Neulich, in der PC-Fabrik

@ctmagazin | Editorial

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Neulich, in der PC-Fabrik

22.10. Ein Kollege hat mir das Intranet und das Data Warehouse gezeigt. Wahnsinn, was man damit alles machen kann! Ich habe ein wenig in der internen Datenbank recherchiert und eine erste Umsatzanalyse angefertigt. Leider blieb keine Zeit mehr, mir auch das Messaging-System erklären zu lassen. Prompt habe ich mein erstes Meeting verpaßt. Peinlich!

23.10. "Besorgen Sie mir mal alles über unsere Hauptkonkurrenten", habe ich meinen Assistenten losgeschickt. Nach fünf Stunden kam er mit einem Kubikmeter Papier! Es ist faszinierend, wie viele Informationen ein modernes Unternehmen so schnell zusammentragen kann. Ich habe eine Woche gebraucht, um alles zu sichten. Aber meine Entscheidungen sind jetzt immer wasserdicht abgesichert.

29.10. Ich abonniere 200 Mailinglisten. Damit bekomme ich automatisch elektronische Post, wenn es in einem meiner Interessensgebiete Neuigkeiten gibt. Dabei fallen zwar täglich etwa 500 Mails an, aber ein moderner Manager steckt das locker weg. Ärgerlich ist es nur, daß ich gestern eine EMail vom Chef übersehen habe.

4.11. Als richtiger Online-Profi lese ich jeden Morgen zuerst fünf News-Dienste im Web und sichte meine 80 WWW-Abos nach Neuem. Dann klinke ich mich in den Chat ein. Nur die Bedienung der Offline Reader habe ich noch nicht ganz raus. Nachdem einer meiner elektronischen Rechercheknechte über Nacht sämtliche Netzlaufwerke vollgemüllt hatte, lief am nächsten Morgen im ganzen Unternehmen nichts mehr. Die Kollegen in der Systemadministration waren ziemlich sauer. Einer von denen erzählte etwas von Mailfiltern und intelligenten Agenten, die nur relevante Informationen aus dem Netz holen. Die wollen mich von meinem Lebensnerv abschneiden! Als ob ich mich mit gefilterten Daten zufriedengeben würde.

8.11. Als ich heute nacht um halb zwei nach Hause gekommen bin, fand ich von Astrid nur einen Brief. Sie ist zu ihrer Mutter gezogen. Es stimmt schon, ich war in den letzten Wochen selten da. Und ich habe auch immer mehr Arbeit mit nach Hause genommen. Aber eine Führungskraft muß halt umfassend informiert sein. Ich werde sie morgen nach dem Chat mal anrufen.

12.11. Ich bin im Krankenhaus. Rippen gebrochen, Gehirnerschütterung. Um Mitternacht war das Regal mit meinen bisherigen Ergebnissen auf mich draufgekippt. Ich liege in einem ganz seltsamen Zimmer. An der Tür fehlt die Klinke, und die Ärzte sind auch ganz eigenartig. Wann immer ich sie auffordere, einen PC ans Bett zu stellen, lächeln sie jovial und versuchen, das Thema zu wechseln.

17.11. Ich bin in der Psychiatrie! Die Quacksalber halten mich für durchgeknallt! Heute war ich das erste Mal in einer Gruppentherapie. Lauter Manager, die wie ich informationssüchtig sind, sagt der Arzt. Laut einer Reuters-Studie seien über fünfzig Prozent der Manager von der täglichen Infoflut in ihrem Beruf überfordert. So ein Quatsch, Ärzte treffen doch auch keine Entscheidungen, ohne sich gründlich zu informieren. Deshalb erzählen wir ihnen auch, was sie hören wollen. Und wenn sie uns nicht beobachten, tauschen wir Online-Tips aus ...

Jo Bager

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