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CeBIT Home gibt Hoffnung auf Konsumbelebung

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Mit großem Aufwand sucht die Wirtschaft breite Kreise auf die 'multimediale Zukunft' einzustimmen. Die CeBIT Home steht als ein Vorhut-Sieg in der Schlacht um die Kaufkraft der konsummüden Endverbraucher.

Schwermut lag über der Leinestadt, Tiefdruckgebiet 'Winnie' hatte sich über Norddeutschland eingenistet und peitschte einen Regenschauer nach dem anderen über das Messegelände. Ein schlechtes Omen für den Start der neu konzipierten Messe des 'multimedialen Zeitalters'.

Namhafte Hersteller hatten im Vorfeld bereits abgewunken, 556 deutsche Firmen sagten schließlich zu. Lediglich 87 ausländische Anbieter nahmen an dem fünftägigen Ereignis teil. Wer statt Unterhaltung lieber einen Firmenkontakt suchte, erlebte herbe Enttäuschungen.

Doch das Wochenende versöhnte die Organisatoren wieder mit der Messewelt, und am Sonntag - zum Messeschluß - schwärmte Hubert Lange, Mitglied des Vorstandes der Deutschen Messe AG, von einem 'Traumstart'. Die Zahl von rund 210 000 Besuchern habe die Erwartungen weit übertroffen.

Auch die 643 Aussteller zeigten überwiegend (zu 72%) Zufriedenheit.

Das Ereignis sollte von vornherein zum Erfolg werden. Die vor sich hin darbende Wirtschaft sucht händeringend Bereiche, in denen noch eine deutliche Expansion erfolgen kann.

Neidisch blickten die Marketingstrategen anderer Branchen auf die Computerleute, vornehmlich die Verwandtschaft aus der Unterhaltungsbereich. Philips muß 6000 Stellen, vor allem im Bereich 'Konsumentenelektronik' streichen. Eine halbe Milliarde Gulden Verlust im zweiten Quartal 1996 meldete der niederländische Konzern, im Vorjahr stand noch ein etwa gleich großer Betrag auf der Habenseite. 'Wir werden alles nach dem Vorbild der Computerbranche organisieren', tönt der für die Philips-Finanzen zuständige Dudley Eustace - was bedeutet, Produktionsstätten in Billiglohnländern zu nutzen und die Herstellung weltweit zu standardisieren. Dies alles geschieht bei, so Eustace, 'anhaltend schwacher Nachfrage'.

Trotz großer Anstrengungen gelingt es nicht, breite Schichten für Neuerungen zu gewinnen. Mit der Fernsehnorm 16:9 will es so recht nichts werden, und was das Digitalfernsehen anbetrifft, haben zumindest die Deutschen schon abgewunken: 89 Prozent denken - einer Forsa-Umfrage zufolge, die die 'Woche' veröffentlicht hat - nicht daran, sich digitales TV ins Haus zu holen und dafür Gebühren zu bezahlen.

Die deutschen Konjunkturastrologen wiegen bedenklich ihr Haupt, Hiobsbotschaften aus allen Winkeln des Wirtschaftsgefüges umschweben sie wie die graue Wolke der Depression:

  • Auftragsrückgang im Maschinenbau um mehr als zwei Prozent im ersten Halbjahr, Abbau von 20 000 Arbeitsplätzen,
  • über 8000 Unternehmen mußten im ersten Quartal die Zahlungsunfähigkeit eingestehen. Das Statistische Bundesamt registrierte eine im Vergleich zum Vorjahr um 16% erhöhte Quote und prognostiziert für 1996 einen Pleitenrekord,
  • die Gesellschaft für Konsumforschung konstatiert einen 'weiteren Rückgang der ohnehin geringen Konsumneigung der Deutschen'.

So blieb nur der Frontalangriff auf die jungen Käuferschichten. Mit Speck fängt man Mäuse: ein aufwendiges Show-Rahmenprogramm mußte den Nachwuchs für die anstehende 'Basisdurchdringung' deutscher Eigenheime einstimmen. Hier stehen prozentual gesehen nur halb so viele PC wie in den USA (40%). Insgesamt geht lediglich etwa ein Drittel der Produktion zum 'Consumer', den Rest erstehen gewerbliche Kunden. Erst zur Jahrtausendwende hoffen Marktforscher auf ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen beiden Segmenten.

Da mußten die 'Kelly Family' eine Delegation entsenden, die Teenie-Gruppe 'Caught in the Act' trällern und die Technofraktion der Musikszene eine Nacht lang die Vibrationsfestigkeit der Messehallen testen.

Nicht von allen Seiten war Jubel zu hören. 'Sehr aufmerksam' betrachten die Organisatoren der Berliner Funkausstellung (IFA) die Entwicklung. Ein IFA-Sprecher äußerte, die Konkurrenz zwischen Funkausstellung und CeBIT Home sei nicht zu verhehlen, es gebe viele Themenüberschneidungen, doch man habe bereits in der Vergangenheit viele 'Angriffe' anderer Messestädte mit Erfolg zurückgeschlagen. IFA und CeBIT Home finden jeweils im Zweijahresturnus statt, die nächste IFA öffnet 1997, die nächste CeBIT Home 1998 ihre Tore.

Begleiten Sie auf den folgenden Seiten die Redakteure der c't bei ihrem multimedialen Bummel durch die Messehallen. (fm)

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