Nicht ohne meine Daten

@ctmagazin | Editorial

Neulich war Volksbefragung. Haben Sie es bemerkt? Gar demonstriert? Beim Kaffee auf meiner Terrasse bedankte sich der Mann vom Zensus überschwenglich für meine Kooperation: 1987 hätte man die Leute ja gar nicht hereingelassen.

Neulich war Volksbefragung. Haben Sie es bemerkt? Gar demonstriert? Beim Kaffee auf meiner Terrasse bedankte sich der Mann vom Zensus überschwenglich für meine Kooperation: 1987 hätte man die Leute ja gar nicht hereingelassen, die Fensterläden mit Brettern vernagelt und sich mit Konserven auf eine lange Belagerung eingestellt. Beim Zensus 2011 hingegen war von Widerstand nichts zu spüren. Die Einstellung zum Datenschutz hat sich seit den 80ern fundamental geändert. Das hat Gründe.

Mit dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung darf der Bürger der Bundesrepublik Deutschland selbst bestimmen, welche seiner personenbezogenen Daten er wann und wem zugänglich macht - theoretisch. Die Grundidee: Ich bin Herr meiner Daten. In der Praxis bedeutet das, ein wenig aufzupassen, welche Befindlichkeiten und Partyfotos über Facebook und Twitter den Weg von offline nach online finden.

Aber offline, das war man früher: Man setzte sich an den Schreibtisch, schrieb Briefe, bearbeitete Fotos und gab ausgesuchte Resultate erst ganz zum Schluss per E-Mail oder Web preis. Die Anwendungen bezog man dezentral: Office von Microsoft, Kreativprodukte von Adobe, Tools von vielen kleinen Firmen und Open-Source-Projektgruppen.

Mittlerweile hat jeder, der etwas auf sich hält, simultan vier Bildschirme im Blick: Man sitzt vor dem Fernseher mit dem Laptop auf dem Tisch, dem Tablet auf dem Schoß und dem Smartphone in der Hand. Alles piept und blinkt, aktualisiert und verteilt den Status, lädt Fotos aus dem Netz und ins Netz hinein - die Cloud hält den Gerätezoo zusammen. Alles außer Synchronisation übers Web bedeutet Chaos.

Das Resultat: Apple oder Google weiß, welche Apps ich benutze, denn die Mobilsoftware kommt bei beiden aus einer Hand. Google besitzt alle meine Kontakte und Termine, anders lassen sich diese Informationen nicht verwalten. Microsoft sammelt via Windows Live meine Notizen in OneNote und meine Urlaubsbilder auf dem SkyDrive, sonst komme ich unterwegs nicht an meine Bahnverbindung. Xing weiß besser über meine Geschäfts-, Facebook besser über meine Geschlechtspartner Bescheid als ich selbst; ohne diese Dienste verliere ich den Anschluss.

Eine Handvoll Unternehmen durchdringt das Privatleben von Millionen vernetzter Menschen. Alle erdenklichen persönlichen Daten liegen auf den Servern von Apple, Facebook, Google und Microsoft. Die Cloud hält uns in fester Umarmung.

Apples und Googles Zentralismus hat uns weich gemacht. Vor einem Vierteljahrhundert hat eine Volksbefragung einen Sturm der Entrüstung und Furcht vor einem Überwachungsstaat ausgelöst; mittlerweile ergibt sich Deutschland in stoischer Ruhe seinem Schicksal. Es ist Zeit, etwas vom Geist von 1987 zurückzuholen. Sonst ist nicht mehr der Bürger, sondern der Smartphone-Hersteller Herr seiner Daten. (akr)

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