NT rennt Windows 95 davon

Verblüffende Performance-Unterschiede

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Bisher gingen alle PC-Experten fest davon aus, das 'fette' Windows NT besitze im Vergleich zum populären Windows 95 zwar die stabilere Architektur, sei alles in allem aber träger und fordere mehr Prozessorleistung. Eine Testreihe auf dem c't-Prüfstand zeigt jetzt geradewegs das Gegenteil.

Im Rahmen eines 'Shoot-Out' zwischen Intels Pentium-Familie und den PowerPC-Prozessoren von Apple, IBM und Motorola (siehe Seite 270) hat c't zehn aktuelle PC-Systeme in teils synthetischen, teils anwendungsorientierten Benchmarks gegenübergestellt. Die Protagonisten des Intel-Lagers absolvierten die Testläufe jeweils unter Windows 95 und unter dem neuen Windows NT 4.0. Verblüffendes Resultat: Mit dem vermeintlich 'schlankeren' und schnellen Windows 95 lagen die Intel-PCs in etlichen Prüfungen weit zurück - nicht nur hinter den PowerPC-Systemen unter MacOS, sondern auch hinter ihren eigenen Resultaten unter NT.

Die extremsten Leistungsunterschiede ergaben sich bei Intels Top-CPU PentiumPro: Diverse mathematische Aufgaben mit Fließkommaberechnung erledigten dieselben Systeme unter NT bis zu achtmal schneller als unter Windows 95. Aber auch der Pentium-Prozessor zeigte sich bei diesen Tests 'NT-beflügelt' und rechnete drei- bis siebenmal schneller. In anderen Benchmarks dagegen legte der Pentium unter NT nur geringfügig oder gar nicht zu.

Weniger drastisch, aber immerhin noch meßbar war der Vorsprung von NT bei Aufgaben mit Ganzzahlarithmetik und Datenbankbereich. So dauerte das Erstellen eines Volltextindex für eine 10-MByte-Datei auf einem Compaq Deskpro 6000 mit 200-MHz-PentiumPro unter Windows NT 20,8 Sekunden, unter Windows 95 dagegen 24 Sekunden, also um rund 15 % länger. Auf dem Pentium-getriebenen Deskpro 5200 holte NT einen Vorsprung von 11 % heraus.

Nur in einer einzigen Anwendung erwies sich die Verwendung von Windows 95 als vorteilhaft: Bei der Bearbeitung eines großen Bildes (10 MByte) mit Adobe Photoshop bremste NT die mit 32 MByte RAM ausgestatteten Testrechner. Dieser Ausreißer in dem ansonsten eindeutigen Ergebnisbild erklärt sich durch den größeren Speicherbedarf, den das Betriebssystem für sich reklamiert; es mußte einen größeren Teil der Daten auf die Festplatte auslagern. In einem weiteren Photoshop-Test auf einem Computer mit 128 MByte RAM hatte wiederum NT die Nase vorn.

Nachdem unsere Multiplattform-Benchmarks die überraschende Performance-Differenz zwischen den beiden Microsoft-Betriebssystemen aufgezeigt hatten, fühlten wir den Kandidaten noch einmal näher auf den Zahn. Für eine weitere Testreihe installierten wir auf den beiden brandneuen Compaq-Rechnern die Anwendungs-Testsuite BAPCo SysMark 32 (siehe c't 9/96, S. 114). Sie besteht aus aktuellen 32-Bit-Anwendungen für Windows 95 und Windows NT und liefert Aufschluß über die durchschnittliche Systemleistung unter realen Anwendungsbedingungen.

Wir hatten erwartet, daß die BAPCo-Resultate - Durchschnittswerte aus hunderten von skriptgesteuert ausgeführten Einzelaktionen - in etwa dem 'gefühlsmäßigen' Mittel aus unserem Multiplattformtest entsprechen würden. Doch tatsächlich war das nur in wenigen Anwendungskategorien der Fall. In anderen wichen die Ergebnisse für den Pentium um bis zu 40 % voneinander ab. Beim PentiumPro waren es sogar über 67 %. Das ist weit mehr als etwa der zu erwartende Leistungsgewinn beim Umstieg von einem 100-MHz- auf einen 200-MHz-Pentium.

Dieser enorme Performance-Unterschied läßt sich nicht mehr auf die vor einiger Zeit von Intel zugegebene '16-Bit-Schwäche' des PentiumPro schieben. Zwar trifft sicherlich zu, daß Windows 95 - im Gegensatz zu NT - noch eine Menge 'kleinkarierten' Code enthält, aber die BAPCo-Testsuite besteht aus reinen 32-Bit-Applikationen. Diese Erklärung kann allenfalls als Begründung dafür herhalten, daß die Leistungsdifferenz beim PentiumPro noch größer ist als beim älteren 16-Bit-festen Pentium.

Bei der Microsoft Deutschland GmbH war man von den Eigenschaften des jüngsten Betriebssystem-Produkts ähnlich überrascht wie wir - zumal der offiziellen Produkteinführung im September ein längerer Betatest voranging, in der Windows NT 4.0 seine Sprinter-Qualitäten noch nicht erkennen ließ. Die diversen Beta-Versionen, ohnehin durch Debug-Code gebremst, standen denen der Vorgängerversion 3.51 an Trägheit in nichts nach. Selbst der Release-Kandidat, den c't in Ausgabe 9/96 unter die Lupe nahm, ließ hinsichtlich Performance allenfalls auf ein Gleichziehen mit Windows 95 hoffen.

Wodurch nun die eklatanten Unterschiede - insbesondere im Bereich von Fließkommaberechnungen - hervorgerufen werden, wußte Microsoft bis zum Redaktionsschluß nicht zu erklären. Wir verdächtigen den Betriebssystemkern, der sich in Abständen von wenigen Millisekunden in den Ablauf jedes Programms einmischt, durch ungeschickt programmierte Aktionen die beschleunigende Wirkung des prozessorinternen First-Level-Cache zu verderben.

Aber das ist nur eine von mehreren potentiellen Ursachen, deren Aufklärung - und möglichst Beseitigung - Microsoft am Herzen liegen sollte. Trotz aller Vorzüge ist Windows NT mit seinen höheren Ansprüchen an die Hardwareressourcen und kostenpflichtigem Support kein Betriebssystem für jedermann. (ps)

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BAPCo-Benchmarks
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