Musik, zwei, drei, vier ...

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Audacity ist konzeptionell ein Zwischending zwischen einem vollwertigen Mehrspur-Recorder und einem auf die Bearbeitung von Sounddateien ausgerichteten Editor. Über den Menüpunkt "Projekt/Neue (Stereo) Tonspur" kann man beliebig viele Mono- oder Stereospuren anlegen, eine Spur fasst allerdings stets nur ein zusammenhängendes Stück Audiodaten. Ein Gegenstück zu den auf und zwischen Spuren frei beweglichen Regionen in Ardour kennt Audacity nicht. Will man in Audacity zum Beispiel einen bestimmten Klang zu verschiedenen Zeiten mehrfach ertönen lassen, muss man entweder den Klang von Stille getrennt mehrfach in einer Spur verwenden oder jeweils eine neue Spur für diesen Klang anlegen. Dabei hilft die praktische Funktion "Bearbeiten/ Tonspur duplizieren".

Besteht ein Projekt aus sehr vielen einzelnen Soundschnipseln, so kann die Zahl der nötigen Spuren schnell unübersichtlich werden. Um die Schnipsel wieder auf einer einzigen Spur zu vereinen, ist die Quick-Mix-Funktion im Projekt-Menü eine große Hilfe. Zunächst wählt man dazu mit Mausklicks auf die Kontrollfelder links der Spuren bei gehaltener Shift-Taste all die Spuren aus, die man zusammenmischen will. Quick Mix vereint die ausgewählten Spuren dann zu einer einzigen Spur. Vorsicht: Zwar kann man den Bearbeitungsschritt direkt im Anschluss noch rückgängig machen, arbeitet man aber weiter an dem Projekt, bekommt man die einzelnen Klänge kaum wieder sauber getrennt. Den endgültigen Mix sollte man also wirklich nur dann durchführen, wenn ansonsten alles erledigt ist.

Eine neue Spur legt Audacity selbstständig auch für jede Aufnahme an und vermeidet so das versehentliche Überschreiben vorhandener Sounds. Die neue Spur landet als letzte unter den vorhandenen Spuren, wo sie möglicherweise außer Sicht ist. Bevor man lange nach der neuen Aufnahme sucht: Schneller geht es über den Menüpunkt "Ansicht/Tonspuren vertikal einpassen" oder die Tastenkombination Shift-Strg-F.

Vor einer Aufnahme wählt man über die Mixer-Werkzeugleiste unter den Transportknöpfen einen der Eingänge aus, die der Treiber der Soundkarte anbietet. Der Schieberegler neben dem Mikrofon dient zur Einstellung der Aufnahmelautstärke, los geht es dann ab der aktuellen Cursor-Position nach Betätigen des roten Record-Knopfs.

Neben der unkomplizierten Aufnahme externer Tonquellen beherrscht Audacity natürlich auch den Umgang mit Audiodateien auf der Festplatte. Dabei importiert das Programm neben Wave-Dateien auch Sounds im Ogg-Vorbis- und MP3-Format.

Klangfarben
Das "Linux Audio Developer's Simple Plugin API", kurz LADSPA, beschreibt eine relativ einfache Architektur, um signalverarbeitende Software-Module in verschiedenen Programmen laden zu können. Mittlerweile können die meisten Linux-Audio-Anwendungen LADSPA-Plug-ins verwenden. Normalerweise sind alle Plug-ins in /usr/lib/ladspa versammelt, es können über die Umgebungsvariable $LADSPA_PATH aber auch mehrere, durch Doppelpunkt getrennte Pfade angegeben werden.
LADSPA-Plug-ins liefern eine Vielzahl von Effekten, einige dienen auch als Klangquellen und erzeugen Rauschen, Orgelklänge oder Sinustöne. Die größte Sammlung hat der Brite Steve W. Harris zusammengetragen. Seine SWH-Plug-in- Sammlung, Bestandteil der meisten Linux-Distributionen, enthält viele Standardeffekte wie Flanger, Delay, verschiedene Filter, Ringmodulator, Limiter und eine Auswahl an Kompressoren. Daneben sind auch exotischere Filter an Bord, etwa ein Vinyl-Effekt, dem man das Herstellungsjahr der Platte als Parameter mitgibt, oder ein besonders düsterer Verzerrer namens "Barry's Satan Maximiser".
Eher dem Wohlklang verpflichtet ist die LADSPA-Sammlung von Tom Szilagyi, die weitere Klassiker aus dem Tonstudio liefert: ein De-Esser zum Entfernen von Zischlauten, mehrere gut klingende Hall-Simulationen, Tremolo- und Vibrato-Effekte.

Auf zuvor ausgewählte Bereiche eines Sounds kann man schließlich noch Effekte anwenden. Gut 20 praxistaugliche Effekte wie Kompressor, Filter oder Wahwah sind fest im Programm eingebaut; zudem lassen sich LADSPA-Plug-ins einbinden (siehe Textkasten "Klangfarben"). Effekte werden stets auf eine Auswahl angewendet, die durch die neu berechneten Klänge ersetzt wird. Die Parameter eines Effekts bleiben für die gesamte Auswahl gültig. Dynamische Verläufe zum Beispiel für die Grenzfrequenz eines Filters sind somit leider nicht möglich. Als Exportformate stehen Ogg-Vorbis, Wav und MP3 zur Verfügung – letzteres allerdings nur, wenn auch das entsprechende Lame-Encoder-Paket installiert ist, das man bei Ubuntu im Multiverse-Repository findet.

Den Lame-Encoder benötigt man auch, wenn man die Stücke einer CD ins MP3-Format umwandeln will. Soll es das freie Ogg-Vorbis-Format sein, kommt der Encoder oggenc aus den Vorbis-Tools zum Einsatz. Bei gleicher Dateigröße klingt Ogg sogar besser als MP3. Audiophile Naturen geben sich natürlich nicht mit verlustbehaftet komprimierten Dateien zufrieden. Platz sparen können aber auch sie dank des Flac-Codecs, der eine Fünf-Minuten-Datei in CD-Qualität immerhin auf gut 30 MByte zusammenschrumpfen kann.

Das Standardwerkzeug zum Grabben von CDs ist Grip: eine grafische Oberfläche für die Encoder der genannten Audioformate und noch ein paar mehr. Die Bedienung ist ein Klacks: Grip überwacht auf Wunsch das konfigurierte CD-ROM-Gerät auf neu eingelegte Scheiben, fragt die Titeldatenbank FreeDB nach Informationen über eine CD ab und verwendet die dort gefundenen Titel zur Benennung der erzeugten Dateien. Zudem ist Grip ein vollwertiger CD-Player.

Vor dem ersten Grabben einer CD empfiehlt es sich, einmal die zahlreichen Registerkarten der Konfiguration durchzusehen. Die meisten Einstellungen können bleiben, wie sie sind, aber zumindest den verwendeten Encoder sollte man überprüfen und gegebenenfalls den eigenen Wünschen anpassen.

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