Natürliche Auslese

@ctmagazin | Editorial


Natürliche Auslese

Das Kulturgut Technik entwickelt sich ebenso wie die Natur weiter - nur wesentlich schneller. Dass von Zeit zu Zeit Spezies aussterben wie das Mammut oder die VHS-Kassette, gehört dazu. Besser angepasste Vertreter erscheinen und verdrängen die altgediente Garde. Übrig bleibt, wer sich der veränderten Umwelt anpasst, sonst ist auch er Geschichte. Microsoft versucht mit Office 2007, dessen aktuelle Beta diesem Heft beiliegt, einiges aussterben zu lassen - beispielsweise die Menüleiste oder den nervigen Klammer-Affen ("Sie möchten offenbar einen Abschiedsbrief schreiben").

Treue Office-Nutzer, die arglos darauf vertrauen, in der 2007er-Version alles Wesentliche dort vorzufinden, wo es auch schon 2003, 2000, '97 und '95 war, erleben ihr blaues Wunder in Form einer komplett umgekrempelten Oberfläche. Mit dem so genannten aufgabenorientierten Bedienkonzept gehen zehnjährige Klickgewohnheiten alter Office-Veteranen zum Teufel. "Das Menü passt du dir wieder an", mag sich mancher trösten - einfach auf "Office Classic" umschalten, wie bei Windows XP. Doch genau das geht bei Office 2007 nicht.

Bei den ersten Gehversuchen werden fremde Dialoge erscheinen, obwohl die schon seit Generationen in Office schlummern. Beinahe aus dem Nichts finden dann Kopfzeilen und Tabellen in der Farbgebung tropischer Salamander ihren Weg auf das leere Blatt. Brot-und-Butter-Funktionen wie das Einstellen von Zeilenabstand und Tabulator sind dagegen im ersten Augenblick außer Reichweite wie Früchte an einem hohen Baum. Krieg einen langen Hals oder stirb aus!

Bisher schienen Software-Firmen den Nutzer an ihr Produkt gewöhnen zu wollen. Einigen wird sogar nachgesagt, mutwillig Raubkopien unter das Studentenvolk zu streuen, damit es sich im Berufsleben für einen Batzen Geld in die bekannte Bedienoberfläche kuscheln kann. Da scheint der microsoftsche kalte Entzug kontraproduktiv. Andererseits geht es vielleicht darum, endlich mal wieder offensiv und offensichtlich "Innovation" zu demonstrieren.

Der Nutzer könnte von Microsoft Funktionen gewünscht haben, die zwar vorhanden, aber zu gut versteckt waren. Die Anzahl der Menüeinträge in Word hat sich seit 1995 schließlich mehr als verdoppelt. Ich, Nutzer, fand mich im drögen Menü gut zurecht. Nun bin ich es zu Gunsten bunter Knöpfchen los. Warum sollte ich also Geld für ein Upgrade ausgeben, wenn OpenOffice der Menüleiste treu bleibt? Ach ja, weil Word, Excel und PowerPoint standardmäßig in neuen XML-Formaten abspeichern. Diese werden in der Business-Welt über kurz oder lang vermutlich obligatorisch und zwingen Nutzer von Legacy-Systemen zum Neukauf.

Der Schritt ist mutig. Entweder das Konzept stellt sich als überlegene Lösung heraus, die Office-Nutzer und -Programme nach alter Art zum Aussterben verdammt - oder Office 2007 geht als große Fehlentwicklung in die Geschichte ein.

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