Musik mit weißer Weste

Kommerzielle Musikangebote im Netz

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Bisher machte die Musikindustrie eher mit dem rechtlichen Kampf gegen Tauschbörsen und deren Nutzer Schlagzeilen. Nun endlich sind Anbieter da, die Musik online verkaufen, ohne dabei ihre Kunden aller erdenklichen Rechte zu berauben.

Neben der ‘Malefiz-Strategie’ im Umgang mit den Tauschbörsen, die darauf abzielt, den Konsumenten den Weg zu den illegalen Musikquellen zu verstellen, scheint die Musikindustrie den Kundenwunsch nach Online-Musik nun auch als positive Herausforderung angenommen zu haben. Die Rechteinhaber haben dabei durchaus gute Voraussetzungen, die Tauschbörsen-Kundschaft auf ihre Seite zu ziehen: Im Unterschied zum Musik-Flohmarkt im Internet können sie schnelle Downloads in makelloser Qualität bieten, die dazu noch mit Meta-Informationen verziert sind - dies allerdings nicht zum Nulltarif.

Die größte Auswahl an bekannten Künstlern bieten momentan die Dienste, die von den Major-Labels selbst ins Leben gerufen wurden: MusicNet (EMI, Bertelsmann und Warner) und PressPlay (Sony und Universal). Beide treten als Lizenzierungsdienste auf, verwalten also die Musikdateien und Nutzungsrechte der Endkunden und bieten ihren jeweiligen Katalog über Dritte an. PressPlay-Content, der inzwischen auch Titel von EMI enthält, lässt sich momentan über fünf verschiedene Anbieter im Monatsabo beziehen, während MusicNet-Inhalte momentan bei RealOne zu finden sind. Darüber hinaus zeigen sich die Labels zunehmend freigiebiger, wenn es um das Öffnen ihrer Kataloge für andere Lizenzierungsdienste geht: Mit FullAudio, LiquidAudio, RioPort und listen.com gibt es inzwischen einige Konkurrenten, die Inhalte der Majors im Programm haben.

Ein Hindernis beim Online-Vertrieb stellt dabei die Vertrags-Situation mit den Künstlern dar: Zum einen waren die Rechte für den Online-Vertrieb in älteren Verträgen nicht enthalten und müssen nachverhandelt werden. Zum anderen organisieren die großen Labels ihr internationales Geschäft nach verschiedenen Weltregionen - die Verkaufsrechte für ein und dasselbe Produkt können innerhalb verschiedener Regionen bei verschiedenen Konzerntöchtern liegen. Nordamerika ist nach wie vor der Markt, in dem die Labels ihre neuen Produkte erproben. Für die meisten Angebote im Netz gilt daher momentan: ‘US-only’.

Damit aus den Online-Angeboten nicht sofort hochwertiges Futter für die Tauschbörse nebenan wird, schützen bis auf das MP3-Portal ‘eMusic’ alle Anbieter ihre Inhalte durch DRM-Verfahren. Meistens kommt dabei das WMA-Format aus dem Hause Microsoft zum Einsatz. Das Kopieren oder Verschicken der Soundfiles wird damit sinnlos: Sie lassen sich zunächst nur auf dem Download-Rechner abspielen.

Ein anderes Ausfalltor stellt der CD-Brenner dar, denn bei der Produktion einer Audio-CD müssten die Tracks ihren DRM-Container verlassen und in ungeschützte WAV-Dateien konvertiert werden. Die Audio-CD ließe sich dann im Handumdrehen in MP3-Dateien wandeln. Bei MusicNet muss man daher auf das Brennen ganz verzichten, PressPlay erlaubt abhängig vom Abo-Modell das Brennen von bis zu 20 Tracks monatlich. Auch bei tragbaren Playern mit Festplatte oder Flash-Speicher muss der Kunde mit Einschränkungen leben: Nur Geräte mit DRM-Unterstützung können mit geschützten Files umgehen. Mit der LiquidAudio-Playersoftware kann man entsprechende Porties sogar erst nach einem Update auf die kostenpflichtige Plus-Version betanken.

Die Portale der Majors setzen ganz auf ein monatliches Abo-Modell, bei dem man Credits erwirbt: Für 15 US-Dollar stehen dem Kunden zum Beispiel bei PressPlay monatlich 50 Downloads, 500 Songs als Online-Stream und 15 gebrannte Tracks zu. Nicht eingelöste Credits verfallen am Monatsende. Zu einem völlig neuen Musikerlebnis verhilft RealOne seinen Kunden: Alle über den Dienst bezogenen Lizenzen gelten für 30 Tage und zehn Stunden. Danach läuft die Uhr rückwärts: Ist die Lizenz abgelaufen, muss man den Track ein weiteres Mal ‘aktivieren’ - leider zum Preis eines vollen Download-Punktes.

Für Aufsehen sorgte eine Entscheidung Universals, zehn Prozent des Musikkatalogs über den Abo-Dienst eMusic anzubieten: Für zehn Dollar monatlich kann man hier unbegrenzt Songs saugen - als ungeschützte MP3-Dateien. Neben den Abo-Diensten gibt es auch Angebote im Pay-per-Track-Verfahren (PpT). Hier sind zwar keine monatlichen Gebühren fällig, aber die Einschränkungen für die digital geschützten Schätzchen sind identisch.

Die deutsche Telekom bietet mit Music on Demand (MoD) schon seit 1999 einen entsprechenden Service, der sich allerdings seit unserem letzten Vergleich inhaltlich kaum weiterentwickelt hat. Zusammen mit Universal Music soll die Technik hinter MoD jedoch ein Revival erleben: Ab August geht das Label mit seinem Portal Popfile an den Start und will Top-Acts des aktuellen Musikkataloges für 99 Cent pro Titel unter die Leute bringen. Wer ohnehin experimentierfreudiger ist und nicht nur nach den neuesten Charts schielt, kann auch bei den Talentbörsen wie vitaminic oder mp3.com auf interessante Tracks stoßen [1]. (sha)

[1] Dr. Thomas J. Schult, Der Klick zum Hit, c't 14/01, S. 106

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