Musik, zwei, drei, vier ...

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Auch ohne sich erst tief in die Soundprogrammierung mit Software wie Pd (siehe Seite 110) einzuarbeiten, kann man unter Linux exotische Synthesizerklänge produzieren. Als Ubuntu- und OpenSuse-Paket erhältlich ist beispielsweise ZynAddSubFX, der über 300 vorgefertigte Instrumentenklänge mitbringt. Spezialgebiet des ZynAddSubFX sind sphärische Flächen, die aus Science-Fiction-Filmen der 70er stammen könnten. Das Programm kann in zwei Interface-Modi gestartet werden. Die vereinfachte Oberfläche wendet sich vor allem an Anfänger, die einfach nur die fertigen Instrumente spielen möchten und sich weniger für die Programmierung neuer Klänge interessieren.

Am schnellsten kann man die Presets über die Instrumentenbank laden (Menü "Instrument/Show Instrument Bank"), wo die einzelnen Bänke nach Klangfamilien wie "Strings" oder "Organ" angeordnet für den Schnellzugriff bereitstehen. Die Instrumente lassen sich dann über die grafische Tastatur im Hauptfenster mit der Maus spielen, über ein externes MIDI-Keyboard oder auch mit der Computer-Tastatur. Bei letzterer steht allerdings kein Layout für die hierzulande übliche QWERTZ-Tastatur zur Verfügung, man muss sich also mit den gegenüber QWERTY vertauschten Y- und Z-Tasten arrangieren.

Eigene Sounds bearbeitet man innerhalb der Oberfläche für fortgeschrittene Nutzer. Voreingestellt ist ein einfacher Sinus-Klang mit etwas Hall. Der Knopf "Edit Instrument" öffnet die Innereien des aktuellen Instruments. Drei Grundmodule stehen zur Verfügung: Der ADDsynth ist ein additiver Synthesizer, bei dem man zueinander verstimmte Sinuswellen mit unabhängigen Lautstärke- oder Frequenzverläufen addieren kann, um so komplexere Klänge aufzubauen. Statt einer einfachen Sinuswelle kann man die Oszillatoren der Einzelstimmen auch mit komplexeren Wellenformen belegen, für die ein eigener Editor bereitsteht. Auch weißes Rauschen kann in den Sound eingewoben werden. Unzählige weitere Parameter erlauben zusätzliche Eingriffe in den Klang.

Weitere Klangmodule sind der SUBsynth, der Sounds aus gefilterten, harmonischen Schwingungen zusammensetzt, sowie PADsynth, der mit einem ungewöhnlichen Algorithmus vor allem beeindruckende Flächensounds produziert. Am besten lernt man die Parameter aller drei Module kennen, indem man sich die Einstellungen von ein paar Presets genauer anschaut und nachvollzieht.

Ein Drumcomputer im Computer: Hydrogen (zum Vergößern anklicken).

Mit Hydrogen wartet eine komplette Drum-Maschine mit eingebautem Sequencer darauf, gemeinsam mit ZynAddSubFX zur Grundlage einer erfolgreichen Techno-Kapelle zu werden. Hydrogens Klangerzeugung fußt auf Drumsamples, die im Wave-, AIFFoder Flac-Format vorliegen können. In einem Gittersequencer lassen sie sich zu Patterns arrangieren. Einen schnellen Eindruck der Möglichkeiten kann man sich durch Aufruf eines der mitgelieferten Demosongs verschaffen. Im Hauptfenster des Programms erlauben mehrere Unterfenster verschiedene Eingriffsmöglichkeiten in die Klänge und Patterns.

Ein einfacher Filter für die Instrumente ist bereits eingebaut; mit den kleineren Drehknöpfen oberhalb der Lautstärkeregler im Hydrogen-Mixer kann man pro Spur auch der Anteil von Effekten (LADSPA-Plug-ins) einstellen. Die Effekte selbst werden global über den FX-Knopf in der Master-Sektion des Mixers hinzugefügt und konfiguriert. Hydrogen funktioniert zwar auch mit ALSA oder OSS alleine, über Jack steht aber zusätzlich noch der sehr praktische Synchronisations-Mechanismus Jack-Transport zur Verfügung (siehe Artikel auf Seite 98). Aktiviert man den Schaltknopf "Jack Trans." im unteren Bereich von Hydrogens Hauptfenster, so startet ein Song auf entsprechende Befehle eines Jack-Transport-Masterprogramms wie zum Beispiel Ardour oder der Jack-Oberfläche Qjackctl.

Als kleiner MIDI-Sequencer ohne eigene Klangerzeugung ist das Programm Seq24 einen Blick wert. Anders als die ausgewachsenen MIDI-Editoren MusE und Rosegarden basiert Seq24 auf MIDI-Loops. Diese kurzen (oder auch längeren) Sequenzen zeigt Seq24 in seinem Hauptfenster als Miniaturen in einem Gitter an, von wo aus sie sich stumm schalten oder zur Bearbeitung öffnen lassen. Editiert werden Pattern in einem Pianoroll-Fenster. Hier kann man Noten auch malen, allerdings ist die Mausbelegung etwas ungewöhnlich: Erst muss man die rechte Maustaste gedrückt halten, dann zeichnet die linke Maustaste bei weiterhin gedrückter rechter Taste Noten in das Gitter.

Dank Unterstützung des ALSA-Sequencer-Systems kann Seq24 MIDI-Daten aber auch von externen Keyboards oder von anderer MIDI-Software entgegennehmen. Die Verbindungen verwaltet man entweder in Seq24 selbst oder mit einem Helfer wie Qjackctl. Wer kein separates MIDI-Keyboard besitzt, kann ersatzweise auch die virtuelle Tastatur aus dem Programmpaket vkeybd verwenden. Im Songeditor arrangiert man schließlich die einzelnen Sequenzen zu einem kompletten Song. Da Seq24 selbst keine Tonerzeugung beherrscht, muss man zum Abspielen einen Synthesizer wie Zyn- AddSubFX mit Seq24 verbinden.

Die gängigen Linux-Distributionen bringen reichlich Software mit, um alltägliche, aber auch etwas ausgefallenere Sound-Vorhaben zu erledigen. Für fast jede Aufgabe stehen gleich mehrere Anwendungen zur Auswahl, sodass auch unterschiedliche Geschmäcker bedient werden. (odi)

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