Multimedialer Volkslauf

Expo 2000 - die Weltausstellung in Hannover

Wissen | Reportage

‘Betreten Sie einen Ort, den noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat: die Zukunft [...] Sehen Sie bahnbrechende Technologien und kühne Visionen, die vielleicht schon bald zu unserem Alltag gehören.’ Nicht gerade unbescheiden wirbt die Weltausstellungsgesellschaft für einen Besuch in der CeBIT-Stadt.

Aufmacher

Unter dem Leitthema ‘Mensch-Natur-Technik - Eine neue Welt entsteht’ soll keine industrielle Leistungsschau im alten Stil gezeigt werden, sondern eine ‘Weltausstellung neuen Typs’, die neben den Präsentationen der Nationen ihre zentralen Botschaften in einem ‘Themenpark’ an das Publikum bringt. Auf einer Fläche von insgesamt 100 000 Quadratmetern - in den Hallen 4 bis 9 angesiedelt - sind elf Einzelpräsentationen ausgestellt, die sich mit den Themenkomplexen Mensch und zukünftige Arbeitsformen, mit Gesundheit, Ernährung und Umwelt, mit Energie und Mobilität, mit Information und Kommunikation beschäftigen. Als ideologischer Rahmen dienen dabei die so genannte ‘Agenda 21’ und die Idee einer ‘nachhaltigen Entwicklung’.

Kernaussage der Agenda 21 von der Umweltschutzkonferenz in Rio de Janeiro 1992 ist der Gedanke, die natürlichen Ressourcen zu schützen, um einer Zukunft durch nachhaltige Entwicklung überhaupt eine Chance zu geben. Für Expo-Kritiker wie Ralf Strobach, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz (BIU) in Hannover, schmückt sich die Expo mit schönen Worten, die die eigentliche Ausrichtung der Ausstellung verschleiern: ‘Im Themenpark gibt vor allem die Großindustrie den Ton an. Auch eine spektakuläre Inszenierung macht das nicht umweltfreundlicher.’

Um die geschätzten 250 Millionen Mark Investitionskosten für den Themenpark wenigstens zum Teil wieder hereinzuholen, entwickelte die Expo GmbH ein abgestuftes ‘Partnerschaftskonzept’. ‘Weltpartner’ der Expo, die 30 Millionen Mark einbringen, können im Themenpark 500 qm ‘mietfrei’ gestalten, können - analog zu den Nationentagen - einen ‘Partnertag’ ausrichten und haben das Recht auf einen eigenen Pavillon auf dem Ausstellungsgelände. Produktpartner zahlen ‘nur’ zehn Millionen, dürfen sich ebenfalls an der Gestaltung der Themenparks beteiligen und können sich ‘gegen Zuzahlung’ mit einem Pavillon auf dem Ausstellungsgelände präsentieren. Als Welt- und Produktpartner treten Siemens, die Deutsche Post AG, Bertelsmann und die Telekom AG mit Firmenpavillons auf - Weltpartner DaimlerChrysler wird mit seinem Jugendprojekt ‘Lab.01’ an die Halle 2 ‘andocken’.

Wer die Show an einem Tag bewältigen will, muss gut zu Fuß sein, um den kompletten Themenpark zu erfassen. Der offizielle ‘Expo-Guide’ von Bertelsmann gibt im einzelnen folgende Schätzungen an: Mobilität (ca. 25 Min.) - Zukunft der Arbeit (ca. 40 Min.) - Wissen (ca. 30 Min.) - Energie (ca. 45 Min.) - Ernährung (ca. 35 Min.) - Zukunft Gesundheit (ca. 40 Min.) - Basic Needs (ca. 75 Min.) - Umwelt (ca. 45 Min.) - Mensch (ca. 40 Min.) - Planet of Visions (ca. 50 Min.) - 21. Jahrhundert (ca. 45 Min.).

Gutes Schuhwerk alleine wird aber nicht reichen, der Expo-Besucher sollte außerdem auch aufnahmebereit und gut ausgeschlafen sein. Die Themenpark-Macher wollten sich bei der Präsentation nicht auf die dröge Darbietung belehrender Texte und Plakatwände beschränken. Besonders der Themenpark, die Pavillons der Weltpartner, aber auch einzelne Länderpavillons bieten aufwändige Inszenierungen, die nur durch beträchtlichen technischen Aufwand zu realisieren sind: Unter Einsatz von modernen Techniken gemischt mit Dramaturgie entsteht ‘eine erlebnisorientierte Ausstellung’. Tänzer, Töne, Musik und Bildprojektoren vermitteln eine Illusion, mit der es gelingen soll, den Besucher in die Brisanz der Thematik und die Spannung der Erlebniswelt - ‘in the Message’ - zu ziehen.

Um solche Wirkung zu erzielen, wird einiges an Hardware aufgefahren. Im Themenparkbereich Medizin etwa müssen über hundert Videoprojektoren synchron angesteuert werden, die ein riesiges Mosaikbild auf den Boden und die Wände der Halle projizieren. Der Sound soll als ‘dreidimensionaler Klangteppich’ durch die Halle schweben. Hinter den Kulissen setzen die Themenpark-Techniker so genannte ‘Show Controller’ ein - auf die Steuerung von Audio-, Video- und Lichtanlagen zugeschnittene Spezialrechner, die pro Stück etwa 30 000 Mark kosten. Im gesamten Themenpark sind etwa 100 solcher Show-Controller im Einsatz.

Das Basisgerät ist in der Regel ein 19-Zoll-Gehäuse, das mit diversen Schnittstellen auf seine spezifische Anwendung ‘maßgeschneidert’ werden kann - so kommt zur Ansteuerung industrieller DVD-Player oder Dia-Projektoren nach wie vor die serielle RS-232-Schnittstelle zum Einsatz. Weil auch beim leistungsfähigsten Show-Controller die Anzahl der Steckplätze begrenzt ist, sind die Geräte in der Regel in einer Kaskade per Ethernet vernetzt. Die vollautomatischen Systeme ermöglichen nicht nur die reibungslose Synchronisation vieler Audio- und Videoquellen, sondern sie sollen auch den Personalaufwand für Wartung und Betreuung minimieren. ‘Wenn bei einem Diaprojektor die Lampe kaputtgeht, kann der Show-Controller die Fehlermeldung per SMS auf das Handy des diensthabenden Technikers leiten’, erklärt Pierre van Deijck, Projektleiter für den Bereich Audio, Video und Multimedia im Themenpark. Die Multimedia-Anlage jedes Themenparkbereiches wird so im Normalfall von nur zwei Technikern überwacht.

Wer mit Zukunftsentwürfen in erster Linie globale Vernetzung, Internet und New Economy assoziiert, dürfte enttäuscht werden. Das Internet als weltumspannendes Informations- und Wirtschaftsnetz kommt im Themenpark nicht vor; Schnittstellen mit dem Netz als virtuelle Erweiterungen sind bis auf punktuelle Ausnahmen wie den ‘Global Dialogue’ nicht vorgesehen. ‘Als wir angefangen haben, das Themenpark-Konzept zu entwickeln, hat in Deutschland noch kein Mensch vom Internet gesprochen’, erklärt der technische Leiter des Themenparks Fred Dillenberger. Pressesprecherin Rhan Gunderlach argumentiert offensiver. Für sie ist die Expo ein Projekt ‘für alle Menschen’, eine virtuelle Weltausstellung im Internet dagegen hält sie für zu elitär. Für technisch Interessierte dürften vor allen Dingen die Themenparkbereiche Wissen-Information-Kommunikation und Planet of Visions beziehungsweise das 21. Jahrhundert interessant sein. Auch die Präsentationen des Deutschen Pavillons mit seinem ‘Medialen Garten’ ([#k1 siehe Kasten]) könnte einen Besuch wert sein.

Als ‘bisher größter Robotik-Testlauf’ mit reichlich Vorschuss-Lorbeeren versehen dürfte der Bereich ‘Wissen, Information, Kommunikation’ sich zu einem Publikumsmagneten entwickeln. ‘Netzwerke’, erklärt Projektleiter Stefan Iglhaut, ‘sind das zentrale Thema der Ausstellung Wissen, Information und Kommunikation, der vielleicht abstraktesten und übergreifendsten Aufgabenstellung dieses Themenparks. Für die Weltausstellung galt es, eine wirklich besondere Umsetzung zu finden, eine Szenografie, die dem Besucher sofort klarmacht, dass auch er Teil des einen Netzes ist, das er beeinflusst und für das er mitverantwortlich ist.’

Was Iglhaut und die mit der Umsetzung beauftragten Künstler und Techniker vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) mit zahlreichen Metaphern und komplizierten Begriffen wie ‘Emergenztheorie’ oder ‘bionische Info-Wesen’ umschreiben, wird den Besucher auf den ersten Blick wahrscheinlich verblüffen. In einer abgedunkelten Arena, die von einem diffusen blauen Licht abgegrenzt wird, ziehen 72 milchig-weiße ‘Objekte’ ihre Bahnen. Die Roboter, die entfernt an eingedellte Eier erinnern, kreisen langsam im Gegenuhrzeigersinn in der Arena und bilden sechs Schwärme. Die zwei größten ‘Leittiere’ sind drei Meter hoch und über vier Meter lang. Die Roboter reagieren auf Bewegungen - weichen aus und schließen sich anderen Schwärmen an, wenn sie abgedrängt werden - und erzeugen atmosphärische Soundumgebungen.

Die Außenhaut der wie übergroße Kartoffelhälften geformten Einheiten, von denen es drei Typen gibt, besteht aus milchigweißem Kunststoff und dient als Projektionsmedium für die eingebauten Laserbeamer. Zur Soundunterstützung der auf diese Weise präsentierten Videosequenzen sind unter der Hülle Lautsprecher angebracht. Auf der Oberfläche der Kapseln erscheinen so Bilder, die Geschichten über das Leben und die Arbeit in der Informations- und Kommunikationsgesellschaft darstellen. Für den Besucher, der sich durch die Halle bewegt, entsteht ein ‘individueller Film’. ‘Das ist kein einfaches, nonlineares Erzählmuster, sondern die Kinematik selbst wird auf den Kopf gestellt und ausgeschüttet’, erklärt Olaf Arndt, Artdirector vom ZKM-Team Hannover. ‘Bilder können von Objekt zu Objekt hüpfen, vorbeilaufen und verschwinden in der Tiefe der Halle’.

Die 72 rollenden Roboter sind in den letzten Wochen noch einmal intensiv getestet worden - schließlich sollen die fahrbaren Kunstobjekte 153 Tage lang ununterbrochen laufen. Die in sechs Gruppen zu je zwölf Einheiten aufgeteilte Roboterflotte soll in ihrer Bewegung natürliches Schwarmverhalten nachbilden, wobei die Wahrnehmung der Umwelt und die Reaktion darauf teilweise autonom erfolgen. Es soll weder zu Kollisionen untereinander noch mit Besuchern der, wie man annimmt, stark besuchten Halle kommen. Die Software des Projekts wurde am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik in Dortmund entwickelt.

Angetrieben werden die Roboter von zwei Rollstuhlmotoren - ein Laserscanner tastet das ‘Sichtfeld’ in Fahrtrichtung in einem 160-Grad-Bereich ab. Jedes einzelne Objekt verfügt über einen Steuerungsrechner, einen Sicherheitskern und einen Antriebsrechner. Der Steuerungsrechner - ein Industrie-PC auf Intel-Basis, der unter Linux läuft, ist per Funk-LAN mit einem zentralen Leitrechner verbunden. Auf diesem Leitrechner wird die Schwarm-Choreographie simuliert: Jeder Roboter in der Halle hat sein virtuelles Gegenstück im Leitrechner - ein Softbot, der von einem Linux-Prozess modelliert wird. Der Leitrechner wertet die Position jedes Objektes aus und leitet daraus die Fahrbefehle für die Objekte ab. Er hält die Schwärme zusammen, steuert die Wiedergabe der Medien an und sorgt dafür, dass sich die Objekte nicht gegenseitig behindern. Der einzelne Roboter erhält per Funknetz seinen Fahrbefehl und muss nun autonom entscheiden, wie er mit ‘Hindernissen’ auf seinem Weg umgeht. Wenn ein Hindernis - ein Besucher oder ein anderer Roboter - zu nahe kommt, versucht er auszuweichen, fährt langsamer oder stoppt.

Das hört sich simpel an, muss aber in der Praxis so realisiert werden, dass der künstlerische Gesamteindruck stimmt. Die Objekte dürfen sich nicht zu hektisch bewegen, dürfen nicht hin- und herwedeln oder plötzliche, scharfe Kehrtwendungen machen. Das gesamte Bewegungsverhalten - in das natürlich auch die unterschiedliche Masse der Roboter einfließt - wird durch in mühsamer Handarbeit und zahlreichen Versuchen angepasste Parameter beschrieben. Auch an die Betriebssicherheit der beweglichen Ausstellung sind hohe Ansprüche gestellt worden. Jeder einzelne Roboter ist beispielsweise mit einem ‘Bumper-Ring’ genannten Berührungssensor ausgestattet - sollte der Roboter tatsächlich mit einem Menschen kollidieren, der sich in seinem toten Sensorwinkel befindet, bleibt die Maschine sofort stehen. Ein Ausfall des Funknetzes - und damit der zentralen Steuermöglichkeit - wird über spezielle Sicherheitsrechner abgefangen. Dabei sendet ein ortsfester Sicherheitskern alle 100 Millisekunden über das Funknetz einen Impuls an alle Roboter. Der mobile Sicherheitsrechner, der in jedem Roboter mitläuft, wertet die Impulse aus. Bleiben die Signale aus, stoppt der mobile Sicherheitsrechner das System.

180 Glasfasern sollen die Expo mit der Welt verbinden - über den T-Digit der Telekom, einen leicht geneigten Glaswürfel mit 16 Meter Kantenlänge, dessen multimediale Wände über diese Leitungen angesteuert werden. Eine offene, für jeden einsehbare und erlebbare Kommunikationsplattform möchte die Telekom mit diesem überdimensionalen Endgerät schaffen, einen Ausblick auf die multimediale Zukunft der Telekommunikation.

Die ursprünglich in dem Würfel geplante Regie musste aus Wärmelastgründen in eine der Hallen ausgelagert werden. Von dort wird ein kleiner Fernsehsender in Kooperation mit ARD, ZDF, Burda (Focus Online) und der Expo unter anderem stündliche Nachrichten, Features zu den Ländern am jeweiligen Nationentag, Verkehrs- und Veranstaltungshinweise sowie Wettermeldungen auf die Wand im Osten des Würfels bringen. Diese so genannte StreamSide ist mit einer 14,4 Meter mal 14,4 Meter großen LED-Wand bestückt, mit gut 207 Quadratmetern eine der größten Wände dieser Art. 2 764 800 Leuchtdioden sollen für eine Auflösung in Fernsehqualität sorgen.

Die mit einem 123 Quadratmeter großen LC-Display ausgestattete BitSide im Süden wird dagegen ganz bewusst ein gröberes, lediglich schwarzweißes Bild liefern - als Abbild der heutigen WAP-Handy-Realität. Dort sollen Nachrichten im WAP-Format erscheinen und über SMS gesendete Grüße oder Kommentare der Besucher veröffentlicht werden. Das dritte Angebot der BitSide ist dagegen im doppelten Sinne exklusiver: Auf dem hinterleuchteten Schirm laufen während der Expo Gewinnspiele, an denen lediglich Nutzer des D1-Netzes teilnehmen können.

Eine tiefergehende Darstellung des Themas ‘Weltweite Telekommunikation im 21. Jahrhundert’ sucht man bei der Telekom vergebens. Lediglich für Kunden und Geschäftspartner sind im Inneren des Würfels Veranstaltungen geplant. Telekom-Sprecher Jürgen Kindervater grenzt die Motivation zur Teilnahme klar ein: ‘Die Expo 2000 hat eine herausragende Bedeutung für die Deutsche Telekom. Sie wird die Position Deutschlands als Telekommunikations-Standort von weltweitem Spitzenniveau unter Beweis stellen und die Rolle der Telekommunikation als Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts deutlich machen. Die Deutsche Telekom wird auf dieser Weltausstellung ihre Stärken als führender Telekommunikations-Dienstleister im globalen Markt präsentieren.’

Zu dieser Präsentation gehört auch die weitgehend unsichtbare, aber gleichzeitig allgegenwärtige Telekommunikations-Infrastruktur auf der Expo. 10 000 Kilometer Glasfaserkabel verbinden nicht nur rund 50 Telekioske zum Telefonieren und Surfen sowie 450 Standardfernsprecher mit der Welt; dieselben Leitungen werden auch genutzt, wenn die Drehkreuze über den Zentralrechner die Gültigkeit der Eintrittskarten kontrollieren, die Sicherheitskameras ihre Bilder an die Zentrale schicken oder schlicht das Licht angehen soll.

Unter www.t-online.de/expo2000 bietet die Telekom einen Expo-Besuch per Internet. Mehr als ein flüchtiger Eindruck lässt sich von dort aber nicht mitnehmen: Die im Auftrag der Telekom entwickelte 3D-Software Terravision zeigt lediglich virtuelle Außenansichten der Hallen. Immerhin haben von hier aus alle Internetnutzer Zugang zum T-Digit. Über das Gästebuch können Grüße dorthin übermittelt werden.

Der Themenbereich ‘Planet of Visions’ wird exklusiv von IBM Deutschland unterstützt - die Expo ist nach eigenen Angaben für IBM ein Podium, um die Menschen mit grundlegenden Veränderungen vertraut zu machen und sie näher an die Informationstechnologie heranzubringen. Wie um die Expo-Kritiker zu beruhigen präsentiert sich der Computerriese allerdings im Themenpark relativ dezent ‘mit einigen wenigen, sensibel in die Szenographie eingefügten Ausstellungsobjekten’. Der ‘eigentliche Auftritt von IBM’ geschieht ‘im Zukunftsmarkt Nr. 1, dem Internet’. Unter www.planetofvisions.com wird die Ausstellung ‘im virtuellen Raum nachgebildet’. ‘Hier wird IBM sich und die Ausstellung mit allem präsentieren, was derzeit durch Internettechnologien möglich ist.’

Inhaltlicher Leitfaden des vom belgischen Comic-Künstler Francois Schuiten gestalteten Themenbereiches sind die Träume des Menschen von einer anderen, besseren Welt. Die Besucher betreten die Ausstellung durch die Seiten eines aufgeschlagenen Buches. Denn gerade Bücher sind im Gutenbergjahr ein kulturelles Sinnbild für die Bewahrung von Vergangenem, von visionären Ideen und Fantasien. Hier begegnet dem Besucher eine Welt voller Erinnerungen an die Welt um das Jahr 1000. An Beispielen anderer Zivilisationen kann er die Leistungen in Wissenschaft, Kultur und Technik aus dem vergangenen Millennium kennen lernen.

Von einer Brücke ist der paradiesische Garten als Spiegelung auf dem Boden wahrzunehmen, doch tatsächlich hängt er kopfüber an der Decke. Er steht als Sinnbild für Paradiesvisionen verschiedener Jahrhunderte und Kulturen. Im Turm zu Babel werden alte Inschriften lebendig, denn beim Berühren der Schriftsymbole offenbaren sie ihre ‘Botschaft’. Der Besucher erlebt die Vielzahl von Sprachen, Dialekten und Akzenten.

Ein weiterer Höhepunkt dieses Ausstellungsschwerpunktes offenbart sich anschließend in scheinbar unfassbaren Dimensionen. Ein halbrundes Panoramabild mit den Ausmaßen von 140 Metern Länge, 12 Metern Höhe und 12 Metern Tiefe soll jeden Betrachter in die Bildwelt hineinziehen. Dramaturgisch wird durch einen Tag/Nacht-Lichtzyklus entweder eine utopisch-strahlende oder apokalyptisch-dämmrige Stimmung erzeugt. Im Bild spiegeln sich folgende Themen wieder: Statue der Mythen, Utopia als Stadt (Ordnung, Stadt, Staat, Gesellschaft), Utopia als Bienenkorb (Arbeit, Verhältnis der Geschlechter), Utopia als Tor (Apokalypse, Garten) und Utopia als Roboter (Sinnbild für technische Utopien). Am Beispiel des Computers und der Informationstechnologie kann der Besucher dann in separaten Ausstellungsräumen sein Wissen vertiefen.

Die Siemens AG präsentiert sich auf der Expo gleich in mehrfacher Hinsicht: Als Aussteller mit einem eigenen Pavillon, als aktiver Teilnehmer des Themenparks, als Ausstatter des Expo-Geländes, als Zulieferer für diverse Expo-Projekte und damit insgesamt als so genannter Weltpartner der Expo-Gesellschaft.

Als Weltpartner stehen der Siemens AG selbstverständlich Gegenleistungen zu. So liefert das Unternehmen exklusiv Informationstechnik auf das Expo-Gelände: Die Firma verlegte 10 000 Kilometer Glasfaser, stellte rund fünfhundert Info-Kioske mit Virtual-Touch-Screens auf, entwickelte die dazugehörige Multimedia-Datenbank, das Besucher-Informationssystem (BIS) und den media-Online-Server für die Medienvertreter. Zusätzlich installierte Siemens die Technik zur Akkreditierung, Zugangssysteme, das Parkleitsystem (die Hardware und Software zur Parkraumbewirtschaftung der Expo) und entwickelte das Verkehrsleitsystem der Firma Move (die für ungebremsten Verkehrsfluss zu allen Messezeiten in Hannover sorgen soll). Sie rüstete den Expo-nahen Bahnhof Laatzen (S-Bahn und IC/ICE) ebenso mit Elektronik aus wie das im Bau befindliche Neuroscience Institut von Professor Samii (ein ausgelagertes Expo-Projekt im Osten Hannovers).

Doch das ist längst nicht alles. So wird das Help-Center für Aussteller auf dem Pavillongelände Ost von der Siemens-Niederlassung Hannover betrieben und der Weltpartner hat bereits lange vor Beginn der Ausstellung die Lizenzrechte des ‘EasyEXPO’-Projektes erhalten. EasyEXPO ist ein Rundum-Sorglos-Paket, das die Teilnehmer der Weltausstellung beim Bau und Betrieb ihrer Stände und Pavillons unterstützt. Das Angebot fängt bei der Planung eines Pavillons an, geht über die Errichtung inklusive der Ausstattung mit Kommunikationsinfrastruktur und endet bei der Bereitstellung von Standpersonal und dem Einkauf von Lebensmitteln oder Werbeartikeln. Daran anknüpfend hat Siemens zusätzlich ein computergestütztes Lernprogramm für den Personaldienstleister Adecco entwickelt. Mit diesem sollen Zeitarbeiter fit werden für die Expo - ein Test am Ende der Lernsequenz ist auch dabei. Und jenseits des Rahmens ‘Weltpartner’ baut Siemens beispielsweise den Pavillon des Vatikans.

Außerdem darf der Konzern sich, seine Produkte und seine Zukunftsvisionen dem internationalen Publikum im eigenen ‘Mediaversum’-Pavillon präsentieren. Die rund 1500 m2 große Ausstellungsfläche in Messehalle 9 wurde dazu in drei Bereiche geteilt: eine Bühne, ein Kuppelkino und ein Veranstaltungsforum. Das Mediaversum, so verkündete Heinrich von Pierer vor eineinhalb Jahren, soll ‘keine erdrückende Hightech-Schau und keine passive Berieselung’ werden. Stattdessen will Siemens ‘einen Raum der Begegnung, der Kommunikation und des Austausches schaffen’. Hehre Worte des großen Vorsitzenden, doch natürlich geht es im hauseigenen Pavillon keinesfalls ohne Hightech zu.

Die Bühnenshow im Mediaversum steht unter dem Motto ‘Vision vom Leben und Arbeiten in der Wissensgesellschaft’. Das Publikum - es dürfen maximal 150 Personen pro Show teilnehmen, was eine gewisse Exklusivität bewahrt - wird in die 15-minütige Spielhandlung einbezogen. Geschrieben hat das futuristische Stück der Jenaer Theaterautor Dr. Thomas Oberender, die Inszenierung übernahm der zukünftige Intendant des Bochumer Schauspielhauses, Matthias Hartmann, verantwortlich für Drehbuch und Regie des filmischen Teils zeichnet Dr. Angela Gläser aus Frankfurt.

Das Theaterstück soll demonstrieren, wie sich alltägliche Probleme durch die Kooperation vieler einzelner Personen besser bewältigen lassen. Alle Situationen werden zweimal durchgespielt, um den Vorher-Nachher-Effekt zu verdeutlichen. Das Siemens-Credo des Theaterstückes: Der Mensch steht im Mittelpunkt und die Wissensgesellschaft bietet für jeden Chancen und Perspektiven. Allerdings wird dabei wohl kaum hinterfragt werden, ob jeder Mensch die Möglichkeit hat, am globalen Netzwerk teilzuhaben ...

Der Einsatz multimedialer Techniken bleibt laut Dr. Paul Heller von Siemens bei der Show im Hintergrund. Doch der Weltpartner hat auch in die Trickkiste gegriffen. So werden die drei Theatermimen beispielsweise nicht immer real auf der Bühne präsent sein. Zeitweise tauchen sie durch die Leinwand in eine virtuelle Welt ein, das Theaterstück läuft dann als Film weiter.

Im Anschluss an die Show gehts dann richtig multimedial zur Sache: Im WisDome, einer begehbaren Kuppel mit 12 m Durchmesser, kann das Publikum seine Eindrücke der goldenen Wissensgesellschaft vertiefen. Auf fünf Großleinwänden laufen gleichzeitig fünf Filme, deren Handlungen miteinander verwoben sind. Hier werden die Probleme der ‘näheren Zukunft’, so Paul Heller, mit Hard- und Software von Siemens gelöst. Afrikanische Kinder genießen eine schulische Ausbildung: Sie erledigen ihre Hausaufgaben am Strand und kommunizieren mit Altersgenossen in San Francisco; möglich machts das Siemens-Workpad. Von Kenia über San Francisco gehts nach Shanghai, Sydney und Hannover. Familiäre Verstrickungen, böse Unfälle und Fabriken der Zukunft - sie alle lassen sich mit Wissensnetzwerken leichter durchschauen; Probleme werden auch hier mit zukünftigen Produkten des Weltpartners gelöst.

Interessant dürfte das Filmprojekt trotz aller Werbe- und Imagekampagnen sein. Es wurde auf fünf Kontinenten von fünf Nachwuchsregisseuren realisiert, die Koordination lag bei der Neuen Sentimental Film, Frankfurt. Die verwobene Filmhandlung und das mehrdimensionale Kino-Erlebnis wird selten geboten. Die Zuschauer stehen im WisDome und lenken ihre Blicke auf diejenige Leinwand, die ihre Aufmerksamkeit am meisten erregt. Und wird die Werbung gar zu arg, muss niemand auf die Toilette gehen - eine leichte Kopfdrehung reicht aus.

Nach dem Motto ‘Visionen sind die Triebfeder jedes technischen und sozialen Fortschritts’ wird auch diese Weltausstellung wieder einen Blick in die Zukunft präsentieren, und das obwohl sich schon viele Weltausstellungen mit ihren Visionen kräftig verhoben haben. Der Themenparkbereich ‘Das 21. Jahrhundert’ präsentiert in Halle neun eine ‘Reise rückwärts durch die Zeit’, die im Jahr 2100 beginnt und in der Gegenwart endet.

Zum Einstieg wird der Besucher allerdings erst einmal in die Zukunft befördert - das heißt hier konkret 11 Meter in die Höhe. Vom Jahr 2100 geht es auf einem spiralförmigen Weg - mit Stationen im Jahr 2070 und 2030 - zurück bis in die Gegenwart. Die Zeitreisestationen 2100 und 2070 sind im Stil einer archäologischen Ausgrabung inszeniert - die Archäologen der fernen Zukunft versuchen hier zu entschlüsseln, wie die Menschen der nahen Zukunft gelebt haben. Anhand von vier real existierenden Städten auf vier verschiedenen Kontinenten wird gezeigt, wie die Menschen in Alltagssituationen im Jahr 2030 leben: Schauplätze sind Aachen, São Paulo, Shanghai und Dakar. Zurück in der Gegenwart werden schließlich beispielhaft fünf der weltweiten Projekte der Expo präsentiert.

Während dieser Zeitreise werden die Besucher von der computeranimierten virtuellen Journalistin ‘Lisa’ begleitet, die immer dann in Erscheinung tritt, wenn das Geschehen erläutert werden soll, oder um weitere Hintergrundinformationen zu liefern. Bei der Reise durch vier Epochen hat auch die computeranimierte Begleiterin kein Vorrecht auf ewige Jugend: Auf dem Weg in das Jahr 2100 erlebt der Betrachter wie Lisa um 100 Jahre altert, um auf dem Rückweg wieder jünger zu werden.

Die Siemens AG übernahm im Themenpark ‘Das 21. Jahrhundert’ die Patenschaft für die ‘Ausgrabungsstätte Shanghai’. Die Stadt wurde als repräsentatives Beispiel einer boomenden asiatischen Metropole ausgewählt. Die Wanderung durch das 21. Jahrhundert greift die Themen Information und Kommunikation sowie die insbesondere für die asiatische Metropolen kritischen Punkte Verkehr, Transport und Logistik auf. Alle Lösungsansätze sollen laut Siemens dem Anspruch einer nachhaltigen Entwicklung gerecht werden - ohne ‘skurrile Technikutopien’ oder dem ‘Machbarkeitswahn’ verfallene Egostudien.

Im Mittelpunkt des Jahres 2030 beispielsweise steht ein antiker chinesischer Tisch, der dank Multimedia zum virtuellen Konferenztisch, dem so genannten Workspace, mutiert. An ihm diskutieren fünf Wissenschaftler, die von einer aus dem Zwischengeschoss kommenden Rückprojektionsoptik auf der Oberfläche des Tisches eingeblendet werden. Die Besucher können an der virtuellen Konferenz zur Stadtplanung teilnehmen, indem sie sich über den Workspace beugen. Auch bei der Diskussionsrunde kommen allerhand Computer- und Kommunikationstechniken zum Einsatz, beispielsweise automatische Übersetzungs- oder Telematiksysteme. Und natürlich ist auch der Weltpartner Siemens immer präsent, mit Schriftzügen, Plakatwänden und den firmeneigenen Lösungsansätzen. Das konkrete Beispiel des im Jahr 1989 erbauten Shanghaier Stadtteils Pudong - dessen 30 mal 10 Meter große Skyline auf eine Leinwand projiziert wird - soll erste Ergebnisse der Konferenz offenbaren.

Im Jahr 2000 angelangt, betritt das Publikum einen ‘Raum der Ruhe, wo Kraft und Weisheit in Harmonie sind’. Holografisch projizierte Schattenboxer können diese Ruhe aber auch etwas erschüttern. Im original chinesischen Teehaus geht es ebenfalls multimedial zu. Die im alterwürdigen Teehaus integrierte Bibliothek zeigt zwar das herkömmliche Inventar: Regale voller Bücher. Deren Inhalt erschließt sich dem Besucher jedoch erst, wenn er mit einem futuristischen Scanner über die Buchrücken fährt. Dann läuft die Multimediamaschine wieder an ...

Die ‘interaktive und intuitive Kommunikation von Mensch und Maschine’, angepasst an die Körperfunktionen des Menschen, ist das zentrale Thema von LAB.01. Vor allem an Jugendliche richtet sich DaimlerChrysler mit seinem Projekt, das im vergangenen Jahr durch Europa tourte und jetzt weiterentwickelt auch auf der Expo zu erleben sein wird. Nach einem einführenden Film führt der Rundgang durch vier Erlebniszonen, die zeigen, wie Hand, Sprache, Blick und der ganze Körper den Kontakt zur Maschine aufnehmen und Prozesse steuern können.

Im Touch Ground dreht sich alles um die Hand. Unter anderem lässt sich in einem Automodell der Sidestick als Ersatz für Lenkrad und Pedale testen, am so genannten Theremin können Besucher durch Handbewegungen in einem elektromagnetischen Feld Musik machen und die auch für kleinere Kinder interessanten Pinscreens nehmen dreidimensionale Handabdrücke auf. Themenwände liefern Hintergründiges: wie macht Force Feedback die virtuelle Welt fühlbar, wie kann der Fingerabdruck als individuelles Merkmal auch in der Kommunikation via Maschine genutzt werden und wie können Roboterarme dem Menschen Handarbeiten in unwirtlicher Umgebung, über weite Distanzen und in anderen Maßstäben abnehmen.

Ein Multiuser-Spiel mit virtuellen Spielfiguren, die mit einfachen Sprachbefehlen durch ein aufprojiziertes Labyrinth gesteuert werden, steht im Zentrum der Sonic Zone. Am VoiceMorpher kann man miteinander telefonieren und per Vocoder die Stimmen verfremden, während der Phonemsampler eine spielerische Auseinandersetzung direkt mit den Klangbausteinen der Sprache ermöglicht. Themenwände berichten von den analogen und digitalen Versuchen, Maschinen das Sprechen beizubringen, individuellen Stimmprofilen und der Funktion und Anwendung der Spracherkennung.

Maschinen mit den Augen steuern und die Sehfähigkeit mit Maschinen erweitern sind die Hauptthemen in der Visual Area. An drei EyeTracker-Stationen können Besucher per Augenbewegung navigieren, zeichnen, schreiben und sich die eigenen Blickbewegungen anzeigen lassen. Identifizierung anhand der Iris, Nachtsicht, Mustererkennung, Thermographie und Radarsehen werden auf Themenwänden erklärt. Exponate zeigen die Temperaturzonen der Körper und geben in Echtzeit die Bewegungen der Besucher als farbige Grafikflächen wieder.

Als ‘kommunikatives Spiel, angesiedelt zwischen Dancefloor und Gestenerkennung’ soll die Body-Mover-Installation im Body Space den Höhepunkt der Ausstellung bilden. In einem abgedunkelten Raum erscheint auf dem Boden um die Besucher herum eine projizierte Lichtaura. Durch mehr oder weniger schnelle Bewegungen können Besucher unterschiedlich schnelle virtuelle Partikelströme aussenden. Treffen diese auf Wände, Lichtampeln oder die Ströme anderer Besucher, werden Licht- und Klangkaskaden ausgelöst. Auf der einzigen Themenwand in diesem Bereich geht es um die Ergonomieforschung. Erläutert wird die Gestaltung von Fahrzeuginnenräumen mit virtuellen Menschmodellen (RAMSIS), Body Scanning für maßgeschneiderte Kleidung oder Bewegungsdetektion an der Schnittstelle zur virtuellen Realität.

Mit zehn geplanten Diskussionsrunden zum ‘Global Dialogue’, die jeweils drei Tage dauern sollen, schafft die Expo im Begleitprogramm den Sprung von der multimedialen Show zum global vernetzten Diskussionsforum. Das Spektrum der Themen reicht von ökologischen Fragestellungen wie ‘Natürliche Ressourcen in einer Welt gegenseitiger Abhängigkeit’ über ‘Gesundheit - der Schlüssel zur Entwicklung der Menschheit’ bis hin zu allgemeinen Fragestellungen wie ‘Nach 2000: In welcher Gesellschaft wollen wir leben?’. Der Teilnehmerkreis für die Tagungen ist allerdings naturgemäß begrenzt, dafür sollen die Hauptvorträge im Internet veröffentlicht und diskutiert werden. Ob auch ein Live-Chat mit Prominenten, wie etwa dem UN-Generalsekretär Kofi Annan geschaltet wird, ist bei den Organisatoren derzeit noch in der Diskussion.

Für technisch und wissenschaftlich Interessierte dürfte die Veranstaltung ‘Science and technology - Thinking the Future’ am spannendsten werden. Unter der Schirmherrschaft von Edelgard Bulmahn, Bundesministerin für Bildung und Forschung, stellen sich vom 10. bis 13. Juli international führende Experten der Diskussion mit dem Publikum über die Chancen - aber auch die Risiken - von Wissenschaft und Technik. Vier Leitthemen ziehen sich in parallelen Vortrags-, Podiums- und Workshop-Veranstaltungen durch die drei Tage: Vorausschau, Prognostik und Modellierung, Ressourcen für die Zukunft, Informations- und Kommunikationstechnologien sowie Wissenschaft und Gesellschaft. Unter den Teilnehmern und Rednern finden sich illustre Köpfe wie Floyd Bloom, Chefredakteur des Wissenschaftsmagazins Science, Sir Robert May, Chef-Wissenschaftsberater der britischen Regierung, oder die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard.

Bereits am 9. Mai, neun Wochen vor Eröffnung des Global Dialogue ‘Science and Technology - Thinking the Future’, starteten die deutschen Wissenschaftsorganisationen die Diskussion zu einigen zentralen Zukunftsthemen aus Wissenschaft und Forschung im Internet. Unter http://community.expo2000.de/forum/exhibits/ex_273/sc.html wurden erste Diskussionsbeiträge präsentiert zu den Themen Nanotechnologie (Prof. Wolfgang Heckl, Universität München), Komplexe Systeme und Globale Netzwerke (Prof. Klaus Mainzer, Universität Augsburg), Public Understanding of Science (Floyd E. Bloom, Science, Washington DC) sowie Internet-gestützte Globalisierung der Produktion (Prof. Engelbert Westkämper, Fraunhofer Institut für Produktionstechnik und Automatisierung, Stuttgart). (wst)

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Der ‘Baum des Wissens’, eine audio-visuelle Hightech-Rauminstallation, steht im Zentrum einer Präsentation von 16 Ausstellungsstücken - wie etwa der Gutenberg-Presse - aus den einzelnen Bundesländern. Zentrales Element des medialen Gartens ist ein großer, künstlicher ‘Baum’, an dessen drei weit ausladenden Ästen ‘Blätter’ in Form von großen Plasmadisplays angebracht sind. Der Baum steht in einem Feld von 16 ‘Blumen’, von denen jede eine mit Plasmabildschirmen ausgestattete Aktionsfläche eines der 16 Bundesländer trägt. In einem großen Halbkreis stehen in dem 40 x 80 m messenden Innenraum des Pavillons zusätzlich 16 große (5 x 3,8 m) Projektionsleinwände mit Zwischenräumen von zwei Metern und bilden so eine 110 Meter lange Panoramaleinwand. In diesem Umfeld präsentieren sich die 16 Bundesländer, und zwar durch die Videosequenzen auf den Bildwänden und Plasmadisplays, sowie den zugehörigen Tonspuren.

Das Expo-Thema Mensch-Natur-Technik wird mit audiovisuellen Installationen umgesetzt, deren Konzept von dem amerikanischen Licht- und Bühnendesigner Eric Veenstra stammt und dessen Design und Realisierung seiner im Jahre 1988 gegründeten Berliner Firma Artlab Studios übertragen wurde. Mit der Produktion der Bild- und Tonsequenzen wurde der bekannte Dortmunder Filmregisseur und Hochschulprofessor Adolf Winkelmann [2] beauftragt, der nicht nur das künstlerische Konzept für diese Videosequenzen, sondern zusammen mit dem Essener Studio Eichhorn [3] auch ein Konzept für die Handhabung und Produktion von 35 parallelen Videostreams erarbeiten musste.

Auf die große Fläche der sechzehnteiligen Panoramabildwand werden verschiedene Bildfolgen, darunter auch Landschaftspanoramen, projiziert. Die Bilder auf den Plasma-Bildflächen der ‘Blumen’ greifen Aspekte dieser Landschaften auf, die ‘Blätter’ setzen zusätzlich Akzente zum dargestellten Thema. Der Besucher kann so auf seinem Weg durch den Raum/Garten immer neue Bildkonstellationen sehen und - da zu jedem Videostream eine eigene Tonspur gehört - ständig neu zusammenwirkende Klangelemente erleben.

Mit den drei ‘Blättern’ des Baums, den 16 Plasma-‘Blumen’ sowie den 16 Videoprojektionen kommen hier insgesamt nicht weniger als 35 parallele Videostreams und ebenso viele Tonspuren mit einer Dauer von je 36 Minuten zum Einsatz. Da die Sequenzen von Baum und Blumen nicht unabhängig voneinander laufen, sondern miteinander verkoppelt sind und für den Betrachter auch interagieren, müssen die entsprechenden Bildfolgen nicht nur synchron wiedergegeben, sondern vor allem auch zueinander passend produziert werden.

Das Problem bei der Produktion besteht nicht nur in der reinen Gesamtdauer von 35 x 36 = 1260 Minuten des Endproduktes (O-Ton Thomas Eichhorn: ‘ein Jahr Lindenstraße’) beziehungsweise einem Vielfachen an Rohmaterial - also der schieren Datenmenge. Es besteht auch darin, dass die Einzelstreams nicht unabhängig voneinander bearbeitet werden können, da sie später ein harmonisches Ganzes bilden sollten. Geschnitten wurden die Videosequenzen im Gelsenkirchener Produktionsstudio Winkelmanns auf drei AVID-Schnittplätzen in mehr oder weniger herkömmlicher Konfiguration (AVID Media Composer 9000). Dieser wurde im Online-Betrieb genutzt, das heißt, es wird mit Videodaten in voller Auflösung gearbeitet und die geschnittene Sequenz direkt auf das Übergabemedium Digital Betacam überspielt.

Der Media Composer kann nun von Haus aus zwar beliebig viele Videosequenzen bearbeiten, jedoch immer nur eine wiedergeben. Das bedeutet, dass der Bearbeiter zwar sämtliche 35 Sequenzen auf der internen Timeline darstellen, bearbeiten und gegebenenfalls gegeneinander verschieben, aber immer nur eine auf dem Kontrollmonitor sehen kann. Da die Bildfolgen jedoch zusammenwirken müssen, ist eine Kontrolle im Verbund zumindest der jeweils aufeinander bezogenen Sequenzen erforderlich. Zu diesem Zweck wurde im Produktionsstudio ein zusätzlicher MPEG2-Videoserver installiert, der nicht weniger als 16 parallele Videostreams abspielen kann. Die Hardwarebasis hierfür bilden MPEG2-Decoder-Karten von Visual Circuits [4], die je Karte vier Videostreams in Echtzeit dekodieren können. Dementsprechend sind für den genannten Server insgesamt vier Karten erforderlich.

Im Verlauf der Produktion wurden daher eine jeweils geschnittene Teilsequenz mit einem MPEG2-Echtzeit-Encoder (Futuretel [5]) kodiert, auf den Server übertragen und anschließend zusammen mit den (bis zu 16) damit zusammenhängenden weiteren Sequenzen auf den insgesamt 16 Videobildschirmen im Produktionsstudio zur Kontrolle abgespielt. Korrekturen, die sich hier als notwendig erweisen, sind dank des wahlfreien Zugriffs auf die Videodaten mit dem Avid-Schnittsystem leicht machbar, sodass die Produktionszyklen immerhin überschaubar bleiben.

Dabei sollte man dennoch im Auge behalten, dass die hierbei beteiligte Gesamtdatenmenge keineswegs gering ist. Die eingangs erwähnte Gesamtdauer von 1260 Minuten respektive 21 Stunden bezieht sich ja auf das Endprodukt. Für den Schnitt benutzt das Avid-Schnittsystem nicht das nur begrenzt für die Bearbeitung geeignete MPEG2-, sondern das Motion-JPEG-Format, das - ähnlich wie MPEG-2/I-Frame-Only - nur Einzelbilder komprimiert, dafür aber einen höheren Speicherbedarf hat. Um diesen zu befriedigen, werden in der AV-Branche derzeit gern IDE-RAID-Systeme wie etwa das Arena 260/360 oder das AV-RAID 400/460 [6] eingesetzt.

Auf der Wiedergabeseite stellt das Expo-Projekt insofern eine überschaubare technische Herausforderung dar, als dass keine Interaktivität der dargebotenen Audio- und Videostreams mit den anwesenden Besuchern hinzukommt. Es geht hier im Wesentlichen um die synchrone Wiedergabe von 35 Streams im MPEG2-Format, die allerdings streng (Frame-genau) mit der Bewegung des Baums sowie der Blätter und Blumen verkoppelt sind. Dies ist nur möglich, wenn auch die Steuerung der bewegten Gestaltungselemente Timecode-verkoppelt erfolgt. Dies übernimmt im deutschen Pavillon ein Mac-System, das nicht nur die Bewegungen steuert, sondern auch die 35 Videostreams Timecode-gesteuert abruft. Während für die Präsentation einzelner Streams wegen der Unkompliziertheit des Mediums gerne DVD-ROMs samt Player eingesetzt werden, scheidet dieses Medium für die Expo-Installation aus, da normale DVD-Player nicht synchronisierbar sind. Die Wiedergabe der Video- und zugehörigen Audiodaten erfolgt daher über 35 Einzelrechner mit MPEG-Decoderkarte. Von der Signalanpassung und -übertragung her waren hier das Problem der Nicht-PAL-kompatiblen Groß-Plasmadisplays (2 x 2,4 m) sowie der Video-Signalübertragung auf die bewegten Elemente mittels Schleifkontakten (Bandbreite ca. 5 MHz) zu lösen. Alles in allem also ein Projekt, das sowohl auf Seiten der Produktion wie auch der Präsentation hohe Ansprüche an die eingesetzte Technologie und die beteiligten Firmen stellte. (Dieter Michel/wst)

www.artlabstudios.de/DE/index.html

www.winkelmann-film.de/expo2000/index.html

www.studioeichhorn.de/

www.visualcircuits.com/

www.futuretel.com/

www.iftraid.com/raidkit/page7.html

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