Nintendo startet mobile Spielekonsole DS in Europa

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Ab heute verkauft Nindendo seine Zweischirm-Konsole DS auch in Europa. Doch den ersten Touchscreen-Titeln fehlt es noch an Spieltiefe.

Lange hatte Nintendo auf dem Markt der tragbaren Spielkonsolen mit seinem Gameboy eine absolute Monopolstellung inne. Trotzdem der Gameboy technisch nie herausragte, konnte er leistungsfähigeren Konzepten wie dem Segas Game Gear oder Nokias NGage durch kreative Spielideen wie Tetris, Super Mario oder Pokémon immer wieder ein Schnäppchen schlagen.

Nintendo nutzt einen Touchscreen zur Steuerung der DS-Spiele.

Die Spieldesigner von Nintendo haben seit je her ein Händchen für neue Spielkonzepte, bei denen nicht wie sonst üblich Aggression und Wettkampf im Vordergrund stehen. So gehören sie zur ersten Wahl, wenn Eltern pädagogisch unbedenkliche Spiele für ihre Kinder suchen. Doch Nintendos Stärke ist gleichzeitig auch eine Schwäche: Bei Erwachsenen gilt der Gameboy als Kinderspielzeug -- auch wenn ältere Fans von Mario & Co dies immer wieder vehement bestreiten.

Um von diesem vermeintlichen Image-Makel los zu kommen, heißt die neue Konsole nicht mehr Gameboy, sondern schlicht DS -- Nintendo will das Gerät bei Erwachsenen etablieren und parallel zum Gameboy Advance SP in den Handel bringen.

Das Besondere an der tragbaren Spielkonsole ist ihr zweiter Touchscreen, auf dem die Spiele mit einen Stift oder Daumenring gesteuert werden können. Dies will der japanische Konzern für neue Spielideen nutzen. Prunkstück der insgesamt 14 Starttitel ist "Super Mario 64 DS", eine erweiterte Remix-Version des neun Jahre alten Klassikers der Nintendo-64-Konsole. In der Neuauflage müssen die Spieler Mario und seine Freunde mit dem Stift durch die dreidimensionalen Hüpfarenen steuern. Auch wenn dies technisch einigermaßen gut umgesetzt wurde, ergeben sich daraus keinerlei Vorteile gegenüber dem alt hergebrachten Steuerkreuz. Seine Berechtigung findet der Touchscreen erst in den zahlreichen Mini-Spielchen, die Nintendo zusätzlich mit auf den Spielchip gepackt hat. Da muss man ein Blumenbeet mit einer Gummizwille vor herab fallenden Bomben schützen, Mario auf einem Trampolin in der Luft halten oder mit Luigi Karten spielen. Die Sammlung ist recht einfach gehalten und spricht hauptsächlich Gelegenheitsspieler an. Für mehr als ein paar Minuten hält keines der Spielchen vor.

"WarioWare Touched!" macht die Miniatur-Hektik zum obersten Spielprinzip und präsentiert 180 Reaktionstests, die jeweils nur wenige Sekunden dauern und bei denen der Spieler schnell die neue Situation erfassen muss. Technisch ähneln sich die Aufgaben jedoch stark. Egal, ob man Luftballons zerplatzen lassen, eine Statue frei schlagen oder ein Rohrgeflecht flicken muss: Fast immer geht es darum, mit dem Stift möglichst schnell auf die richtige Stelle zu drücken. Ein ähnliches, wenn auch nicht ganz so hektisches Sammelsurium erwartet den Spieler bei "Project Rub", bei dem der in Spieler 25 Mini-Spielchen das Herz einer virtuellen Freundin erobern muss.

Bei keinem der Titel ist es den Spieldesignern aber bislang gelungen, mit Hilfe des Touchscreens ein abendfüllendes Spielkonzept zu kreieren. Und es bleibt abzuwarten, ob ihnen dies in der näheren Zukunft gelingen wird. So kranken auch neuere Konzepte, wie das vor kurzem in Japan veröffentlichte "Yoshi Touch and Go" daran, dass sie nur für einige Minuten Kurzweil bieten. In dem Yoshi-Spiel steuert man vom Himmel fallende Figuren indirekt, indem man mit dem Stift Rutschbahnen zeichnet und sie so um Hindernisse herum steuert. Doch Yoshi Touch and Go ist eher ein Arcade Spiel mit wenigen sich abwechselnden Leveln als ein ausgewachsenes Jump-And-Run.

Namco will in Pac-Pix den Spielhallenhit auf ungewöhnliche Weise neu beleben. Der Spieler muss den Pillenfresser erst selbst zeichnen, bevor er ihn auf die Geister hetzt. Allerdings wurde bei den bisherigen Vorabversionen noch nicht klar, wie man diese tolle Idee zu einem Vollpreistitel erweitern will.

Zum Systemseller hat Nintendo die in Japan im April erscheinende virtuelle Hundedressur Nintendogs erkoren, deren Schoßhündchen Kinderherzen ähnlich hoch schlagen lassen sollen, wie seinerzeit die Pokémon-Monster. Ob Nintendo damit bei dem anvisierten erwachsenen Publikum punkten wird, darf jedoch bezweifelt werden.

Vollends überzeugt scheint Nintendo selbst nicht von seiner neuen Zweischirm-Konsole zu sein und gab Anfang des Jahres eine Gewinnwarnung an seine Aktionäre heraus, weil unter anderem die DS-Spielverkäufe in Japan und den USA deutlich geringer ausfallen als zunächst erhofft. Zwar konnte man zum Weihnachtsgeschäft 2,8 Millionen Geräte absetzen, in Japan rangieren die aktuellen Verkaufszahlen der DS allerdings unter ferner liefen, weit hinter der Playstation 2 und Sonys neuer PSP. Der US-amerikanische Analyst P.J. McNealy von American Technology Research vermutete daraufhin gar, Nintendo würde einen weiteren Gameboy-Nachfolger in der Preisregion um 100 US-Dollar bereits zum Jahressende vorstellen. Nintendo Deutschland dementierte dies jedoch -- vorerst. In Japan sollen zunächst ab April neue Gehäusefarben das nicht gerade edel wirkende silbergraue Plastik des jetzigen Modells verschönern.

Wenn die DS-Konsole jedoch nicht mit ihren Spielen punkten kann, dann steht ihr bis spätestens Juni eine technisch weit überlegene Konkurrenz in Form der Playstation Portable (PSP) von Sony ins Haus. Während die DS-Konsole in etwa auf die Leistung der Playstation 1 oder Nintendo 64 kommt, ist die PSP eine Generation weiter und kann sich ohne Probleme mit der Playstation 2 messen und spielt darüber hinaus noch Filme und MP3-Musik ab. Diese Features dürfte dem Großteil des erwachsenen Zielpublikums besser gefallen als die Pictochat-Funktion des DS, mit dem man Textnachrichten per Funk von einen DS zum nächsten verschicken kann.

Doch mehr noch als die schwachbrüstigen ARM-Prozessoren, die den DS antreiben, stören dessen dunkle Displays, die lediglich eine Helligkeit von 27 cd/m² erreichen und nur einen schmalen Blickwinkel von 55 bis 60° aufweisen. Immerhin sehen Gameboy-Advance-Spiele auf dem DS etwas farbenfroher aus, weil das reflexive Display des Gameboy Advance SP nur eine Helligkeit von 6,5 cd/m² erreicht. Positiv wirkt sich dies allerdings auf die Akkulaufzeit aus. "Super Mario 64 DS" hält fast sieben Stunden mit einer Ladung durch. Deutlich länger als die Sony PSP, dessen technisch beeindruckende "Ridge Racers" bereits nach etwas über vier Stunden an die Stromtankstelle fahren müssen. Allerdings leuchtet dessen Breitwand-Display mit 108 cd/m² auch viermal so hell.

Sicherlich wird der DS sich in den ersten Wochen auch hierzulande zum Preis von 150 Euro gut verkaufen. Dafür wird nicht zuletzt die 35 Millionen Euro teure Werbekampagne von Nintendo sorgen. Ob das Gerät aber auch langfristig ein Erfolg wird, darüber entscheiden erst die kommenden Weihnachtsgeschäfte 2005 und 2006. Die Messlatte dafür liegt immens hoch -- bislang konnte Nintendo weltweit etwa 180 Millionen Geräte aus der Gameboy-Familie absetzen.

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