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Neues in KDE 4.0

Test & Kaufberatung | Test

KDE wurde mit der neuen Version nicht nur um zusätzliche Features erweitert, sondern das KDE-Team hat vor allem unter Haube viel geändert.

Nach langem Warten und mehreren Verschiebungen des Release-Termins ist es endlich so weit: Die KDE-Entwickler haben Version 4.0 der Desktop-Umgebung veröffentlicht. Die neue Version des Desktops verwendet das Grafik-Toolkit Qt4 und die Entwickler haben nicht nur den Anwendungen und dem Desktop neue Features spendiert, sondern auch unter der Haube kräftig aufgeräumt, einige alte Zöpfe abgeschnitten und neue geflochten. KDE 4 ist nicht binärkompatibel zu KDE 3.x, doch KDE-3-Anwendungen lassen sich weiterhin problemlos unter KDE 4.0 ausführen, sofern die KDE-3-Bibliotheken installiert sind.

Der neue Plasma-Desktop mit einigen Plasmoids (anklicken zum Vergrößern)
Der neue Plasma-Desktop mit einigen Plasmoids (anklicken zum Vergrößern)

Den Sound-Server artsd haben die Entwickler mit KDE 4.0 in Rente geschickt. Ab sofort kümmert sich das Multimedia-API Phonon [1] um Audio und Video. Phonon ist in der Lage, unterschiedliche Backends zu nutzen; Standard ist Xine, wegen der hohen Anzahl unterstützter Formate. Mit Phonon ist es auch möglich, unterschiedliche Audio-Geräte zu nutzen. So lassen sich beispielsweise alle Systemklänge über die Onboard-Soundkarte ausgeben, während ein USB-Audio-Gerät sich um den Rest kümmert. Die für den Sommer erwartete finale Version von Amarok2 wird auf Phonon aufsetzen.

Ebenfalls neu ist Solid [2], ein Framework zur Hardware-Integration. Solid nutzt die Fähigkeiten von HAL, dem Network Manager und dem Bluez-Blootooth-Stack und soll KDE zu einem besseren Umgang mit wechselnden Netzverbindungen und geänderter Hardware verhelfen. Ein weiterer Neuzugang im kdelibs-Paket ist die ThreadWeaver-Bibliothek, die KDE mit einer besseren Unterstützung für Multicore-Systeme ausstattet.

Nicht fertig geworden ist Akonadi [3], ein Framework zur Speicherung von PIM-Daten, das nicht nur von KDEs Kontact, sondern auch von dem Gnome-Programm Evolution genutzt werden soll. Akonadi und Kontact benötigen noch weiteren Feinschliff und werden vorraussichtlich ab Version 4.1 zum KDE-Desktop gehören.

Die auffälligste Änderung ist der Desktop selbst: Die neue Plasma [4]-Shell stellt nicht nur die Arbeitsoberfläche mit den Desktop-Icons zur Verfügung, sondern bringt Minianwendungen mit, sogenannte Plasmoids, die sich in Widget-Manier nahtlos in den Desktop integrieren. Auch das Panel, den Nachfolger von Kicker, haben die Entwickler als Plasmoid implementiert. Auf einige, vom Kicker gewohnte Features muss man jedoch noch verzichten: So kann man das Panel weder verschieben noch seine Größe ändern. Außerdem gibt es diverse Uhren, Programmstarter und einen RSS-Reader, den man als Widget omnipräsent auf dem Desktop laufen lassen kann.

An Plasma haben die Entwickler bis zuletzt intensiv gearbeitet, sodass man hier auch die meisten Unterschiede zum zweiten Release Candidate findet. So gibt es neue Desktop-Hintergründe und im Gegensatz zu den Release Candidates kann man nun Plasmoid-Icons auf dem Desktop erstellen. Standardmäßig startet KDE 4.0 mit einem Desktop ohne Symbole. Legt man Wert auf Verknüpfungen zum Home-Verzeichnis oder dem Mülleimer, muss man ein über den Widget-Dialog ein Icon hinzufügen und danach dessen Funktion definieren. Auch bei den Desktop-Einstellungen findet man nicht die Optionsvielfalt wie bei KDE 3.x. Der Fenstermanager Kwin bringt in KDE 4.0 eigene Compositing-Features mit, die jedoch standardmäßig deaktiviert sind. Optisch sorgt das Oxygen-Theme mit neuen Icons und Hintergründen für frischen Wind. Seit dem zweiten Release Candidate hat der Desktop große Fortschritte gemacht, allerdings kam es in unseren Tests mit der Live-CD immer wieder zum Einfrieren der Oberfläche, besonders beim Ausprobieren vieler Plasmoids.

Das neue KDE-Kontrollzentrum (Anklicken zum Vergrößern)
Das neue KDE-Kontrollzentrum (Anklicken zum Vergrößern)

Die KDE-Schaltzentrale ist nicht länger das Kontrollzentrum kcontrol, sondern der Neuzugang systemsettings, das ebenfalls noch nicht alle Optionen anbietet, die man von KDE 3.x kennt. Umstellen muss man sich beim Startmenü: KDE 4.0 arbeitet statt mit dem klassischen K-Menü mit Kickoff, das die wichtigsten Aufgaben in mehreren Registerreitern organisiert und das vor allem mit seiner Suchfunktion punktet. Anwender von OpenSuse kennen das neue Menü bereits.

weiter: Anwendungen [5]

Die Oberfläche nahezu aller Anwendungen wurde optisch überarbeitet und in KDE 4.0 nutzen die Programme Vektorgrafiken. Davon profitieren vor allem Spiele, bei denen man nun die Fenstergröße frei wählen kann. Der Konqueror fühlt sich zwar nach wie vor nicht nur im Web, sondern auch im Dateisystem zu Hause, standardmäßig verwendet KDE jedoch Dolphin als Dateimanager. In ihm lässt sich eine Informationsleiste einblenden, über die man jede Datei bewerten und mit einem Kommentar versehen kann. In zukünftigen Versionen von KDE 4 soll es mit der Desktop-Suche Strigi und dem semantischen Such-Backend Nepomuk möglich sein, Dateien beispielsweise nach Ihrer Herkunft oder Bewertung zu suchen.

Dolphin löstt Konqueror als Dateimanager ab (Anklicken zum Vergrößern)
Dolphin löstt Konqueror als Dateimanager ab (Anklicken zum Vergrößern)

Der Dokumentbetrachter Okular unterstützt neben PDF- und Postscript-Dateien eine Vielzahl anderer Formate wie beispielsweise Grafiken und OpenOffice-Dokumente. Über seine "Review "-Funktion kann man jede Datei mit Anmerkungen versehen, die jedoch nicht zusammen mit der Datei gespeichert werden – Okular legt sie in XML-Dateien unterhalb von .kde4/share/apps/okular/docdata ab.

Das Terminal-Programm Konsole beherrscht unter KDE 4.0 eine geteilte Ansicht, mit der sich mehrere Terminalfenster nebeneinander darstellen lassen. Außerdem wurde das Einrichtungsmenü überarbeitet und übersichtlicher gestaltet.

Im kdeedu-Paket gehört das Geographieprogramm Marble, ein Anwendung ähnlich Google Earth, zu den Highlights. Es lädt geographische Daten von der Online-Enzyklopädie Wikipedia herunter und lässt sich leicht um neue Karten und Ansichten erweitern. Neu hinzu gekommen sind auch der Vokalbeltrainer Parley und das Chemieprogramm Kalzium.

Okular erlaubt es, Dokumente mit Notizen zu versehen (Anklicken zum Vergrößern)
Okular erlaubt es, Dokumente mit Notizen zu versehen (Anklicken zum Vergrößern)

Nein! Selbst viele KDE-Entwickler stehen dazu, KDE 4.0 nicht jedem Benutzer, sondern nur den "Early Adopters" zu empfehlen [6]. Das liegt nicht an den Anwendungen, von denen viele noch nicht alle Neuerungen von KDE 4 nutzen und manche gar noch nicht fertig sind: Hier kann der Benutzer schließlich auf die bewährten KDE-3.x-Tools zurückgreifen. Jedoch begann die Entwicklung von Plasma relativ spät, sodass der Desktop zum einen noch Fehler hat und zum anderen noch nicht über die Feature-Vielfalt verfügt, die die Benutzer von KDE 3.x gewohnt sind. Auch in Bezug auf die Geschwindigkeit wurde KDE 4.0 noch nicht optimiert. Da die meisten Distributionen jedoch Pakete anbieten, die man parallel zu KDE 3.x installieren kann, sollte sich niemand davon abhalten lassen, zumindest einen Blick auf KDE 4.0 zu werfen.

Viele Änderungen wie die Ablösung des angestaubten Sound-Servers artsd durch ein modernes System wie Phonon, das auf mehrere Backends zugreifen kann, waren nötig und überfällig; man kann jedoch darüber streiten, ob man den Release-Termin bei dem aktuellen Entwicklungsstand unbedingt halten musste oder ob es nicht besser gewesen wäre, sich auf die Debian-Position "es ist fertig, wenn es fertig ist" zu stellen. Wer mit KDE 4.0 herumexperimentieren will, kann interessante Neuerungen entdecken, sollte aber darauf gefasst sein, immer wieder auf Baustellen zu treffen. (amu [7])


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-221431

Links in diesem Artikel:
[1] http://phonon.kde.org/
[2] http://solid.kde.org/
[3] http://pim.kde.org/akonadi/
[4] http://plasma.kde.org/
[5] http://www.heise.de/open/artikel/101659/1
[6] http://www.kdedevelopers.org/node/3174
[7] mailto:amu%40heiseopen.de