Neue Top-Level-Domains: "Auktionen sind definitiv nicht das richtige Mittel"

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Wie fair verläuft die Einführung der neuen Top-Level-Domains? Olivier Crépin-Leblond von der ICANN-Nutzer-Organisation ALAC äußert sich zu Ungerechtigkeiten und Schieflagen bei den neuen Internet-Endungen.

Am Programm rund um neue Top-Level-Domains (TLDs) gibt es einiges zu kritisieren: ein verschärftes globales Ungleichgewicht, das Auktionsverfahren und das nur bedingt funktionierende Multistakeholder-Modell, bei dem die Wirtschafts- und Markeninteressen oft über denen der Zivilgesellschaft stehen. Olivier Crépin-Leblond ist Chef des At-Large Advisory Committee, das bei der globalen Netz-Behörde ICANN die Interessen von Internetnutzern vertritt. Am Rande der Meißener Summer School on Governance hat er mit heise online über die Vorteile und Tücken des neuen Top-Level-Domain-Programms gesprochen.

heise online: Welche Bedeutung hat das Top-Level-Domain-Programm der ICANN?

Vergrößern Olivier Crépin-LeblondBild: Sandra Lettenbichler

Olivier Crépin-Leblond: Es vergrößert die Auswahlmöglichkeit der Internet-Nutzer. Unter den wenigen generischen TLDs, die es bisher gab, waren viele Domains vergeben. Entweder wurden sie tatsächlich genutzt oder Domainhändler hatten sie aufgekauft, um sie zu hohen Premiumpreisen wieder zu verkaufen. Jetzt aber wird es verschiedenste, frische Endungen mit vielen möglichen Domains geben.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Verlauf des Programms?

Das ist schwer zu sagen. Nur ein Teil der TLDs wurde bisher implementiert. Sicherlich führen die neuen Endungen zu mehr Vielfalt. Es ist allerdings zu früh zu sagen, ob die Internetnutzer von der Auswahlmöglichkeit auch Gebrauch machen und ob sie von den neuen TLDs tatsächlich profitieren.

Um einige besonders interessante Top-Level-Domains streiten sich noch mehrere Bewerber. In solchen Fällen wird die Endung standardmäßig unter den Bewerbern versteigert. Ist das das richtige Modell?

ICANN, IANA & Co.: Die Verwaltung des Internets

ICANN, IANA & Co.: Die Verwaltung des Internets

Diverse Organisationen sind für die Verwaltung des Internets zuständig - die ICANN und die ihr zugeordnete IANA etwa verwalten die weltweiten IP-Adressen und die DNS-Rootzone, die IETF ist für die Protokollstandards verantwortlich. Bis vor kurzem noch bedingte sich die USA die letzte Entscheidungsgewalt aus.

Auktionen sind definitiv nicht das richtige Mittel. Die Endung geht dann einfach an den, der am meisten zahlen will und kann. Deswegen haben wir dafür gekämpft, dass Community-TLDs Priorität haben. Endnutzer werden von ihnen mehr profitieren als von rein kommerziellen Bewerbungen.

Warum?

Das Internet erlaubt es, verschiedenste Communities aufzubauen. Diese Top Level Domains können dabei helfen und sie können die jeweiligen Communities unterstützen.

Tatsächlich haben bei umkämpften TLDs Community-Bewerbungen Vorrang, die die Interessen der jeweiligen Nutzer oder Branchen in ihrer Registrierungspolitik berücksichtigen. Theoretisch zumindest. In der Praxis müssen sie den Community-Status in einem Test namens Community Priority Evaluation erst zugesprochen bekommen. Bisher ist das in acht von zehn Fällen gescheitert. Was ist das Problem?

Die Regeln für eine Community-Bewerbung sind zu strikt. Es muss sich um eine "klar definierte Community" handeln. Wie aber definiert man klar eine weltweite Online-Community, in der es keine Mitgliederliste, keine Mitgliedsgebühr und keine Satzung gibt? Im Internet sind viele Dinge undefiniert.

Nicht die ICANN selbst entscheidet über eine Community-Bewerbung, sondern die Economist Intelligence Unit, eine Tochterfirma des britischen Verlags The Economist Group. Wie schätzen Sie deren Rolle ein?

Wir hatten ein großes Problem damit, dass der ICANN-Vorstand die Prüfung von Community-Bewerbungen an die Economist Intelligence Unit vergeben hat. Die ist sehr wirtschaftsorientiert. Sie ist vor allem kompetent bei der Analyse von Unternehmen, aber vermutlich eher nicht bei der Bewertung von Online-Communities. Auf unsere Bedenken antwortete der ICANN-Vorstand, er habe es bereits vergeben und nichts mehr damit zu tun.

Wie trifft die Economist Intelligence Unit ihre Entscheidung?

Das ist nicht transparent. Wir wissen noch nicht einmal, wer in dem dafür zuständigen Panel sitzt. Wir hatten den ICANN-Vorstand gebeten, dass auch einfache Internet-Nutzer oder Vertreter von Online-Communities in das Panel kommen, aber darauf nie eine Antwort erhalten.

Was bedeutet es, wenn weiterhin 80 Prozent der Community-Bewerbungen den Test nicht bestehen?

Dann werden alle Endungen in Auktionen an diejenigen gehen, die am meisten zahlen. Und Communities haben tendenziell weniger Geld als multinationale Bewerber. Scheitern weiterhin die meisten Community Priority Evaluations, wird es keinerlei Gegengewicht zum schon so dominanten Markt-Modell geben.

Markeninhaber haben ein spezielles Unterprogramm mit einigen Privilegien, das Trademark Clearinghouse. Was halten Sie davon?

Die Rechte für Markeninhaber sind das Ergebnis harter und ideologischer Verhandlungen in verschiedenen Arbeitsgruppen. Die Markenlobby hatte anfangs sehr weitreichende Forderungen. Gefordert wurde beispielsweise eine Liste global geschützter Marken, die die Registrierung von Domains mit dem jeweiligen Begriff für immer blockieren würde.

Wie zufrieden sind Sie mit dem, was bei den Verhandlungen herausgekommen ist?

Als Ergebnis haben wir heute das Trademark Clearinghouse (TMCH) mit einer Datenbank, in der jede Marke eingetragen werden kann, die irgendwo auf der Welt eingetragen wurde. Am Anfang jeder TLD haben Markeninhaber priorisiert Zugriff auf Domains passend zu ihrer Marke, allerdings nur für einen begrenzten Zeitraum, die Sunrise-Phase. Wenn die TLD für die Allgemeinheit freigeschaltet ist, wird Registranten in den ersten Wochen eine Warnung angezeigt, wenn zum Begriff der gewünschten Domain ein Eintrag im TMCH existiert. Wird trotzdem registriert, erhalten die Markeninhaber eine Benachrichtigung. Darüber sind wir nicht sonderlich glücklich, da das auf Internetnutzer abschreckend wirkt. Aber so sieht Konsens aus. Konsens ist dann erreicht, wenn jeder im Raum unglücklich mit dem Ergebnis ist.

Was denken Sie über Marken-Endungen?

Für Markeninhaber sind sie sehr sinnvoll. Es gibt aber problematische Marken-TLDs, die generische Worte verwenden wie .apple oder in Deutschland .kinder. An dem Punkt muss man sich fragen: Sollte eine Computer-Firma namens Apple die Endung .apple exklusiv für sich nutzen dürfen, so dass sich ein Apfelzüchter im britischen Sommerset nicht die Domain Johnsmith.apple zulegen kann?

Die Endung .kinder ist faktisch ein Zwischending zwischen klassischer Marken-Endung und einer so genannten Closed Generic, bei dem Bewerber eine Endung mit allgemeinem Begriff exklusiv nutzen wollen. Sollten die das dürfen?

Die ALAC hat das Thema Closed Generics intensiv diskutiert, wir haben aber keinen Konsens gefunden. Besonders aus Nordamerika gab es Stimmen, die sagten: Es ist ein freier Markt. Wenn jemand eine geschlossene Endung haben will, soll er es machen. Andere meinten, dass eine geschlossene Endung mit generischen Namen den freien Markt einschränkt, weil ein Begriff auf einen einzigen Anbieter beschränkt wird. Wenn Sie meine persönliche Meinung wissen wollen: Mich macht die Vorstellung nervös, dass aus einem allgemeinen Begriff ein Monopol für eine einzige Firma werden könnte.

Sie sind sicherlich auch nicht mit der regionalen Verteilung der Bewerbungen einverstanden. 1,5 Prozent aller 1900 Bewerbungen um neue TLDs kommen aus Lateinamerika, weniger als 1 Prozent aus Afrika. Wie ist es zu diesem Ungleichgewicht gekommen?

Die Bewerbungsgebühren von 185.000 US-Dollar waren vermutlich für einige Bewerber aus Entwicklungsländern zu hoch. Dazu kommen noch die Kosten, um eine TLD technisch zu betreiben und zu vermarkten, bis sie sich selbst trägt. Es gab zwar ein Hilfsprogramm für Bewerber. Um Missbrauch zu verhindern, war es aber wiederum so strikt, so dass es für viele Bewerber nicht gepasst hat. Und es deckte nur die Bewerbungsgebühr ab. Darüber hinaus wurde das neue TLD-Programm in Afria, Lateinamerika und Teilen Asiens kaum bekannt gemacht. Die so genannte ICANN Road Show machte vor allem in Nordamerika, Westeuropa und wohlhabenden Ländern wie Singapur und vielleicht Australien und China Halt.

Ein anderes Ungleichgewicht ist die zu erwartende Konzentration der Bewerber. Der Massenbewerber Donuts hat knapp 300 Bewerbungen um TLDs laufen, Google etwa 100. Ist das ein Problem?

Ist es. Wir sehen die Gefahr einer Konzentration der TLDs in der Hand weniger Firmen, von denen die Mehrzahl zudem in Nordamerika sitzt.

Das Multistakeholder-Modell der ICANN soll eigentlich für Ausgeglichenheit sorgen und die Interessen von Regierungen, Unternehmen und der Zivilgesellschaft gleichermaßen berücksichtigen. Wie ausbalanciert war die Entscheidungsfindung beim neuen TLD-Programm?

Prinzipiell ist beim ICANN-Modell jede Gruppe auf dem gleichen Level, nur die Regierung hat etwas mehr Rechte. Wenn das Regierungsgremium Government Advisory Commitee der ICANN einen formalen Hinweis gibt, muss der Vorstand darauf antworten. Das ist bei keinem anderen Stakeholder so. Zum Verhältnis zwischen Zivilgesellschaft und Unternehmensseite muss man sagen: Es gab bei der Erarbeitung des TLD-Programms oft ein Ungleichgewicht zwischen den nicht-kommerziellen Positionen auf der einen Seite und der Domainbranche und den Wirtschaftsinteressen auf der anderen Seite.

Wie kam das?

Auf der kommerziellen Seite gibt es Leute, die dafür bezahlt werden, sich an den Zeit- und Arbeits-aufwändigen ICANN-Prozessen zu beteiligen. Die Vertreter der Zivilgesellschaft sind meistens unbezahlt. Sie mussten in der Vorbereitung des TLD-Programms Urlaub nehmen, um zu ICANN-Meetings zu fahren und außerhalb ihres Jobs Zeit für die diversen Arbeitsgruppen finden. Viele Vertreter ohne kommerziellen Hintergrund konnten sich deswegen nicht vollständig an den Diskussionen und Entscheidungsfindungen zum TLD-Programm beteiligen. Einige wichtige Themen wurde deswegen möglicherweise schlicht übersehen.

Wir haben über einige Problem gesprochen. Wird sich in der aktuellen TLD-Runde noch etwas ändern?

Ich fürchte nicht.

Was wären die wichtigsten Punkte, die in der nächsten TLD-Runde anders laufen sollen?

Zum einem müssen wir einen Weg finden, besser auf Communities einzugehen. Top-Level-Domains sollten nicht nur an denjenigen mit dem dicksten Portemonnaie geben. Vielleicht könnte es eine Runde nur für Community-Bewerbungen geben – und auch speziell für Entwicklungsländer. ICANN bezeichnet sich stolz als globale Organisation. Dann sollte es auch ein wirklich globales Angebot an Top Level Domains geben.

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