No Man's Sky Test: Im Farbenrausch der Weltraumformeln

No Man's Sky: Im Farbenrausch der Weltraumformeln

Test & Kaufberatung | Spielekritik

Bild: c't

Wie packt man ein Universum mit 18 Trillionen Planeten in nur 5 GByte Speicherplatz? Hello Games bemüht dazu in "No Man's Sky" prozedurale Formeln und taucht die Welt in einen Topf mit Retro-Farben.

Was tun, wenn man nur ein kleines Studio hat, aber ein Spiel entwickeln möchte, in dem es ein ganzes Universum zu entdecken gibt? Hello Games greift für sein heute erscheinendes Spiel "No Man's Sky" auf prozedurale Formeln zurück. Damit können sie Trillionen verschiedene Planeten berechnen, die zwar aus ähnlichen Komponenten bestehen, aber alle unterschiedlich aussehen. So passt denn auch das ganze Spiel (erhältlich für PS4 und ab dem 12. August auch für Windows-PCs) in gerade einmal 5 GByte Speicherplatz auf der Festplatte – ein Klacks im Vergleich zu anderen Großproduktionen.

Den Spieler schicken sie los, dieses Universum zu erkunden und zu dessen Kern vorzudringen. Sie werfen ihn dabei gleich ins kalte Wasser und lassen ihn ohne weitere Erläuterungen auf einem fremden Planeten stranden. Sein kleines Raumschiff ist defekt. Also zieht er los, Metalle zur Reparatur der Antriebsdüsen zu suchen. Wieso, weshalb, warum wird nicht erklärt. Der Spieler muss es selbst herausfinden.

Die prozuduralen Landschaften sehen sehr farbenprächtig aus. Die bizarre Pflanzenwelt hat wenig mit der hiesigen Flora gemein. Kleine Tiere hoppeln durch die Gegend und Drohnen kommen ab und zu vorbeigesurt. Solange man sie nicht angreift, lassen sie einen in Ruhe. Mangels schlagkräftiger Kanone, die zudem nur ungenau zielen kann und schnell leergeschossen ist, verhält man sich also lieber ruhig und sucht bei bissigen Angriffen das Weite.

Der Raumanzug kann die Strahlung nur wenige Minuten abwehren. Also wagt man sich nur vorsichtig von seinem Schiff weg, um immer wieder schnell zu ihm zurückzukommen und speichern zu können. Bis man schließlich entdeckt, wie man die Schilde des Anzugs auch unterwegs auftanken kann; dann zieht man größere Kreise.

Noch knapper als die Ressourcen sind die Speicherplätze im Inventar. Allzu schnell sind diese übervoll und auch das Raumschiff quillt bald über. Da gilt es zu entscheiden, welchen Slot man freischaufelt, um dort eventuell eine kleine Anzugsverbesserung einzubauen. Oder sollte man doch lieber mehr Thamium-9 bunkern?

No Man's Sky (21 Bilder)

Die Planetenoberflächen werden prozedural generiert. Sie sehen alle unterschiedlich aus, ähneln sich aber stilistisch.
(Bild: c't)

Hat man nach ein bis zwei Stunden sein Raumschiff flott gemacht, geht es auf den ersten Flug. Immerhin kann man schon durch die Atmosphäre stoßen und zur nächsten Raumstation oder Planeten fliegen. Auf ersterem kann man seine gesammelten Rohstoffe an andere Aliens verticken und auf letzterem weitere Artefakte, Monoliten und Ressourcen suchen.

Der zweite Planet sieht ähnlich aus wie der erste: Bunte Berglandschaft, mit Alien-Pflanzen bewachsen, dazwischen tiefblaue Seen, in denen man tauchen kann. Doch statt Eiseskälte ist es hier brütend heiß und die Steppe schillert nicht violett, sondern limettengrün. Die Farbpaletten sind der Knaller! Sobald man ein unbekanntes Tal erreicht, wird die Entdeckung ins Logbuch eingetragen. Die so erkundeten Planeten kann man in die Cloud hochladen, wofür man mit Kredits belohnt wird. Direkten Kontakt zu Mitspielern gibt es nicht, man bemerkt sie nur, wenn man per Zufall auf einen bereits entdeckten Planeten kommen sollte (was bei 18 Trillionen ziemlich unwahrscheinlich ist).

Mangels Warp-Antrieb kann man das System zunächst nicht verlassen. Dazu muss man erst eine sauteure Einergiezelle entweder selber bauen oder bei einem Händler kaufen. No Man's Sky lässt dem Spieler dabei alle Freiheiten. Nur ein dezentes Symbol auf dem Kompass zeigt an, auf welcher Handelsstation man seinem nächsten Ziel eventuell ein wenig näher kommen könnte.

Der eigentliche Handel ist allerdings sehr schmucklos implementiert. Auf der Raumstation angekommen wartet man auf fremde Raumfahrer, die im Hangar an- und ablegen. Man geht zu ihrem Raumschiff, klickt die Listen für Käufe und Verkäufe an, vergleicht die Preise und bestimmt die Menge. Das geht so lange, bis man die für den Warp-Antrieb nötigen Ressourcen endlich beisammen oder sein Lager abverkauft hat, um Platz für neue Ressourcen zu schaffen, die man auf dem nächsten Planeten findet.

Auch die Gespräche mit den mysteriösen GEK-Aliens fallen überaus karg aus. Mal belohnen sie einen mit einem Artefakt oder weisen einen auf die nächste Station hin. Richtige Dialoge oder Missionen wie in typischen Rollenspielen gibt es jedoch nicht.

Vielmehr ist die Neugier der größte Motivator, No Man's Sky weiter zu spielen. Was hat es mit den Gek auf sich? Wie kann ich diese sündhaft teuren Raumschiffe mit dem größeren Laderaum finanzieren? Was wartet auf mich nach dem nächsten Warp-Sprung? Woher bekomme ich so eine Atlas-Karte, die mir versperrte Türen öffnet?

Auch wenn Spielelemente wie der Handel oder auch die sporadischen Schießereien (später werden die Angreifer agressiver, sodass man sich wohl oder übel verteidigen muss) nur rudimentär ausgearbeitet wurden, besticht No Man's Sky durch seine Atmopshäre. Man fühlt sich tatsächlich wie ein gestrandeter Raumfahrer auf einem fremden Planeten. Dazu tragen die Farbgebungen und Soundkulisse hervorragend bei.

So gerne wie man immer tiefer in die Strukturen einer Mandelbrotgrafik eintaucht, will man auch immer tiefer in das All von No Man's Sky vordringen. Denn obwohl sich die Entdeckungen ähneln (und auf jedem Planeten anscheinend die gleichen Ressourcen-Kanister abgeworfen wurden), sind sie doch immer wieder faszinierend.

Sicherlich stellt sich nach einigen Stunden Routine ein. Ähnlich wie in "Sid Meiers Pirates!" ist das aber nicht unbedingt etwas Schlechtes, denn die simple Spirale aus "entdecken, einsammeln, aufrusten, weiterfliegen" funktioniert auch hier über Stunden, da man immer wieder neue Impressionen bekommt.

Es gibt weitaus bessere Ballerspiele und Handelssimulationen. Doch als Entdeckerspiel ist No Man's Sky eine Wucht. Es holt aus seinen wenigen Ressourcen so viel raus und versetzt den Spieler in fremde Welten, die ihn tatsächlich – wie auch Spiele à la Mirror Moon – immer wieder rätseln lassen. Selbst nach Stunden gibt es noch neue Aha-Momente. Man merkt No Man's Sky den spröden Charme einer Indie-Produktion an – und genau der hebt das Spiel von dem sonstigen Einheitsbrei der Blockbuster-Spiele so wohltuend ab. (hag)

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