NewsGuard: Dubiose US-Firma spielt Medienwächter

Dubiose US-Firma spielt Medienwächter

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Im Kampf gegen „Fake News“ will NewsGuard entscheiden, was Leser glauben dürfen. Doch die bisherigen Bewertungen wecken Zweifel an der Neutralität.

Falschmeldungen und Desinformation gelten als große Bedrohung für die Demokratie. Ausländische Mächte könnten damit Verwirrung stiften und Wahlen manipulieren. Kurz vor den Wahlen zum EU-Parlament nahm das US-Unternehmen NewsGuard nun auch hierzulande als neuer Wächter seine Arbeit auf.

Bis Ende Juni sollen 90 Prozent der insgesamt 150 in Deutschland als wichtig eingestuften News-Websites erfasst sein. Zehn Mitarbeiter werden anhand von neun Kriterien den „guten“ Seiten ein grünes Häkchen und den „schlechten“ ein rotes Ausrufezeichen verpassen. Zum Team, das die Einstufungen vornimmt, gehören auch Studenten mit nicht abgeschlossener journalistischer Ausbildung.

Beurteilungskriterien sollen unter anderem sein, ob journalistische Standards eingehalten, Fehler regelmäßig korrigiert, die Besitzverhältnisse offengelegt und die Autoren der Beiträge genannt werden. Allerdings nimmt NewsGuard nur eine Quelleneinstufung vor und keine Prüfung der Fakten. So passiert es durchaus, das Falschmeldungen auf „vertrauenswürdigen“ Seiten ein grünes Häkchen bekommen und wahre Meldungen auf „verdächtigen“ Seiten ein rotes Warnschild.

Noch befindet sich das Projekt in der Startphase. Bislang hat nur Microsoft in seinem Edge-Mobile-Browser die Bewertungen lizenziert. Weitere Erweiterungen bietet NewsGuard für Chrome, Firefox und Safari an.

NewsGuard ist in den USA bereits seit August 2018 aktiv. Rund 50 Beschäftigte bewerten dort 2000 Nachrichtenseiten, die der Firma zufolge für 96 Prozent des englischsprachigen Informationsangebots in den USA stehen. Neben Deutschland gibt es weitere Ableger in Großbritannien, Italien und Georgien. Bis Ende des Jahres soll ein Großteil Osteuropas hinzukommen.

Für einzelne Nutzer ist der Dienst kostenlos. Dennoch will das Unternehmen bald Gewinn erwirtschaften. Größter Geldgeber ist laut „New York Times“ die Werbeholding Publicis. Mit der Transparenz, die NewsGuard von Nachrichtenseiten einfordert, nimmt es das Start-up selbst nicht so genau: Finanzielle Unterstützung gewähren neben Microsoft weitere nicht genannte Stiftungen und Investoren. Zahlen sollen künftig vor allem Werbefirmen, die ihre Online-Reklame nicht neben fragwürdigen oder gar terroristischen Inhalten wiederfinden möchten. Für die bewerteten Webseiten birgt das im Umkehrschluss die Gefahr, Werbeeinnahmen zu verlieren, sollten sie von NewsGuard kein grünes Häkchen bekommen.

Ein genauerer Blick in die bisherigen Bewertungen weckt Zweifel an der Neutralität. So wird die Website von Donald Trumps Lieblingssender „Fox News“ mit sechs von neun möglichen grünen Häkchen als vertrauenswürdig angepriesen. Noch besser kommen die für ihre reißerischen Schlagzeilen und ihren lockeren Umgang mit der Wahrheit berüchtigten britischen Boulevardblätter „The Sun“, „Daily Mirror“ und „Daily Mail“ weg. In Deutschland erreicht Bild.de acht von neun möglichen grünen Häkchen. Das kritische Bildblog.de, das der Bild-Zeitung nahezu täglich grobe Recherchefehler nachweist, wurde bislang nicht eingestuft.

In den USA warnt NewsGuard zwar vor „Breitbart“, attestiert der rechtspopulistischen Postille aber immerhin, dass sie keine wiederholten Lügen verbreiten oder irreführende Überschriften verwenden würde. Die negativen Bewertungen konzentrieren sich ansonsten auffallend häufig auf eher linksliberale und russlandfreundliche Webseiten wie die Enthüllungsplattform „Wikileaks“, das US-Portal „Daily Kos“ oder die Seite von „Russia Today“. Selbst die Medienkritiker „Media Matters“ wurden in vier von neun Kriterien negativ bewertet. Die Seite hatte unter anderem „Fox News“ in einer Studie zahlreicher Falschmeldungen überführt.

Die politische Ausrichtung von NewsGuard spiegelt sich in dessen Advisory Board wider. Hier finden sich illustre Leute wie der ehemalige NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen, der frühere CIA-Direktor und einstige NSA-Chef General Michael Hayden, George W. Bushs Homeland-Security-Minister Tom Ridge sowie Elise Jordan, ehemalige Redenschreiberin von Condoleezza Rice – Personen, die bislang nicht als journalistische Tugendwächter aufgefallen sind, sondern als Spezialisten für militärische Aufgaben und die nationale Sicherheit der USA. (hag)

Dieser Artikel stammt aus c't 14/2019.

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