ausschließlich aus Fachpublikum und Entscheidern; kaum ein Privatbesucher wird sich die 600 Euro leisten wollen, die ein 4-Tage-Ticket allein für die Ausstellung kostet.

Als Sprecher auf dem Kongress treten laut GSMA unter anderem die CEOs von Microsoft, Nokia und AT&T Mobility, Steve Ballmer, Olli-Pekka Kallasvuo und Ralph de la Vega auf; für die Veranstaltung Mobile Backstage haben Showgrößen wie Kevin Spacey und Black-Eyed-Peas-Frontmann will.i.am zugesagt.

Smartphones mit Touchscreen liegen weiterhin im Trend. Die meisten Endgeräte-Hersteller, die man hauptsächlich in der Halle 8 findet, dürften neue Modelle mit per Finger bedienbarem Bildschirm vorstellen. Nokia wird sein Flaggschiff N97 mit einem 3,5-Zoll-Display, ausziehbarer Qwertz-Tastatur und 32 GByte Speicher zeigen; weitere Smartphones mit der Touchscreen-Bedienoberfläche S60 5th Edition sind zu erwarten.

Viele Hersteller setzen auf Windows Mobile oder auf das Linux-Mobilbetriebssystem Android. Kurz vor dem MWC hat Toshiba das TG01 vorgestellt, das erste Smartphone mit Qualcomms Chipsatz Snapdragon, der unter anderem einen mit 1 GHz getakteten Hauptprozessor enthält. Über eine von Toshiba entwickelte Bedienoberfläche lässt sich das knapp 10 Millimeter dünne Touchscreen-Gerät per Finger bedienen.

HTC stattet seine Windows-Smartphones schon länger mit einer solchen, TouchFlo genannten Oberfläche aus. Der taiwanische Hersteller wird voraussichtlich nicht nur sein Portfolio an Windows-Mobile-Geräten vergrößern, sondern nach dem Google-Phone G1 zudem weitere Modelle mit Android vorstellen. Auch andere Hersteller wie Asus, LG, Samsung und Sony Ericsson – allesamt Mitglieder des Android-Konsortiums Open Handset Alliance – könnten erste Geräte mit dem Linux-System im Gepäck haben.

Zu den Newcomern auf dem Smartphone-Markt gehört Acer. Die Nummer drei auf dem weltweiten PC-Markt hat den taiwanischen Smartphone-Spezialisten E-Ten gekauft und will in Barcelona erste Windows-Mobile-Modelle vorstellen. Spannend wird es in der VIP-Lounge von Palm: Ausgewählten Besuchern will man dort einen ersten Blick auf die UMTS-Version des Touchscreen-Smartphones Pre gewähren. Das als scharfer iPhone-Konkurrent gehandelte Surf-Telefon mit dem Betriebssystem WebOS – ebenfalls ein Linux-Ableger – gibt es bislang nur für US-amerikanische CDMA/EVDO-Netze.

Seit dem gescheiterten Versuch, mit DVB-H mobiles Fernsehen in Deutschland einzuführen, stößt das Thema Mobil-TV hierzulande nur auf wenig Interesse. Für andere europäische Länder wie Italien gilt dies allerdings nicht. Daher dürfte es weitere Mobiltelefone mit DVB-H-Empfänger zu sehen geben. LG Electronics setzt – auf dem deutschen Markt – stattdessen auf das frei empfangbare Digitalfernsehen DVB-T und zeigt außer dem KB770 mit 3-Zoll-Touchscreen vermutlich weitere DVB-T-Handys.

Gerüchten zufolge soll sich Samsung auf Fotohandys konzentrieren und ein Modell mit eingebauter 12-Megapixel-Kamera ankündigen. Das 8-Megapixel-Modell S8300 mit OLED-Touchscreen stellte das Unternehmen schon vor dem Start des MWC vor. Schon 2006 zeigte der Hersteller ein Handy mit zehn Megapixeln, das sogar auf den Markt kam – allerdings nur in Korea. Interessanter dürften nach dem Knipstelefon G800 weitere Modelle mit einem optischen Zoom sein. Motorola hat mit dem ZN5 erst 2008 sein erstes auf Fotos spezialisiertes Handy herausgebracht. In Barcelona will sich der US-Hersteller aber auf Netzwerk-Technik konzentrieren.

Viele Geschäftsleute und Nutzer mobiler E-Mail-Dienste legen Wert auf eine richtige Qwertz-Tastatur. Nokia dürfte seine Eseries-Business-Modelle mit passenden Geräten erweitern, ein dem E51 ähnliches Handy namens E75 mit seitlich ausschiebbarer Tastatur geistert bereits durch die einschlägigen Foren. Blackberry-Hersteller RIM wechselt stattdessen mit dem tastaturlosen Blackberry Storm zum Touchscreen.

Das wachsende Interesse an Smartphones kurbelt auch die Nachfrage nach passender Software an: Über 500 Millionen Downloads konnte Apples App Store seit seinem Start verzeichnen.

Nun wollen sich weitere Mobilsoftware-Anbieter eine goldene Nase verdienen. Auf Googles Programm-Website Android Market gibt es demnächst Bezahlsoftware. Samsung will einen eigenen Shop starten, Blackberry, Palm und Microsoft werden wohl nachziehen. Microsoft-Chef Steve Ballmer erscheint persönlich in Barcelona, was viele Experten als Zeichen für gestiegenes Interesse am Mobilgeschäft sehen. Ein grundlegend überarbeitetes Windows Mobile 7 ist überfällig; zumindest sollte Ballmer Windows-Mobile 6.5 im Gepäck haben.

Mit integrierten GPS-Empfängern eignen sich immer mehr Handys auch zum Navigieren. Nokia stellt voraussichlich die Version 3.0 der Handynavigation Nokia Maps vor. Navi-Hersteller rüsten ihre Geräte wiederum mit Mobilfunk aus, damit diese jederzeit aktuelle Verkehrs- und Kartendaten erhalten. Garmin arbeitet beim Nüvifone nun mit Asus zusammen, was die Entwicklung beschleunigen sollte. Das bereits vor einem Jahr angekündigte, aber bislang nicht auf dem Markt erschienene Modell G60 tauchte schon auf den Vaporware-Listen auf. Nun soll unter dem Label Garmin-Asus eine ganze Smartphone-Serie folgen. Die grafische Oberfläche für das Nüvifone soll bereits fertig sein, nur für ein Betriebssystem konnte sich Garmin noch nicht entscheiden.

Navigon wird mit seiner Navigations-Software für Smartphones MobileNavigator 7 vor Ort sein. Der von Vodafone übernommene Navigon-Konkurrent Wayfinder zeigt vermutlich erste ortsbezogene Dienste. Location Based Services ist eines der großen Themen der Messe; innovative Software in dem Bereich kürt Navteq im Rahmen des Wettbewerbs Navteq Global LBS Challenge.

Bei den beiden großen Kartenanbietern hat sich im vergangenen Jahr viel getan: Tele Atlas gehört nun zu TomTom, und der von Nokia übernommene Anbieter Navteq hat das Verkehrsmeldesystem T-Traffic gekauft. Das verspricht interessante Synergie-Effekte auf dem Navi-Markt.

Das mobile Internet bleibt ein Wachstumsmotor in der Handy-Industrie. Das zeigen die Statistiken, die Opera aus der Nutzung seines kostenlosen Browsers Opera Mini generiert, deutlich: Im Dezember 2008 nutzen 17,8 Millionen Anwender Opera Mini, 8,6 Prozent mehr als im Vormonat. Die Seitenabrufe insgesamt nahmen seit Dezember 2007 um 312 Prozent zu.

Entscheidend für die Akzeptanz des mobilen Internet ist die Qualität der Browser und Internet-Anwendungen. Auf dem MWC werden Opera und der japanische Hersteller Access neue Versionen ihrer Browser vorstellen. Ditech, Materna und Nuance zeigen Lösungen, mit denen man Web-Anwendungen per Sprache steuern kann, was weniger umständlich sein soll als das Gepfriemel mit Minitasten und Touchscreens.

Wer einen Eindruck von der Zukunft des mobilen Internet erhalten möchte, sollte am Montagnachmittag das Messegelände in Richtung des Palau de la música catalana verlassen. Dort vergibt der Mobile Monday, eine globale Gemeinschaft von Mobil-Enthusiasten, die Mobile Peer Awards – Preise für viel versprechende Startup-Unternehmen. Einige der Nominierten beschäftigen sich mit sozialen Netzwerken, etwa das Berliner Unternehmen aka-aki oder Xumii, das Informationen aus diversen sozialen Netzen und Instant-Messaging-Plattformen zusammenträgt.

Dass das Handy, ohnehin so etwas wie die soziale Netzzentrale des modernen Nomaden, sich gut mit sozialen Netzen im Web ergänzt, sollte jeder seit dem letztjährigen MWC verinnerlicht haben, auf dem Yahoo seinen Social-Media-Dienst oneConnect vorgestellt hat. In diesem Jahr dürfte ein wildes Hauen und Stechen um die Vorherrschaft auf diesem reizvollen Feld anstehen. Im Vorfeld des MWC etwa hat bereits Google mit Latitude seinen Hut in den Ring der mobilen sozialen Netzwerke geworfen (siehe S. 54 der c't 03/09). Aber um Marktanteile streiten auch Handy-Hersteller wie Nokia mit seinem Ovi und Provider wie Vodafone, der 2008 die Community Zyb übernommen hat.

Bei den Netzzulieferern wie Ericsson, Motorola oder Nokia Siemens steht weiterhin die kommende, komplett auf den Datentransfer ausgelegte Mobilfunk-Generation auf dem Programm. Das Long Term Evolution (LTE) genannte Netzwerk soll mit Transferraten jenseits von 100 MBit/s nach der Vorstellung der Hersteller schon bald Wirklichkeit werden. Motorola baut zurzeit ein Testnetz in Großbritannien, weitere Tests im freien Funknetz sind im Gange. Für Netzbetreiber wie T-Mobile oder Vodafone dürfte jedoch zunächst ein Ausbau von HSPA auf HSPA+ (maximal 28,8 MBit/s) interessanter – und billiger – sein.

Auch werden die meisten Infrastruktur-Lieferanten Picozellen im Reisegepäck haben, Basisstationen in Taschenbuchgröße, die via Festnetz angebunden HSDPA in alle Wohn- und Arbeitsräume bringen sollen. Das funktioniert jedoch nicht ohne die Netzbetreiber, die ein Angebot schaffen müssen, das mit billigem WLAN konkurrieren kann.

Für die Kunden der Netzbetreiber ist die anstehende deutliche Verbesserung der Sprachqualität beim Mobiltelefonieren interessanter. Eigentlich sollte der Sprachcodec AMR-WB (Adap-tive Multi Rate – WideBand), mit dem sich Frequenzen bis 7 kHz übertragen lassen, schon 2008 eingeführt werden. Doch fehlt der Codec bislang in den Netzen. Im Handy diente er bislang nur für Sprachnotizen und Klingeltöne, nun hat Nokia die ersten Telefone mit AMR-WB als Telefonie-Codec vorgestellt (siehe auch S. 54 der c't 03/09). In Barcelona dürften auch die Netzbetreiber erste Ankündigungen dazu machen.

Access: Courtyard 3(0), CY10
Acer: Courtyard CY07
Asus: Halle 7, HS19, HS22
Ditech: Halle 2(0), E35
Ericsson: Halle , B2, Halle 8, A171
Garmin: Halle 7, C37
HTC: Halle 1, B22
LG Electronics: Halle 8, B192, B197
Materna: Halle 1(0), G05
Microsoft: Halle 1, D19
Mobile Peer Awards: Palau de la m˙sica catalana, C/ Sant Pere Més Alt
Motorola: Halle 8, A159
Navteq: Halle 1, G45
Navigon: Halle 2(0), B09
Nokia: Halle 8, B169
Nokia Siemens Networks: Halle 8, B157
Nuance: Avenue 90
Opera: Halle 2(0), 2B77
Palm: Courtyard CY09
Qualcomm: Halle 8, B28, B53
RIM: Halle 8, B91
Samsung: Halle 8, A139
Sony Ericsson: Halle 8, B56
Tele Atlas: Halle 8, C118
Toshiba: Halle 8, A111, AV68
Wayfinder: Halle 1, J33

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