Neue Strategien gefragt

Für die klassischen PCs ist das Ende der Fahnenstange in Sicht

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Die fetten Zeiten im PC-Geschäft sind vorbei. Die Hersteller müssen umdenken, wenn sie in den kommenden Jahren noch am Computer verdienen wollen. Neue Märkte erschließen und andere Geschäftsmodelle entwickeln, heißt die Devise.

Das Ende der PC-Fahnenstange ist noch nicht erreicht, aber man kann es bereits sehen. Dieser Meinung ist jedenfalls Martin Reynolds, Vize-Präsident des PC-Technologie-Programms bei Dataquest. Auf der Dataquest Predicts 2000 nahmen die amerikanischen Marktforscher unter anderem den PC-Markt unter die Lupe und machten Vorhersagen für die kommenden Jahre.

Schwankende Geschäftszahlen in den letzten Monaten des Jahres 1999 und dem ersten Quartal 2000 brachten die PC-Hersteller schon seit einiger Zeit in Erklärungsnot: Intels Lieferschwierigkeiten und die Nachwirkungen des Jahr-2000-Problems mussten bei diversen Firmen als Entschuldigung für schwächelnde Verkaufszahlen herhalten. Selbst Dell, eigentlich ein klassischer PC-Bauer, meinte, die guten Ergebnisse des vor kurzem abgelaufenen Geschäftsquartals seien vor allem auf ausgezeichnete Umsätze mit Servern zurückzuführen. Horrormeldungen musste zwar keiner der Hersteller bislang von sich geben - alle aber können lange nicht mehr mit solch beeindruckenden Geschäftszahlen glänzen wie noch vor einigen Monaten.

In den USA jedenfalls ist der Desktop-PC-Bedarf in Unternehmen und in den besser verdienenden Haushalten nahezu gesättigt, meinen die amerikanischen Marktforscher. Weltweit sagt Dataquest dem PC allerdings noch ein gutes Wachstum voraus: Der Absatz steigt von 114 Millionen verkaufter PCs in diesem Jahr auf rund 201 Millionen in 2003. Das Problem liegt jedoch weniger in der Stückzahl als in den sinkenden Preisen und den damit verbundenen, schrumpfenden Gewinnspannen (siehe folgende Grafiken).

Geht es nach den amerikanischen Marktforschern, wird der Anteil von Rechnern, die einschließlich Monitor unter 1500 US-Dollar kosten, bald fast 80 Prozent der gesamten PC-Verkäufe ausmachen.
Zwar steigen die PC-Verkäufe laut Dataquest weiter an, die Margen für die Hersteller sollen aber noch weiter sinken.


Bereits Anfang nächsten Jahres kosten fast 60 Prozent aller verkauften Desktop-PCs weniger als 1200 US-Dollar - und das inklusive Monitor. Die Hersteller müssen sich also etwas einfallen lassen, um zu überleben. Eine Taktik wäre beispielsweise die ‘Lebensdauer’, also die Zeit, in der PC-Technologie veraltet, von den derzeitigen drei auf zwei Jahre zu verkürzen. Ob dies funktioniert, ist allerdings eher fraglich. Die meisten Privatnutzer verwenden ihren PC hauptsächlich für den Zugriff aufs Internet, um ab und zu einen Brief zu schreiben oder ihre Finanzen zu verwalten. Dazu braucht man sich nicht alle zwei Jahre einen neuen PC zu kaufen. Natürlich gibt es noch die Spiele-Freaks, deren Computer gar nicht leistungsfähig genug sein können - aber sie stellen am gesamten PC-Markt gemessen eine relative kleine Gruppe dar.

Eine andere Möglichkeit wäre, dem Verbraucher den neuen PC nicht mit mehr Performance, sondern mit mehr Stil schmackhaft zu machen: Anstatt der üblichen kastenförmigen Box in Grau, einen kleinen, pfiffigen PC in ansprechenden Farben anzubieten. Der iMac hat ja bereits bewiesen, dass stilvolles und interessantes Design beim Endkunden ankommen. Dabei sollte die Performance natürlich nicht vernachlässigt werden. Dieses Umdenken greift inzwischen bei nahezu allen Großen der PC-Branche um sich.

Selbst Dell, eigentlich für eine ziemlich PC-fixierte Strategie bekannt, möchte die Geschäftsfelder ausdehnen und wegkommen vom Image des reinen Wintel-Produzenten. ‘Das bedeutet eine Abkehr von klassischen Werten: Es kommt nicht mehr nur auf PCs an, sondern auf Telefone, Surfgeräte und PCs’, stellte Dell-Chef Michael Dell Anfang April in einem Gespräch mit Analysten der Wall Street seine künftige Strategie klar. Und Gateway hat sich schon mit AOL zusammengetan, um so genannte Internet Appliances zu bauen, die den Zugriff auf den Online-Dienst unabhängig vom klassischen PC ermöglichen. Auch den iMac nehmen sich immer mehr große Hersteller zum Vorbild: Von Hewlett-Packards e-PC (siehe c't 10/00, S. 88) über Compaqs iPac und IBMs NetVista bis zu AMDs Vorschlag eines EasyNow!-PC (siehe c't 4/00, S. 150) reicht die Palette der Angebote, die den Heim- und Bürorechnern das Image des hässlichen Entleins nehmen wollen, das manches Mal nicht einmal richtig schwimmen kann.

Auch den Markt der kleinen und mittelständischen Unternehmen haben die PC-Hersteller bislang eher stiefmütterlich behandelt. Dieser Bereich stellt hinsichtlich Preis und mitgelieferter Software andere Anforderungen als große Unternehmen oder Endkunden. Erst jetzt entdecken PC-Hersteller langsam diese Kundengruppe und bieten vermehrt Lösungen an, die beispielsweise auf Arztpraxen und Anwaltskanzleien zugeschnitten sind.

Dataquest sieht für die Zukunft im Prinzip vier weltweite Absatzmärkte für den PC mit unterschiedlichen Anforderungen und differenzierter Preisgestaltung: China, Japan, USA und Europa. Im chinesischen Markt kommt es beispielsweise weniger auf Design als auf niedrigen Preis und Ausstattung an. Der US-Markt ist weniger preissensitiv, verlangt aber viele Features. Die Europäer sind preisbewusst und schätzen individuelles Design. In Japan spielt der Preis wiederum eine untergeordnete Rolle, man will jedoch möglichst auf dem neuesten technischen Stand sein. (jk)

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