Netscapes großer Wurf

@ctmagazin | Editorial

Netscapes großer Wurf

Seit Microsoft den Internet Explorer verschenkt, kann man mit WWW-Clients kein Geld mehr verdienen. So ist es nur logisch, daß Netscape seinen Navigator in Zukunft kostenlos abgibt. Um Microsoft den Markt nicht kampflos zu überlassen, andererseits aber auch nicht Unsummen in die Weiterentwicklung investieren zu müssen, hat Netscape beschlossen, auch gleich den Quelltext zu veröffentlichen: Dadurch will man zahllose Programmierer in aller Welt für diesen Job gewinnen.

Da jeder, der eine eigene Weiterentwicklung vertreibt, auch seinerseits den Quelltext für die Allgemeinheit zugänglich machen muß, beschränkt sich die Veröffentlichung einer neuen offiziellen Version des Navigators für Netscape darauf, die Sahnestückchen aus dem herauszupicken, was andere entwickelt haben.

Der Erfolg dieser Strategie scheint vorgezeichnet: Auf vergleichbare Art und Weise blüht und gedeiht Linux seit vielen Jahren. Egal, ob es ein neues Dateisystem zu unterstützen oder einen neu entdeckten Prozessor-Bug zu umschiffen gilt: Linux ist immer eines der ersten Betriebssysteme, für das ein entsprechender Treiber oder ein Fix zur Verfügung steht. Ähnlich schnell kann nun auch der Navigator dazulernen. Da können sich Bill Gates' Mannen in Zukunft so viele proprietäre HTML-Erweiterungen ausdenken, wie sie wollen - es wird sich immer jemand finden, der dafür sorgt, daß auch der Navigator damit klarkommt.

Und wo sich Tausende von Entwicklern den Code einer Anwendung ansehen können, wird so leicht kein ernsthaftes Sicherheitsloch unentdeckt bleiben. Jedes Unternehmen, das den Einsatz eines Browsers für das Intranet plant, wird sich selbst von den Sicherheitsmechanismen überzeugen und notfalls Hand anlegen können.

Bleibt zu hoffen, daß Netscape seine Quelltexte möglichst vollständig veröffentlicht und nicht allzuviel zurückhalten muß: Immerhin sind maßgebliche Code-Teile des Navigators - nicht zuletzt die Java Virtual Machine - von dritter Seite lizenziert.

Trotzdem, wenn Netscapes Rechnung aufgeht, haben wir in ein paar Monaten, wovon viele schon lange träumen: Einen Browser, der alle HTML-Dialekte versteht und dessen Weiterentwicklung sich nicht mehr daran orientiert, was eine Firma gerade durchsetzen will, sondern daran, was technisch machbar und von den Anwendern gewünscht ist. Im Sinne eines offenen und demokratischen Internet ein längst überfälliger Schritt in die richtige Richtung.

Ich bin gespannt, wie Microsoft auf diese Ankündigung reagieren wird. Möglicherweise eröffnen Code-Ähnlichkeiten zu MS-Produkten juristische Handhaben, Netscape die Veröffentlichung der Quelltexte zu verbieten. Doch selbst wenn man nur Wege zur Durchsetzung einer einstweiligen Verfügung fände - Sympathiepunkte würden die Redmonder damit gewiß nicht gewinnen. Der beste Weg wäre fraglos, wenn Microsoft seinerseits die Quelltexte des Explorers freigäbe: Aus beiden "Welten" das beste für Programmierer und Anwender! Nebenbei ließe sich dann auch eindeutig feststellen, wie stark der Internet Explorer denn nun tatsächlich mit dem Betriebssystem verwoben ist ...

Hajo Schulz

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